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Lübeck Wegen Belttunnel: Travemünder Verkehrszentrale wird international
Lokales Lübeck Wegen Belttunnel: Travemünder Verkehrszentrale wird international
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02:21 24.10.2013
Nautiker Roman Stritzl hat die Wismarer Bucht im Visier — von Travemünde aus.
Travemünde

Eine für alle: Die neue High-Tech- Verkehrszentrale direkt im lübschen Seebad entwickelt sich zum internationalen Dreh- und Angelpunkt für den Schiffsverkehr. Vom Herzstück des Neubaus aus haben schon jetzt drei Nautiker gemeinsam die Küste von Kühlungsborn bis Flensburg im Blick — 24 Stunden am Tag. Seit April sitzen sie in dem verglasten Wachraum mit Blick auf die Trave, dem zentralen Raum des 4,3 Millionen Euro teuren Neubaus des Wasser- und Schifffahrtsamtes Lübeck (WSA).

Die Wächter über die Ostsee arbeiten im Schichtsystem — insgesamt sind 18 Nautiker beschäftigt. Und ab 2016 kommen noch einmal so viele dazu. Diese neuen Kollegen werden den Fehmarnbelt genauer unter die Lupe nehmen — denn dann sollen die Bauarbeiten für den Tunnel zwischen Deutschland und Dänemark starten. Immer drei der neuen Nautiker bewachen zusammen den Fehmarnbelt rund um die Uhr — von Travemünde aus.

„Das ist für uns ein richtig großes Ding“, sagt Henning Dierken, WSA-Chef in Lübeck. Denn es geht um eine internationale Zusammenarbeit mit den Dänen. Geplant ist, dass jeweils ein dänischer und ein deutscher Nautiker in dem großen Wachraum der Verkehrszentrale sitzen — zudem ein Nautiker vom Dienst, der das Kommando hat. Dierken freut sich über den Zuwachs: „Die deutsch- dänische Kooperation ist das I-Tüpfelchen für unsere Verkehrszentrale.“ Das neue Team muss für die Sicherheit im Fehmarnbelt sorgen. Immerhin passieren ihn jährlich 55 000 Schiffe der Berufsschifffahrt. „Durch die Bauarbeiten ändert sich der Verkehrsweg für die Kapitäne — alles sieht völlig anders aus“, erklärt Gerhard Müller-Hagen, Leiter der Travemünder Verkehrszentrale.

Geplant ist, dass der Tunnelbau jeweils von den Landseiten aus begonnen wird. Dadurch wird die 20 Kilometer breite Passage um insgesamt 1,8 Kilometer enger für die durchfahrenden Schiffe. Je weiter die Bauarbeiten fortschreiten, desto schwieriger wird die Passage für die dicken Pötte. Ab einem bestimmten Zeitpunkt müssen sie dann sogar um die Baustelle auf dem Wasser herum geleitet werden. Außerdem muss auch der Bauverkehr ins Visier genommen werden — denn unter anderem sollen 200 Meter lange Betonteile für den Tunnel mit vier Schleppern über den Fehmarnbelt transportiert werden. Dies alles zu koordinieren, ist Aufgabe des dänisch-deutschen Nautiker-Teams.

Die zusätzlichen Arbeitsplätze im 130 Quadratmeter großen Wachraum der Verkehrszentrale sind bereits eingerichtet. Als der Neubau 2006 entwickelt wurde, war von den Plänen mit den Dänen noch nichts bekannt. Aber das WSA hatte Glück im Unglück: Zwar verzögerte sich der Bau der neuen Verkehrszentrale Travemünde, aber dafür konnten die baulichen Anforderungen für die deutsch-dänische Zusammenarbeit nachträglich in den Wachraum integriert werden.

Nun stehen dort drei riesige, gebogene Schreibtische, sie können auf Stehhöhe hochgefahren werden — daran sind jeweils zehn bis zwölf Bildschirme montiert. Von dort aus wird ab 2016 der Fehmarnbelt beobachtet. In der ersten Reihe davor sind noch einmal drei baugleiche Arbeitsplätze eingerichtet. Links flackert die Kieler Bucht über den Schirm, in der Mitte die Trave — und ganz rechts Wismar. Täglich sind in dem Gebiet 1300 Schiffe unterwegs — vom kleinen Segelboot bis zum dicken Tanker. Davon zählen etwa 300 zur Berufsschifffahrt. Die komplette Computertechnik für den Wachraum liegt eine Etage tiefer — im Kellergeschoss. Dierken ist stolz auf den schicken Neubau: „Das ist die derzeit modernste Verkehrszentrale.“

Der Mann, der die Schiffe lenkt
Roman Stritzl sieht alles. Auf seinen Bildschirmen sind 30, 40 Schiffe zu erkennen. Deren Kapitäne müssen sich alle bei dem Nautiker melden, wenn sie in Wismar anlegen wollen. Allerdings ist nicht immer leicht zu verstehen, was da per Funk aus dem Lautsprecher quillt. Diesmal ist es Englisch mit stark osteuropäischen Akzent. Einmal nachfragen — ah ja: Die „Arklow Raider“ meldet, dass sie in einer Stunde Wismar erreicht. Sie kommt aus Newport, England. Bevor sie an den Kaikanten anlegt, wird sie sich noch vier weitere Male bei Strizl melden — der Nautiker kann die genaue Schiffsposition auf seinem Schirm verfolgen. Länge, Breite, Tiefe, Flagge — das alles erscheint auf dem Bildschirm. Bei der Größe der „Arklow Raider“ ist klar: Die braucht einen Lotsen, weil sie die Maße von 90 Meter Länge, 13 Meter Breite und fünf Meter Tiefgang überschreitet. Da ist Hilfe beim Einparken des Pottes angesagt.

Jede Stunde gibt Stritzl die Wetterinfos per Funk an die Kapitäne durch. Auf seiner Frequenz hört jeder jeden. Heute ist es ruhig: Wind aus Südost, 1000 Meter Sicht, keine Windwarnung. Doch, da gibt es noch etwas Besonderes: Vor Putlos liegen zwölf Styropor-Würfel im Wasser. Die hat die Bundeswehr dort deponiert. Ist ein bisschen wie beim Verkehrsfunk im Radio. Nur dass Stritzl sehen kann, wohin seine Hörer auf dem Wasser wollen — Lagos, Rotterdam. Kriegt er da Fernweh? „Nein“, der Nautiker schüttelt den Kopf. Er macht diesen Job seit 40 Jahren, war lange auf See unterwegs. Heute findet er den Schichtdienst in der Verkehrszentrale angenehm. „Da ist man näher an zu Hause.“ Und dann sagt er noch: „Eigentlich bin ich Eisenbahner.“ Denn er hat früher auf der Fähre zwischen Puttgarden und Rödby gearbeitet, die gehörte einst der Bahn. Er schmunzelt, da sei er „Navigator“ gewesen. jvz

Josephine von Zastrow

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