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Lübeck Wer sind die Nichtwähler?
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23:06 05.11.2017
Leere vor dem Wahlbüro: Die Mehrheit ging nicht zur Wahl. Quelle: Sven Wehde
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Lübeck

Während Bürgermeister Bernd Saxe drinnen im vollen Börsensaal die Ergebnisse erläutert, die mit bunten Balken auf der großen Leinwand erscheinen, läuft draußen eine Gruppe junger Leute über den leeren Markt. Ob sie heute gewählt hätten, fragt der Reporter. „Nee“, sagt einer der Männer. „Interessiert mich auch nicht so. Ich bin hier geboren“, fährt er trotzig fort, „aber ich weiß nicht mal, wer Bürgermeister war oder ist.“ Die Gruppe zieht weiter. „Jetzt mal ehrlich“, fragt der Mann, noch in Hörweite, seine Freunde, „wisst ihr, wer Bürgermeister war?“ Eine Frau antwortet ihm zornig: „Saxe vielleicht, du Vollidiot?“

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Es gibt in Deutschland keine Wahlpflicht. Wer nicht wählen geht, verletzt keine Gesetze und hat keine Nachteile zu befürchten. Aber über ihre Gründe reden Nichtwähler nur ungern und wenn doch, dann fast immer unter der Bedingung, dass ihr Name nicht genannt wird.

Eine andere junge Frau, wenige Minuten später vor dem Rathaus auf der Breiten Straße: „Ich interessiere mich nicht für Politik. Weil es mich negativ beeinflusst. Ich bekomme schlechte Laune oder werde traurig, wenn ich mir die Nachrichten angucke.“ Sie interessiert sich für Tiere und die Natur, sie ist Mitglied im Arbeiter-Samariter-Bund. Die wirklich wichtigen Sachen höre sie im Radio. Aber viel mehr als die Wahl von Donald Trump und Terroranschläge, die sie durcheinanderbringen, kann sie nicht nennen. Sie bekennt, noch nie gewählt zu haben. Einmal gebraucht sie das Kürzel AfD. Was verbindet sie damit? „Gar nichts. Irgendwas Negatives.“ Mit ihren Freunden rede sie nicht darüber, wer wählen gehe. „Das geht mich nichts an.“ Die Frau spricht freundlich, offen und anscheinend ehrlich. Ihr Freund rät ihr davon ab, ihren Namen zu nennen. Sie fügt sich.

Ein Kommentar von LN-Chefredakteur Gerald Goetsch

Der 77-jährige Mann sitzt am Nachmittag des Wahlsonntags an einem großen, runden Tisch in der Diele des Männerwohnheims der Heilsarmee an der Engelsgrube. Seinen Namen will auch er nicht nennen. Wer hier untergebracht ist, hat ein Wohnungsproblem und noch beliebig viele andere Probleme dazu. Aber der Mann, der seit zwei Jahren hier lebt, nimmt die Welt um sich aufmerksam wahr. Er liest Zeitung – die LN, den Sportteil der „Bild“-Zeitung, manchmal kauft er sich ein „Hamburger Abendblatt“. „Selbstverständlich“ wisse er, dass heute Bürgermeisterwahl sei. Er habe auch eine Wahlbenachrichtigung bekommen. „Die lag zwei Minuten später im Mülleimer.“ Zuletzt habe er zu Zeiten des Bundeskanzlers Helmut Schmidt gewählt. Seit dem Ende der sozialliberalen Koalition im Bund nicht mehr. „Politiker sind für mich Lügenbolde, um es mal ganz krass zu sagen.“

Sehen Sie hier, wie sich die Kandidaten im Video selbst vorstellen: 

Wieder am Abend in der Fußgängerzone: die erste Nichtwählerin, die ihren Namen nennt. Silke Weiß (49) wählt „prinzipiell nicht“, sagt sie. Bei der Bundestagswahl hat sie eine Ausnahme gemacht, bei der Landtagswahl nicht. „Das, was die versprechen“, sagt sie über die Lübecker Bürgermeisterkandidaten, „das können die doch gar nicht umsetzen, so verschuldet, wie Lübeck ist.“ Trotzdem wünscht sie sich einen Bürgermeister, der „endlich mal was umsetzt“. Sie klagt allgemein über die „Zustände in Lübeck“, über die Mitglieder der Bürgerschaft und die Beschlüsse, die sie in ihren „Prunksälen“ fassen. Zwei konkrete Themen nennt sie: die Beteiligung von Anwohnern an Straßenbaukosten und die Possehlbrücke. Selbst politisch aktiv werden wolle sie nicht: „Da wär’ ich völlig fehl am Platz. Dafür wär’ ich nicht durchsetzungsfähig genug.“

Hanno Kabel

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