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18:21 07.10.2017
Dominik Kuhn (l.) und Jan Lokers mit einer prachtvoll gestalteten Urkunde des englischen Königs Eduard VI. von 1547. Quelle: Fotos: Lutz Roessler

Der englische König Eduard VI. war neun Jahre alt, als er mit einer prächtig gestalteten Urkunde den Hansestädten 1547 sämtliche Privilegien bestätigte. Eduard war der langersehnte männliche Thronerbe des berühmt-berüchtigten Königs Heinrich VIII. Die Regierungsgeschäfte führte für ihn ein Regentschaftsrat.

Im Lübecker Stadtarchiv liegen Dokumente von welthistorischer Bedeutung. Einige davon hat die Unesco für das Programm „Memory of the World“ nominiert. Was macht sie so wertvoll? Archivdirektor Jan Lokers und sein Mitarbeiter Dominik Kuhn haben Antworten auf diese Frage.

Die Urkunde, eines der Renommierstücke des Stadtarchivs, besteht aus fünf großen Pergamentbogen – es war einiges an Privilegien zusammengekommen über die Jahrhunderte. Ihr lateinischer Text ist in perfekt gestalteter Schrift dargestellt. Eine aufwendige, farbenfrohe Illustration zeigt den König (dargestellt als Erwachsener), der einem Kaufmann das Dokument überreicht. An einer geflochtenen Seidenschnur hängt das handtellergroße, auf beiden Seiten mit feinen Reliefs versehene Königssiegel.

„So eine prachtvolle Urkunde hat man nicht nur ins Archiv gelegt, sondern auch gezeigt“, sagt Lokers. Für die hanseatischen Kaufleute, denen in England die einheimische Konkurrenz zusehends zu schaffen machte, war diese Bestätigung im 16. Jahrhundert ein wichtiger Erfolg. Den wird es nicht umsonst gegeben haben. „Wir müssen davon ausgehen, dass auch Geld geflossen ist“, sagt Archivdirektor Jan Lokers.

Von Dauer war der Erfolg allerdings nicht. Eduard VI. starb 1553 mit 15 Jahren. 1554, als seine Halbschwester Mary ihm auf den Thron gefolgt war, widerrief England die Privilegien der Hanse.

Für einen Krieg gegen Dänemark brauchten die Hansestädte Geld. Deshalb beschlossen sie 1367 in Köln einen sogenannten Pfundzoll. Das war eine Abgabe auf alle Ein- und Ausfuhren in den Häfen der beteiligten Städte. Der jeweilige Rat kontrollierte die Einhaltung der Vorschrift.

Bei den Hansetagen mussten die Gesandten der Städte dann die Zollkassen mitbringen und die Bücher, in denen die Einnahmen verzeichnet waren. Ein solches Pfundzollbuch aus den Jahren 1368 bis 1371 ist im Lübecker Stadtarchiv erhalten, ein dicker Wälzer mit Schweinsledereinband. Auf Papier dokumentiert es haarklein, welcher Kaufmann wann mit welcher Ladung von welchem Wert reiste – eine wertvolle Quelle der Wirtschaftsgeschichte.

In England wurde das Leben der hansischen Kaufleute im 16. Jahrhundert nicht einfacher. 1554, im gleichen Jahr, in dem England ihnen ihre Privilegien wieder streitig machte (s.

o.), erließen sie eine Ordnung für das Stalhaus, ihre Niederlassung in London. Dabei spielte englischer Druck eine Rolle.

Gleich zu Beginn des Dokuments werden die 66 Städte der Hanse genannt. „Die Engländer wollten wissen: ,Wer gehört denn eigentlich zur Hanse? Ihr schickt uns dauernd Kaufleute, die sich auf Privilegien berufen‘“, erklärt der Historiker Dominik Kuhn.

Noch etwas ist auffällig: Die Hanse-Dokumente des Mittelalters waren manchmal lateinisch und meistens niederdeutsch. Die Stalhaus-Ordnung aber ist auf Hochdeutsch verfasst.

Lübeck bezeichnet sich gern als „Königin der Hanse“ und wirbt mehr als jede andere Stadt mit diesem Erbe des Mittelalters und der frühen Neuzeit für sich. Es hat der Hanse sogar ein eigenes Museum errichtet. Aber so identitätsstiftend sie auch ist: Historiker schlagen sich noch immer mit der Frage herum, was die Hanse eigentlich war. „Die Hanse ist schwer zu definieren“, sagt Jan Lokers.

Es gibt kein Gründungsdokument und kein Mitgliederverzeichnis. Aber es gibt eine für diese Zeit außergewöhnliche Zahl von Akten und Urkunden. „Die Hanse war innovativ in ihrer Schriftlichkeit“, sagt Lokers, „und Lübeck war so etwas wie ihre Schreibstube.“ Wer wissen will, was die Hanse war, muss sich in die Archive versenken. 17 besonders wichtige Dokumente hat Lokers mit den Historikern Rolf Hammel-Kiesow und Dominik Kuhn für den Antrag auf Aufnahme ins Unesco-Weltdokumentenerbe „Memory of the World“ ausgewählt. Darunter sind auch welche aus den Archiven anderer (ehemaliger) Hansestädte wie Stralsund, Köln, Riga und Tallinn (Reval).

Lokers verspricht sich von dem Status „eine Anerkennung des kulturellen Werts unseres Archivs“. Ob der Antrag Erfolg hat, entscheidet sich frühestens Ende 2018.

Der Handelsboykott war ein erprobtes Mittel der deutschen Hansestädte, um ihre Interessen in Flandern durchzusetzen. Schon im 13. Jahrhundert hatten sie den flämischen Grafen, der ihre Privilegien in der Stadt Brügge beschneiden wollte, auf diese Weise in die Knie gezwungen.

1358 war es wieder so weit: Die abgebildete Urkunde dokumentiert die von den Hansestädten am 20. Januar in Lübeck beschlossene Blockade gegen Flandern – Wirtschaftssanktionen, würde man in der Sprache der heutigen Diplomatie sagen. Ähnlich wie heute wurden auch den Städten Konsequenzen angedroht, die sich nicht beteiligen wollten.

1360 wurde in Flandern das Getreide knapp. Die Grafschaft akzeptierte die Forderungen der Hanse.

Hanno Kabel

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