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Lübeck Wie die Schockbilder verschwinden
Lokales Lübeck Wie die Schockbilder verschwinden
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13:16 16.07.2016
Angelika Mett (53) verkauft Zigaretten im Plaza-Center Buntekuh. Pappschilder mit Markenlogo verbergen die Schockfotos. Quelle: Fotos: Kabel (2), Kröger (2)

Ein bisschen abschreckend seien sie schon, die grausigen Bilder auf den neuen Zigarettenpackungen. Das gibt Angelika Mett (53), Verkäuferin im Tabak-Shop von Sky-XXL im Plaza- Center Buntekuh, zu. „Aber man raucht deswegen nicht weniger“, sagt sie. „Ich bin Raucherin, ich weiß, dass das schädlich ist“, bestätigt ihre Kundin Sigrid Walter (64). Wie viele Händler in Lübeck verbirgt der Tabak-Shop in seinen Regalen die vorgeschriebenen Schockbilder auf Zigarettenpackungen hinter Pappschildern. Sie werden – meistens von den Handelsvertretern, die die Regale nachfüllen – vor die Fächer gesteckt, in die die Schachteln nach Marken geordnet sortiert werden. Die Schockbilder werden so ganz oder teilweise unsichtbar.

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Das Bild vom Lungenkarzinom erscheint nur auf dem kurzen Weg vom Regal in die Einkaufstasche – oder gleich in die neutrale Schatulle.

Im Sinne des Erfinders sind diese Pappschilder sicher nicht. „Wir befürworten diese Schockbilder aus gesundheitspolitischer Sicht uneingeschränkt“, sagt Christian Kohl, Sprecher des Kieler Gesundheitsministeriums. Eine Möglichkeit, gegen den Sichtschutz der Händler vorzugehen, sieht die Landesregierung aber nicht. „Das fällt in die Rubrik: ,Wo kein Kläger, da kein Richter‘“, sagt Harald Haase, Sprecher des Wirtschaftsministeriums. Theoretisch denkbar sei aber, dass ein Händler, der die Pappschildchen nicht verwende und deswegen weniger verkaufe, einen Konkurrenten verklage. „Aber das wäre so weit hergeholt, das kann ich mir nicht vorstellen.“

Dass die Schockbilder bei Händlern nicht beliebt sind, ist keine Überraschung. Nicht alle bringen sie allerdings so auf die Palme wie Karin Schmidt (65), die einen Kiosk an der Wisbystraße (St. Lorenz Nord) betreibt und mit Zigaretten den größten Teil ihres Umsatzes macht. Sie beglückwünscht die Briten zu ihrem Austrittsvotum und schimpft auf die EU: „Eines Tages werden sie uns noch vorschreiben, wie wir auf der Toilette zu sitzen haben.“ Dass die Bilder von Raucherlungen, Krebsgeschwüren oder verfaulenden Füßen jemanden vom Rauchen abhalten würden, glaubt auch sie nicht. „Die Kunden werden sich daran gewöhnen“, sagt sie voraus. Noch stehen in ihren Regalen hauptsächlich Packungen ohne Schockbilder – die neuen kommen erst nach und nach auf den Markt. Gefragt, ob sie später auch Pappschilder vor die Regalfächer stellen werde, sagt sie: „Na sicher!“

Ali Ben-Brahim, Betreiber des Kiosks „Lindeneck“ an der Lindenstraße (St. Lorenz Süd), ärgert sich aus mehreren Gründen über die Schockbilder: Weil sie den oberen Teil der Packung verdecken, greife er leicht zur falschen Marke. Auf die Vermutung, sie könnten abschreckend wirken, reagiert er mit einem energischen „Quatsch!“. Und schließlich macht er sich Gedanken um seine jüngsten Kunden, die bei ihm Süßigkeiten kaufen. „Täglich kommen 150 Kinder, die sehen dann diese Bilder. Was soll das?“

Birgit Reichel (62), die im Nichtraucher-Verein „Pro Rauchfrei“ Hamburg und Schleswig-Holstein vertritt, sieht darin kein Problem. „Das sind ja keine Kleinstkinder, sondern welche, die sich schon selber Süßigkeiten kaufen. Denen kann man das erklären.“ Sie spricht von einer Grauzone: „Wie die Zigarettenschachteln im Verkaufsraum ausgestellt werden, hätte man gleich mit regeln sollen.“ Sie moniert auch, dass in der Tabakwerbung bisher noch keine Schachteln mit Schockbildern gezeigt würden.

Auch Raucher finden Wege, die Schockbilder zu verbergen. Für weniger als zwei Euro hat Sylvia Karolak (28), Mitarbeiterin des Hansahofs an der Hemholtzstraße (St. Jürgen), sich eine silberfarbene Kunststoff-Schatulle zugelegt. Darin verstaut sie jetzt immer ihre Zigarettenschachteln der Marke „Marlboro Gold“, die es fast nur noch mit Schockbildern gibt. „Um die Bilder nicht mehr zu sehen“, sagt sie.

Ich will die Bilder nicht sehen, deshalb habe ich mir eine Schatulle gekauft.“ Sylvia Karolak (28). Foto: Holger Kröger

 Hanno Kabel

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