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Lübeck Wehdehof: Archäologische Funde von der Baustelle verschwunden
Lokales Lübeck Wehdehof: Archäologische Funde von der Baustelle verschwunden
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21:33 14.07.2016
Große Baugrube: Im Wehdehof wird ein neues Parkhaus gebaut. Jetzt gibt es Ärger mit der Archäologie. Quelle: Olaf Malzahn
Innenstadt

So geht’s nicht: Auf der Riesen-Baustelle Wehdehof haben Bauarbeiter archäologische Funde abtransportiert – ohne dass die Archäologen darüber informiert wurden.

Die Stadt verhängt Baustopp – Sechs bis acht Wochen graben nun die Experten – Der Verstoß kann bis zu 500 000 Euro kosten – Der Bauherr widerspricht.

Das bestätigt die Hansestadt auf LN-Anfrage. „Von der Baustelle sind Funde unkontrolliert weggekommen – leider“, gibt Manfred Schneider, Leiter der Archäologie, zu. Der Vorfall habe sich Mitte Juni ereignet. Dabei handelt es sich um einen Verstoß gegen das Denkmalschutzgesetz. Der kann bis zu 200 000 Euro kosten. Ist das unterirdische Denkmal vorsätzlich verschwunden, kann die Strafe sogar bis zu 500 000 Euro betragen. Der Bauherr indes widerspricht. Es sei nichts abtransportiert worden.

Der Hintergrund: Im Wehdehof wird ein neues Parkhaus mit 630 Stellplätzen errichtet. Bauherrin ist Harriet von Ladiges, die Kosten belaufen sich geschätzt auf mehr als zehn Millionen Euro. Die Baustelle ist riesig. Verschwunden sind die archäologischen Funde auf einer 1000 Quadratmeter großen Fläche, die hinter dem Buddenbrookhaus liegt. Weggekommen sind dort offenbar Findlinge eines Brunnens, so Schneider. Die Steine wurden abtransportiert, das Areal planiert. Die Archäologen haben davon bei einer Kontrolle der Baustelle Wind bekommen. Daraufhin hat die Stadt einen Baustopp verhängt. Nun gehört das Areal den Archäologen. Sechs bis acht Wochen werden sie graben. Zu Tage gekommen ist eine Backstein-Kloake.

„Es gibt Schwierigkeiten in der Kommunikation zwischen Bauherren und der Archäologie“, bestätigt Bürgermeister Bernd Saxe (SPD). So etwas komme mal vor, aber die meisten Bauherren arbeiteten konstruktiv mit der Archäologie zusammen. „Ich hoffe sehr, dass wir auch bei diesem Vorhaben dahin kommen.“ Immerhin: Aktuell sitzen die Archäologen und der Bauherr zusammen und stimmen die Baupläne miteinander ab. „Damit die Baustelle in Kontrolle der Archäologie freigelegt wird“, sagt Schneider. Das sei das übliche Verfahren bei jeder Baustelle in der Altstadt – und hätte vor Baubeginn erledigt werden müssen.

Wurde es aber nicht. Denn nach Aussage der Stadt wollte der Bauherr ursprünglich gar nicht so tief in der Erde graben. Geplant war, das marode Parkhaus nur bis zum Fundament und der darunterliegenden Schüttungsschicht abzutragen. Doch: „In der ersten Bauphase ist mehr gemacht worden, als genehmigt war“, berichtet Schneider. Das heißt: Das Parkhaus durfte nicht weiter in die Höhe wachsen, also wuchs es in die Tiefe. Doch wer in den Boden der Altstadt gräbt, muss das mit der Archäologie tun. „Das wusste der Bauherr“, sagt Schneider. Denn seit 2012 sei die Archäologie immer bei den Baugesprächen dabei gewesen.

Der Bauherr indes sieht den Vorfall anders. „Es kann nicht bestätigt werden, dass archäologische Funde abtransportiert wurden“, sagt Ramin Salsali von der Neue St. Marien Parkhaus GmbH & Co KG. Er verstehe wirklich nicht, „wer solche Behauptungen aufstellt und was mit diesen negativen Nachrichten bezweckt wird“. Man habe eine denkmalrechtliche Genehmigung vom 22. März für die Bodenarbeiten vorzuweisen. Man zahle die Kosten der Archäologie und „unterstütze die Abteilung mit allen Daten und Informationen“. Doch „die Archäologie teilte mit, dass das notwendige Personal fehle, um die Arbeiten zeitnah zu erledigen.“ Man sei bereit, die zusätzlichen Personalkosten zu bezahlen. „Wir stehen unter erheblichem Zeitdruck.“ Zum Weihnachtsgeschäft sollte das Parkhaus fertig sein. Ob das Datum zu halten ist, sagt Salsali nicht.

Massive Kritik kommt von der Bürgerinitiative Rettet Lübeck (Birl). „Damit macht man sich eigentlich straffällig“, sagt Manfred Finke vom Vorstand. Er habe die Baustelle Wehdehof oft besucht. Finke: „Ich klage immer wieder über die nonchalante Art der Bauherren in der Altstadt.“

Besonderes Altstadt-Areal

Die Baustelle Wehdehof befindet sich auf einem besonderen Areal. Denn im 13. Jahrhundert wurde die Lübecker Altstadt um ein Drittel vergrößert. Bis dato verlief das Ufer der Trave ungefähr dort, wo heute das Theater an der Beckergrube steht. Daher erhoffen sich Archäologen von der Baustelle Wehdehof Aufklärung über Lübecks Geburtsstunde. In Richtung Beckergrube könnte man möglicherweise auf alte Uferbefestigungen aus der Zeit vor dem 13. Jahrhundert stoßen – und damit Hinweise auf die erste Lübecker Siedlung von 1144 erhalten. Manfred Finke von der Bürgerinitiative Rettet Lübeck: „Man könnte Erkenntnisse über Lübecks Anfangszeit gewinnen.“

 Josephine von Zastrow

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