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Wie aus Annika Niels wurde

St. Lorenz Nord Wie aus Annika Niels wurde

Niels Kabbert (20) wurde als Mädchen geboren – Auf eines kann er sich verlassen: die Liebe seiner Familie.

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„Mein Kind hat sich den Weg nicht ausgesucht, aber ich begleite mein Kind.“ Niels Kabbert (20) mit seiner Mutter Julia G. (43).

Quelle: Fotos: Olaf Malzahn

St. Lorenz Nord. Doris G. trauert um ihre Enkelin. Sie blickt auf ein Foto von einem vierjährigen Mädchen mit langen, blonden Haaren: „So süß“, sagt sie. „Meine Elfe!“

LN-Bild

Niels Kabbert (20) wurde als Mädchen geboren – Auf eines kann er sich verlassen: die Liebe seiner Familie.

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Aber Annika gibt es nicht mehr. Neben Doris G. sitzt ihr Enkel Niels, der einmal Annika war. Ein junger Mann mit kurzen Haaren, tiefer Stimme und rundem Gesicht. Seit einem Dreivierteljahr bekommt Niels regelmäßig eine Spritze mit Testosteron, dem männlichen Geschlechtshormon. Immer weiter lässt er Annika hinter sich; das Mädchen, das schon im Kindergarten immer mit den Jungs Fußball spielte; das im Freibad niemals einen Badeanzug oder Bikini tragen wollte; das schon vor der Einschulung zu seinem besten Freund sagte: „Wenn ich groß bin, bin ich auch ein Junge wie du.“

Aber die Natur hatte es anders vorgesehen. Annikas Körper blieb weiblich. Schon in der Grundschule merkten die anderen, dass etwas nicht stimmte, und sie stürzten sich darauf mit der Kindern eigenen Grausamkeit. „Was reimt sich auf Wespe? Lesbe!“, riefen die Mädchen Annika nach.

Einmal zog ihr ein Kind im Schwimmunterricht die Badehose runter.

Outing vor der ganzen Schulklasse

Auch die Oma merkte schon früh, dass Annika nicht die Elfe war, von der sie träumte. „Das hab ich ignoriert“, sagt sie. „Das sollte meine Anni bleiben.“ Sie habe damals gedacht:

„So, jetzt kauf mal ’n ordentliches Kleid mit Lackschuh’, dann machen wir da mal ’ne kleine, süße Puppe draus, und fertig is’. Nicht immer die Hosen oder kurzen Haare, schön die Haare wachsen lassen. . .“, sagt sie und fasst zusammen, jedes Wort einzeln betonend: „Ich wollte ein Mädchen.“

Annika kam in die Pubertät – und ihr Körper wurde immer weiblicher. „Das muss ich jetzt als Mutter ja mal sagen: Er hatte eine Hammerfigur“, sagt Julia G. und lacht. „Wirklich schön!“ Für Annika war das kein Trost. Im Gegenteil. Niels sagt zu seiner Mutter: „Als du mit BHs anfingst, war ich so: Bitte nicht! Also, ich wollte das alles nicht. Das war für mich eigentlich nur die Hölle. Deswegen hatte ich auch immer weite Klamotten an, dass man bloß nichts sieht.“

Annika begann, sich für Mädchen zu interessieren. „Ich hatte mit vierzehn meine erste Freundin“, erzählt Niels. „Das war dann in dem Sinne ’ne homosexuelle Beziehung.“ Bald darauf outete Annika sich als lesbisch. „Da fiel also wirklich das Gebirge von ihm runter“, erinnert sich die Mutter. Für sie sei es kein Schock gewesen: „Das ist mir völlig egal, ob schwul, lesbisch. . . Kommt doch keiner zu Schaden. Das Kind kann lieben, und das find ich wichtig.“ Kaum weniger gelassen reagierte die Oma: „Wenn sie damit glücklich ist, dann ist es so. Also, das war für mich noch in Ordnung.“

Für Annika war aber noch nicht alles in Ordnung. „Ich wusste, da kommt noch ein Schritt“, sagt Niels. Zwischen dieser Erkenntnis und dem Schritt selbst lag eine schwere Zeit. Annika hatte Depressionen. Sie ritzte sich die Arme mit einer Rasierklinge. Sie versuchte, sich mit Tabletten das Leben zu nehmen. Drei Monate verbrachte sie in einer psychiatrischen Klinik. Im Sommer 2014 stand ihr Entschluss fest: Sie wollte ein Mann werden. Der Erste, mit dem sie darüber sprach, war ihr Klassenlehrer, dem sie vertraute. Dann weihte sie ihre Nächsten ein. Den neuen Namen durfte die Mutter aussuchen. Aus Annika wurde Niels.

Niels eröffnete einen neuen Facebook-Account und meldete sich in der Schule freiwillig für ein Referat zum Thema Transsexualität. Am Ende des Referats öffnete er die Tafel, und dort stand: „Ich bin Niels und Transmann.“ Die ganze Klasse klatschte Beifall. Bis auf zwei oder drei Mitschüler gingen alle dazu über, ihn „Niels“ zu nennen und sich mit „er“ auf ihn zu beziehen. Besonders große Anerkennung für seinen Mut bekam er von den türkischen Mitschülern. „Da war ich wirklich überrascht. Ich hatte Angst, dass gerade von denen miese Kommentare kommen.“

Seine Mutter reagierte auch diesmal gelassen. Vor Beginn der Testosteron-Behandlung ging Niels zum Endokrinologen, um die Hormonwerte ermitteln zu lassen. „Er hatte da schon einen höheren Testosteronwert, als jede Frau hat“, sagt seine Mutter. „Und da hab ich schon gedacht“, sie klatscht in die Hände und ruft: „Natur – hätt’st mal Gas gegeben!“ Sie habe begriffen: „Es liegt nicht an der Mutter, und es liegt nicht am Kind, es ist einfach eine Laune der Natur. Mein Kind hat sich den Weg nicht ausgesucht, aber ich begleite mein Kind. Es ist mein Kind!

Aber die Oma, die kein Problem mit der Homosexualität gehabt hatte, war schockiert und ist es noch immer. „Ich suche meine Anni“, sagt sie, „und kann sie nicht mehr finden. Und Niels ist mir“, sie zögert kurz, „fremd.“ Ihr Mann will nicht mit ihr über das Thema reden. Doris G. will nicht, dass ihr Enkel sich operieren lässt, aber sie nimmt Anteil. Sie ringt mit sich. Im vergangenen Jahr schickte ihre Tochter einen Brief an die engsten Freunde und Verwandten, überschrieben: „Meine Tochter Niels“. „Ich nehme Abschied von meiner Tochter Annika“, schrieb sie. „Und ich freue mich auf meinen Sohn. Mein Kind neu kennenzulernen.“ Auch die Oma las diesen Brief. „Ich hab’ gesessen und geheult“, sagt sie. „Das traut man mir nicht zu, aber ich heul’.“

Das Testosteron verändert die Persönlichkeit

Im Sommer will Niels sich operieren lassen. Die Brüste werden entfernt, über kurz oder lang auch die Gebärmutter. Schon jetzt merkt er, wie das Testosteron ihn verändert. Alles wird breiter: die Hände, das Kreuz, das Gesicht. Ihm wächst ein Flaum am Kinn. Seine Mutter hat ihm schon einen Rasierer besorgt. Auch die Persönlichkeit verändert sich. Er sei ruhiger geworden, sagt Niels: „Frauen liegen abends immer im Bett und denken noch mal über alles nach: Was muss ich noch machen? Hab ich das schon erledigt, hab ich dies schon erledigt? Ich geh’ ins Bett und schlafe. Man denkt sehr viel weniger. Ziemlich entspannt.“

Julia G., die Mutter, ist jetzt froh, dass Niels seinen Weg gefunden hat. „Wir leben heute in einer Zeit, wo das medizinisch alles möglich ist“, sagt sie. Ihre Mutter Doris wirft ein: „Wo es medizinisch richtig ist, aber ist es auch so richtig?“ – „Guck dir das Kind an“, sagt Julia. Die Oma schweigt. Niels pflichtet seiner Mutter bei: „Mhm. Sonst hätte ich keine Gutachten bekommen.“ „Hätt’st von mir nicht gekriegt“, sagt die Oma, und sie lachen alle zusammen.

Transsexualität

Bei Menschen , deren körperliches Geschlecht nicht mit dem selbst empfundenen übereinstimmt, spricht man von Transsexualität (oder Transsexualismus). Die Betroffenen werden als Transmänner (männliche Identität, weiblicher Körper) oder Transfrauen (weibliche Identität, männlicher Körper) bezeichnet.

1443 Männer und Frauen ließen 2014 in Deutschland amtlich ihr Geschlecht ändern. Eine Operation zur Geschlechtsangleichung ist nach dem Transsexuellengesetz von 2011 juristisch nicht mehr nötig, um den Personenstand zu ändern.

 Hanno Kabel

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