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Lübeck Auf der Ozeanstraße nach Melbourne
Lokales Lübeck Auf der Ozeanstraße nach Melbourne
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15:42 02.11.2018
Nach 500 Tagen: Luisa Rische und ihr Fahrrad „Anton“ erreichen Melbourne. Quelle: Luisa Rische
Lübeck/Melbourne

Auf vier Beinen balanciert das katzengroße Tier auf dem weißen Streifen am Straßenrand entlang. Es bewegt sich wie ein Affe, kurz davor mir die Bananen vom Fahrrad zu stehlen. Gibt es Affen in Australien? Es gibt ja auch Kamele, überlege ich, dann erkenne ich, was es ist: ein Koala. Ich schleudere fast meine Kamera auf die Straße, als ich sie in Windeseile hervorhole. Doch das graue Tier mit dem weißen Bart hat es nicht eilig. Erst als sich Autos nähern, sprintet es los, direkt vor die Motorhauben. Ich fuchtle wild mit den Armen. Die Autokolonne hält. Währenddessen hat der Koala schon wieder umgedreht, läuft auf mich zu, als ob er mir in die Arme springen will. Vor meinem Rad stoppt er – ich scheine ihm doch nicht ganz geheuer zu sein – und schaut mich mit seinen großen Augen an.

Ich bin auf der Great Ocean Road, der großen Ozeanstraße zwischen Adelaide und Melbourne. Die Straße ist eine Mischung aus schmaler Küstenstraße und steilem Gebirgspfad, eine Straße zum Staunen, quer durch die Natur, eine Straße überflutet von Touristen. Ich stelle mir vor, wie es wäre, ganz allein auf der Great Ocean Road zu sein. Eine Nacht verbringe ich in den Dünen über dem rauschenden Ozean, die nächste Nacht schlafe ich im feuchten Regenwald. Das Wetter ist sonnig, die Nächte immer noch kalt, der Rückenwind mir treu. Melbourne ist nicht mehr weit.

500 Tage bin ich zu diesem Zeitpunkt unterwegs. 15 Länder. 25 000 Kilometer. Vor 500 Tagen hörte sich das noch ziemlich beeindruckend an. Heute ist es für mich Alltag, jede Nacht woanders zu schlafen, jeden Tag zu radeln, jeden Tag neue Menschen kennenzulernen. Wenn ich allerdings alte Bilder betrachte, vor der großen Mauer in China, zwischen den Häuserschluchten Tokios, auf den Märkten Vietnams, dann denke ich immer: War ich das? Habe ich das wirklich alles erlebt? Es fühlt sich an, als ob ich auf das Leben eines anderen blicken würde. Und doch sind es meine Gefühle, meine Ängste, meine Hoffnungen, die hochkommen, wenn ich die Bilder sehe.

Ich fahre mit der Fähre nach Melbourne, mit der nächsten Fähre durch die Nacht nach Devonport, Tasmanien. 1200 Meter geht es hoch. Schrittgeschwindigkeit. Serpentinen. Nach 5000 Kilometern – mehr oder weniger – durch die Ebenen des Hinterlands, trägt mich meine Begeisterung den Berg hinauf. Das tasmanische Hochland hat noch nicht mitbekommen, dass es Frühling ist. In der Nacht stülpe ich eine der Radtaschen über das Fußende meiner Schlafsäcke. Am Morgen ist das Wasser in meinen Flaschen eingefroren.

Ich radle um einen Bergsee herum, der wie ein Spiegel daliegt und von verlassenen Fischerhütten umringt ist. Zu dieser Jahreszeit verirren sich nicht viele ins Zentralgebirge, das im Winter von Schnee bedeckt ist. Über Bothwell geht es ins Tal nach New Norfolk, am Derwent Fluss entlang nach Hobart und über die vorerst letzte Passstraße ins Huon Valley. Im südlichsten Tal Australiens stehen die Apfelbäume in voller Blüte. Ich stelle mir vor, wie ich in einen knackigen, saftigen Apfel beiße. Doch ich bin zur falschen Jahreszeit im Huon Valley, die runden Früchte nur ein ferner Traum.

Als ich bei meinen Gastgebern, Cheryle und Denis, in Glen Huon ankomme, esse ich dann erst einmal einen Apfel aus dem Supermarkt, um die Gier zu stillen. Und danach noch einen Fruchtkuchen, eine heiße Schokolade und Kekse. Die zwei Rentner sind alte Bekannte. Als wir uns auf einem der Zeltplätze der Nullarbor trafen, luden sich mich ein, sie in Tasmanien zu besuchen. Und dieser Einladung bin ich nur allzu gern gefolgt.

Die zwei wohnen fern der nächst größeren Stadt Huonville, am Huon River, zu dem sie vom Garten aus Zugang haben. Der Garten ist ein Traum aus allen Farben: englischer Rasen, Rosen und Birken, Kartoffeln, Spargel und Erdbeeren. Eigentlich will ich nur einen Tag bleiben, doch es ist viel zu schön, dieses Idyll überstürzt zu verlassen. Cheryle und Denis haben zudem ganz andere Pläne. Wir gehen wandern, fahren zum Leuchtturm auf Bruny Island, erkunden die Ruinen in Port Arthur und blicken vom Mount Wellington auf Hobart. Der Abschied fällt schwer. Wir einigen uns, dass ich nach meiner Reise zurückkomme, ihnen für Kost und Logis im Garten helfe und in meiner Freizeit ein Buch über meine Reise schreibe. Abgemacht.

Auf dem Rückweg nach Devonport komme ich eine Nacht bei Anita und Mick unter. Eher zufällig. Umringt von umzäunten Bauernhöfen, weiß ich nicht, wo ich mein Zelt aufstellen soll. Ich frage nach und lande so auf dem Grundstück der beiden Bauern. Es gibt Gemüse und tasmanischen Wein zum Abendbrot, Obst zum Frühstück und viele Gespräche. Die zwei sind gerade erst aus Afrika zurückgekommen. Sie erzählen, wie atemberaubend es war, all diese fremden Tiere in der freien Natur zu erleben. Ich antworte, dass es mir genauso in Australien geht: Kängurus, Wombats, Koalas, Delfine.

Zurück in Melbourne. Diesmal bleibe ich einige Tage, hangle mich von Kunstgalerie zu Kunstgalerie, komme in Versuchung, mein ganzes Geld in der Northside auszugeben, gönne mir dann doch ein Eis und radle die Boxengasse im Albert Park entlang. Vor 15, 16, 17 Jahren holte mich im März am Sonntagmorgen um fünf Uhr der Wecker aus dem Schlaf, um das erste Rennen der Formel-1-Saison in Melbourne zu sehen. Es ist also einer dieser Momente, in denen ich Pipi in den Augen habe, einer dieser Momente, in denen mir klar wird, was ich geschafft habe. Weltumradlerin seit 500 Tagen.

Luisa Rische

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