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Lübeck Weiher: Kreuzfahrtanleger vor dem Brodtener Ufer?
Lokales Lübeck Weiher: Kreuzfahrtanleger vor dem Brodtener Ufer?
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22:48 19.04.2017
Ein vorgelagerter Anleger könnte auch das Brodtener Steilufer schützen, hofft Senatorin Weiher.
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Travemünde

 „Das hätte auch den Vorteil, dass dem dringend notwendigen Schutz des immer weiter abbröckelnden Steilufers gedient wäre.“ Für diesen überraschenden Vorschlag erntet sie heftigen Gegenwind. Dabei steht Weiher mit solchen Überlegungen nicht allein. Auch der Verein Lübeck Cruise sucht nach einem Durchbruch in der festgefahrenen Debatte.

Bürgermeisterkandidatin kann sich Fähranleger an der Steilküste vorstellen – Verein Lübeck Cruise sucht auch Standorte abseits der Trave.

„Der Verein wird in Kürze ein Gutachten in Auftrag geben, in dem alle möglichen Standorte, auch abseits der Trave, für einen Kreuzfahrtanleger von adäquater Größe untersucht werden“, berichtet Prof. Sebastian Jürgens, Vorsitzender des Kreuzfahrt-Fördervereins und Geschäftsführer der Lübecker Hafen-Gesellschaft (LHG). Auch die Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Lübeck hält die grundsätzliche Überlegung, weitere Standorte zu prüfen, für richtig. „Einen Anleger vor dem Brodtener Ufer sehe ich aber nicht als idealen Standort“, erklärt Geschäftsführer Rüdiger Schacht. „Ich bin Weiher dafür dankbar, dass sie sich eines Themas annimmt, das Lübeck seit zehn Jahren verschlafen hat“, sagt Ulf von Danckelmann, Vorsitzender der Travemünder Wirtschaftsgemeinschaft (TWG).

„Kreuzfahrttourismus ist ein Wachstumsmarkt, von dem auch Lübeck profitieren sollte“, sagt der CDU-Wirtschaftspolitiker und Landtagskandidat Ulrich Krause, der die grundsätzliche Debatte begrüßt, aber das Brodtener Ufer für falsch hält. Auch die Grünen loben, „dass Weiher eine festgefahrene Diskussion wieder geöffnet hat“. Das Brodtener Ufer lehnen Fraktionschefin Michelle Akyurt und Umweltpolitikerin Silke Mählenhoff aber ab. „Das steht nicht zur Disposition“, sagt Mählenhoff, „denn die ökologisch wertvolle Flachwasserzone muss geschützt werden.“ Die Liberalen wollen nicht „jede Idee vorschnell als unrealisierbar abtun“, erklärt Landtagskandidat Timon Kolterjahn, „eine Kombination aus Küstenschutz und Anlegemöglichkeit für Kreuzfahrt-Shuttleboote wäre eine interessante Möglichkeit.“

Am 22. April beginnt die Kreuzfahrt-Saison in Travemünde. Die „Braemar“ von Fred. Olsen Cruise Lines macht am Ostpreußenkai fest. Drei Mal kommt das knapp 196 Meter lange Schiff in dieser Saison ins Ostseebad. 14 Anläufe sind derzeit geplant. Damit fällt die Saison noch kümmerlicher aus als 2016 (18 Anläufe). Der Kieler Hafen erwartet in diesem Jahr 142 Anläufe und rund 500000 Passagiere. 2016 waren es sogar 148 Anläufe. Rostock rechnet mit 192 Anläufen und 800000 Passagieren, Hamburg kalkuliert mit 200 Anläufen und 800000 Gästen.

Denn Weiher will ja nicht das Steilufer mit einem Terminal, Busspuren und Straßen zupflastern. „Es wäre somit zu prüfen, inwieweit kleinere Schiffe den weiteren Transport der Gäste übernehmen könnten“, sagt die Bürgermeister-Bewerberin.

Das sei „Kreuzfahrt-Irrsinn“, betont der SPD-Wirtschaftspolitiker Jörg Hundertmark. Unausgegoren und unüberlegt sei Weihers Vorstoß. Man könne nicht ernsthaft im Naturschutzgebiet Kaianlagen aufschütten. Die SPD gibt sich damit zufrieden, dass „viele Hunderttausende Tagesgäste von den Kreuzfahrthäfen Hamburg, Kiel und Wismar zu uns kommen“, so Hundertmark. Der städtische Hafenexperte Hans-Wolfgang Wiese teilt die SPD-Bedenken. „Ein separater Anleger kostet sehr viel Geld, und 3000 Passagiere eines großen Kreuzfahrers auf kleineren Schiffen an Land zu befördern, ist unausgegoren.“

Doch auch Wiese räumt ein, dass die Zukunft nicht in der Trave liegt. Denn die nächste Generation von Urlauberschiffen wird zwischen 300 und 400 Metern lang. Die passen nicht einmal mehr an den Skandinavienkai.

Kommentar zum Thema: Mehr Mut zu unkonventionellen Ideen

Von Sven Wehde.

Also, die Idee eines Kreuzfahrtanlegers direkt vor dem Brodtener Ufer ist tatsächlich nicht besonders realistisch. Doch auch wenn die Senatorin und parteilose Bürgermeisterkandidatin Kathrin Weiher einen nicht durchdachten Vorschlag gemacht hat, gebührt ihr Anerkennung. Denn die Botschaft ist: Lasst uns mal anders denken! Oft lassen sich die besten Lösungen finden, wenn man ausgetretene Pfade verlässt. Dafür braucht es unkonventionelle Vorschläge, auch Schnellschüsse. Und für diese braucht es Mut, denn meistens wird man dafür vom politischen Gegner erstmal abgewatscht. In diesem Fall von der SPD, die von „Kreuzfahrt-Irrsinn“ spricht.

Spannend, dass hingegen CDU oder Grüne Weiher für den Denkanstoß loben, auch wenn sie das Brodtener Ufer für ungeeignet halten. Ihre Reaktionen bleiben sachlich. Natürlich tun sie das nur, weil Weiher ihre Bürgermeisterkandidatin ist und sie sie nicht beschädigen wollen. Wirklich bemerkenswert wäre es, wenn es ihnen gelänge, bei einem Vorschlag des SPD-Kandidaten Jan Lindenau genauso zu reagieren. Mal schauen.

Ein Kommentar von Sven Wehde

 Kai Dordowsky

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