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Lübeck Wenn Google nicht mehr weiterhilft
Lokales Lübeck Wenn Google nicht mehr weiterhilft
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21:25 12.06.2017
Recherchieren, wo Kunden Antworten auf ihre Sachfragen finden: Angela Buske und Bernd Hatscher, Chefs der Stadtbibliothek. Quelle: Fotos: Ulf-Kersten Neelsen

„Relevanzgeprüfte Information statt postfaktischer Behauptungen“ – mit diesem Slogan wirbt Bernd Hatscher im neuesten Jahresbericht für die Dienstleistung seiner Stadtbibliothek. Die Bibliothekare können auf einen umfangreichen Wissensschatz zugreifen – eine Million Medien, 20 Tageszeitungen, 400 Fachzeitschriften, einen Digitalverbund mit 1000 weiteren Bibliotheken, zwei Millionen Zeitungsseiten auf Mikrofilm, 150 Millionen digitalisierte Buchseiten. Fragen, die „nicht rasch zu googeln sind“, beantworten Hatscher und sein Team. Die Kunden wissen das zu schätzen. Zwischen
40 000 und 70 000 Anfragen bearbeiten die Bibliothekare pro Jahr. Im vergangenen Jahr waren es 52 967. Umgerechnet auf die Öffnungstage waren es 175 pro Tag.

52967 Anfragen von Bürgern beantworteten die Mitarbeiter der Stadtbibliothek vergangenes Jahr.

„Viele Kunden fragen an der Information nach einem Roman“, beschreibt die stellvertretende Direktorin Angela Buske die Bandbreite der Wünsche. „Es kommen auch viele Schüler, die hilflos vor einem Aufsatzthema stehen.“ Immer wieder aber kommen richtige Rechercheaufgaben auf die Wissensexperten zu. „Ich hatte einmal einen Architekturstudenten, der etwas über die Kulturtankstelle in der Wallstraße recherchieren wollte“, berichtet Buske. Sie wurde in den Vaterländischen Blättern fündig.

Vor allem Themen, die über mehrere Sachgebiete reichen, fordern die Bibliothekare heraus. Direktor Hatscher hatte bei der Frage eines Studenten „Lübeck gilt als Wegbegleiter der modernen Hochregaltechnik: Wo kann man heute noch Beispiele finden?“ eine harte Nuss zu knacken. Mehrere Tage recherchierte er zusammen mit einem Kollegen. Hatscher: „Wir haben herausgefunden, dass die Ausgangsthese nicht stimmt.“ Ein anderer Kunde hatte in den Nachrichten von den Betrugsvorwürfen gegen den damaligen US-Präsidentschaftsbewerber Donald Trump und seine Privat-Uni gehört und wollte mehr wissen. Die Bibliothekare fanden über die digitale Bibliothek mehrere Aufsätze dazu. Hatscher: „Der Kunde war zufrieden.“ Ziel der Recherche sei gar nicht immer die konkrete Antwort. Hatscher:

„Wir wollen die Fragesteller auf das richtige Gleis setzen.“

Der Unterschied zu den Suchmaschinen im Internet? Man finde zwar das Medium, komme aber oft nicht an den Inhalt heran. „Wir unterhalten kostenpflichtige Abos bei Datenbanken, die die Kunden sich in der Stadtbibliothek ausdrucken können“, erklärt der Direktor. Auch sein Haus stößt allerdings an Grenzen der Wissensvermittlung. „Aktuell gibt es 33 000 Datenbanken, die können wir nicht alle abonnieren“, räumt Hatscher ein. Wichtig ist den Bibliothekaren, dass kein eindimensionales Wissen vermittelt wird. „Durch die Breite unseres Angebots können wir verschiedene Sichtweisen bieten“, erklärt Angela Buske. Aktuell werde das beim Thema Migration stark nachgefragt.

Für 300000 Euro können die Bibliothekare jedes Jahr neue Medien einkaufen. Hatscher: „Jährlich erscheinen 90000 Bücher in Deutschland neu, wir können 30000 Exemplare verschiedener Medien anschaffen.“ Und damit das alte Haus und die vier Stadtteilbibliotheken nicht aus allen Nähten platzen, werden knapp 10000 Medien jedes Jahr aussortiert.

Die Chefs der fast 400 Jahre alten Bibliothek legen viel Wert auf moderne Technik – auf digitale Kataloge, E-Books und WLan. „Die WLan-Nutzung wuchs 2016 um fast 43 Prozent“, heißt es im Jahresbericht. „Damit wurden Dokumente und keine Videos oder Spielfilme heruntergeladen“, weiß Direktor Hatscher. Im Erdgeschoss stehen aber auch noch ein paar alte Schreibmaschinen. Hatscher: „Die sind für die Fernleihe.“

Zahlen für 2016

1,06 Millionen Medien hielt die Stadtbibliothek mit ihren vier Außenstellen im vergangenen Jahr vor. 292337 Besucher wurden gezählt, außerdem wurden die digitalen Angebote 661 718 Mal genutzt. 36 Prozent der Kunden sind bis zu 18 Jahre alt, fast die Hälfte des Publikums zählt weniger als 26 Jahre, 14 Prozent der Besucher sind 60 und älter. Frauen nutzen die Bibliothek häufiger als Männer (63 zu 37 Prozent). Von den 52 Planstellen sind aktuell 48,5 besetzt.

 Kai Dordowsky

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