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Wie Lübeck evangelisch wurde

Reformation Wie Lübeck evangelisch wurde

Mit Verboten, Verhaftungen und Bücherverbrennungen versuchte die lübsche Obrigkeit, die Reformation zu stoppen. Die aber hatte den längeren Atem.

Alte Stadt mit neuer Glaubensordnung: Diese Stadtansicht von Lübeck zeigt die Hansestadt im 15. Jahrhundert. 

Lübeck. Es lag Unruhe in der Luft, auch in der stolzen Handelsmetropole des Nordens, in Lübeck. Revolutionäres Gedankengut sickerte zu Beginn des 16. Jahrunderts in die Stadt – ausgehend von Wittenberg, wo ein Mönch 95 für brave Katholiken und vor allem für deren Obrigkeit schwer verdauliche Thesen verfasst und mit den neuen Medien der Zeit auf die Reise durchs Heilige Römische Reich geschickt hatte.

Studierende Kaufmannssöhne brachten die neuen Ideen mit, Wanderprediger zogen durch die Gassen, Bücher und Schriften wurden gedruckt – ganz revolutionär auf (Nieder-)Deutsch– wurde die Bibel vermittelt, nicht mehr in der Gelehrtensprache Latein, die selbst dem Klerus nicht immer geläufig war.

„In den ersten Jahren zeigte sich das reformatorische Gedankengut weitgehend nur im Verborgenen, das heißt, die neue Form der deutschen Predigt und die selbständige Beschäftigung mit der Bibel fand Einzug in die privaten Stuben von Kaufmannsfamilien“, weiß Lübecks Archivar Jan Lokers, die Reformation habe in Lübeck eher unorganisiert begonnen. „Gleichwohl entstand daraus binnen weniger Jahren eine evangelische Frömmigkeitsbewegung mit immer breiterer sozialer Basis; auch Handwerker und Unterschichten schlossen sich vermehrt den neuen Gedanken auf und an“, so der Stadtgeschichtler.

Die Führungsschicht der Hansestadt, familiär eng verbandelte Sippen, die sich die Pfründen in Kirche und Stadt vorteilhaft unter den Nagel gerissen hatten, hielt dennoch wenig bis nichts vom „ketzerischen“ Treiben der „Martinianer“, so benannt nach dem Vornamen des späteren Reformators in Wittenberg.

Bürgermeister Nikolaus Brömse stellte sich gegen die Reformation.

Bürgermeister Nikolaus Brömse stellte sich gegen die Reformation.

Diese Luther-Jünger traten erstmals deutlich vernehmbar in Husum in Erscheinung, wenn auch nicht auf offiziellem Kirchenterrain oder in Kirchengebäuden, sondern entweder unter freiem Himmel oder in den Privaträumlichkeiten einzelner Bürger. 1527 allerdings war die Reformation in der grauen Stadt am Meer besiegelt, die Geistlichkeit musste ihre bis dahin katholischen Gotteshäuser für die neue lutherische Predigt öffnen, die Bürgerschaft der Stadt ließ den altgläubigen Klerus vertraglich zusichern, dass die alte katholische Messe untersagt sei.

In Lübeck versuchte der altgläubige Rat der Stadt um den Bürgermeister Nikolaus Brömse den neuen Zeitgeist so lange wie möglich zu bannen. 1523 war daraus schon so etwas wie eine Volksbewegung entstanden, so sehr war die Arbeit der rund 400 geistlichen Mitarbeiter des Lübecker Domkapitels, dem damaligen Oberhaupt aller Kirchen und Geistlichen in Lübeck, durch allerlei Missbrauch desavouiert. Bis zum Domherren waren viele von ihnen verwandtschaftlich mit den Ratsfamilien verbunden, was den hinhaltenden Widerstand gegen den drohenen Verlust an Macht und Einfluss erklärt.

Dessen ungeachtet wagten sich erste lutherisch inspirierte Prediger in die Öffentlichkeit. Der Kaplan an St. Marien, Johannes Fritze, war einer von ihnen. Diesem in ihren Augen unerhörten Treiben versuchten die Stadtherren durch Verbote Einhalt zu gebieten: „Der Druck, die Verbreitung, der Besitz und das Lesen von lutherischem Schrifttum wurden 1524 unter Strafe gestellt“, so Lokers.

1526 griff man sogar zu einem Mittel, das die Hilflosigkeit gegenüber den neuen Medien der damaligen Zeit zeigte: Der Rat inszenierte am 11. September 1526 eine öffentliche Verbrennung lutherischer Schriften auf dem Markt, um ein deutliches Zeichen zu setzen. Als könnten engagierte Drucker nicht ständig und jederzeit Nachschub an Flugschriften produzieren, und als wären verbotene Früchte nicht noch interessanter und schmackhafter – auch damals schon.

Druck auf die Altgläubigen: Denkmäler mit Reformator Luther weisen darauf hin, wie wichtig die neue Kunst des Druckens für die Reformation war.

Druck auf die Altgläubigen: Denkmäler mit Reformator Luther weisen darauf hin, wie wichtig die neue Kunst des Druckens für die Reformation war.

Lübecks Drucker jedenfalls waren eifrig bei der Sache. „Lübeck stand bei der Medienrevolution mit an vorderster Stelle, weil sich in der Stadt ansässige Drucker sehr für die Verbreitung von Literatur mit reformatorischem Inhalt stark machten“, sagt Lokers – und nennt als Beispiele Hans Arndes, der sich schon 1520 getraut hatte, eine Lutherschrift zu publizieren; 1529, als die Sache der Reformation sich schon wesentlich weiter durchgesetzt hatte, legte er abermals durch den Druck einer Schrift von Johannes Bugenhagen nach.

Johannes Balhorn (gestorben 1573) war aber Lokers zufolge wohl der Drucker, der am stärksten für die Verbreitung von Kirchenkritik und Reformation sorgte; seine Werkstatt druckte 1528 die niederdeutsche Fassung einer Lutherschrift sowie viele weitere evangelische Bücher.

Den Bremsern um Brömse gelang es somit auch durch stärkste Strafandrohungen kaum, die neue Religionsausübung zu stoppen oder gar umzukehren. Der katholische Kaiser Karl V. stand zwar hinter ihm – aber doch eher auf dem Papier und in der Ferne, denn die Macht des heiligen römischen Monarchen war besonders im sich flugs

flugs reformierenden Norden des Reiches am Erodieren; zudem saßen ihm im Balkan die expansiven Osmanen im Nacken. Möglicherweise hielt Karl die muselmanische Bedrohung für größer als die lutherische, die man damals mancherorts für ein vorübergehendes Phänomen gehalten haben mag.

In Lübeck aber war die Reformation gekommen, um zu bleiben. Mochte der Rat auch den bedeutenden evangelischen Wanderprediger Johann Osenbrügge 1524 ins Gefängnis werfen und anschließend 1528 ausweisen, mochte man auch den Kaplan Johannes Walhoff von St. Marien und den Pleban (Weltpriester) Andreas Wilms von St. Aegidien aus der Stadt jagen, mochte man auch Protestversammlungen dagegen unter Androhung der Todesstrafe verbieten – Lübecks neudenkerische Bürger hatten am Ende die besseren Karten.

Denn Lübeck, gern mal im Krieg mit den Dänen, brauchte Geld, um diese Kriege zu finanzieren – und da hatte die „Gemeinde“, die sich aus Kaufleuten, Handwerkern zusammensetzte, ein entscheidendes Wörtchen mitzureden: sie musste neuen Abgaben zustimmen. Im Frühjahr 1528 forderten sie denn auch bereits im Gegenzug für die Steuerbewilligung „gude predikanten“, also die Berufung evangelischer Prediger.

Anfang 1530 durften die beiden vom Bischof vertriebenen Priester Wilms und Walhoff wieder in ihre Predigtämter zurückkehren, die den Umbruch von dort aus weiter trieben, souffliert von den brieflich Rat erteilenden Goßreformatoren Luther und Bugenhagen.

Die Reformationsanhänger hatten aber auch die besseren Kehlen: 1529 setzte sich der Brauch durch, am Ende der noch katholisch zelebrierten Messe evangelische Psalmgesänge anzustimmen. „Niederdeutsche Choräle waren auch andernorts ein wesentliches Kampfmittel der evangelischen Bewegung. In Lübeck zählten sie zu den wirkungsvollsten Hebeln zur Durchsetzung der Reformation“, fand Lokers über diesen „Singekrieg“ heraus. Lübecks Bürger setzten schon damals durchaus einfallsreich ihre Interessen durch.

1530 jedenfalls wurde ein entscheidendes Jahr beim Übergang in die neuen Zeiten. Gerüchte, der Rat betreibe nur Hinhaltetaktik und wolle die Reformation in Wahrheit wieder ganz zurückdrängen, sowie über Gewalttätigkeiten gegen Evangelische fachten den Mut der Bürger zusätzlich an, die zuvor unter der angedrohten Reichsacht einzuknicken gedroht hatten. Am 30. Juni 1530 legten die Opponenten dem Rat einen Forderungskatalog vor, der das Ende der katholischen Messe, die vollständige Einführung der Reformation sowie bürgerliche Mitbestimmungsrechte beim Stadtregiment festschrieb. Der Rat fürchtete bei einem Nein Unruhen und stimmte zähneknirschend zu, womit er die Erstellung einer evangelischen Kirchenordnung billigte – damit hatte sich die reformatorische Bewegung in Lübeck durchgesetzt, spätere gegenreformatorische Anwandlungen brachten keine Wende zurück mehr.

Fehlte nur noch „der Keyserliken Stadt Lübeck Christlike Ordeninge“. Am 27. Mai 1531 wurde dann die von Bugenhagen konzipierte neue lutherische Kirchenordnung von Rat und Bürgerausschuss verabschiedet.

Von Michael Wittler

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