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Lübeck „Willkommen zurück!“
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12:52 25.07.2016
Pastor Jochen Schultz sitzt am Koberg unweit der Jakobikirche vor seinem gläsernen Büro. Quelle: Fotos: Malzahn, Hollinde

Die Schrift auf dem Zettel ist schon leicht vergilbt. Und der Aushang im Schaukasten neben der Tür wirkt verborgen. „Ja, da müssen wir wirklich etwas tun“, räumt Pastor Jochen Schultz selbstkritisch ein. Denn eigentlich ist der Ort für die „Kirchen-Eintrittsstelle“ – wie es zu lesen ist – gut gewählt, direkt am Koberg zentral gelegen, Adresse Jakobikirchhof 1. Und nicht versteckt in irgendeinem Büro der Kirchenkanzlei in der Bäckerstraße.

 

Der Hinweis im Schaukasten auf die Eintrittsstelle ist sehr dezent.

Der große Aufsteller, der parallel auf das Jugendpfarramt und das Schülercafé hinweist, die hier ebenfalls beheimatet sind, ist dagegen nicht zu übersehen. Hat diese vornehme Zurückhaltung einen Grund? „Jedenfalls keinen inhaltlichen“, stellt der evangelische Theologe klar, „vielmehr hängt es einfach damit zusammen, dass der Schwerpunkt meiner Arbeit auf dem Jugendpfarramt liegt und die Eintrittsstelle für mich lediglich eine Nebenbei-Beauftragung ist.“

Pro Jahr gebe es im Kirchenkreis rund 240 Wiedereintritte – „diese Zahl ist in den letzten Jahren nahezu konstant geblieben und gleicht natürlich bei Weitem nicht die Austritte aus“, gewährt Schultz einen Einblick in die Statistik der Abteilung Meldewesen. Mit zirka 40 der 240 Rückkehrer habe er zuvor Kontakt per Telefon oder E-Mail. „Die anderen haben sich direkt an ihre Gemeindepastorin oder ihren Gemeindepastor gewandt. Denn so ist ein Wiedereintritt natürlich auch möglich“, erläutert er, „der Weg über mich als ,neutrale Stelle’ stellt lediglich ein Zusatzangebot dar, falls man keinen anderen Ansprechpartner weiß oder sich mit dem Pastor in der Nähe zerstritten hat.“

Grundsätzlich ist es so, dass Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind, jederzeit wieder eintreten können. Vor dem Wiedereintritt wird jedoch als Voraussetzung ein Gespräch geführt. „Dabei geht es uns nicht um eine Glaubensprüfung“, betont Schultz, „denn das muss jeder für sich mit Gott ausmachen. Das Gespräch sollte aber schon sein; schließlich darf es nicht nur um das bloße Ausfüllen von Formularen gehen. Jesus ist ja damals auch nicht mit dem Formular durch die Gegend gelaufen.“

In dem Zusammensein stelle er stets die Frage: Wodurch wird die Kirche zur Gemeinschaft? „Theologisch betrachtet durch das Abendmahl“, hat er gleich die Antwort parat, „die Teilnahme am Abendmahl ist also das eigentliche Eintrittsgeschehen.“ Im Anschluss an das Gespräch kann dann gleich der Aufnahmeantrag unterschrieben werden, falls gewünscht.

Spannend ist es, sich mit dem Beauftragten über die „Wege von der Kirche“- und „Hin zu der Kirche“- also die Beweggründe der „neuen“ Schäfchen zu unterhalten. Da sei die Motivlage natürlich sehr unterschiedlich, schiebt er vorweg. Nun also zuerst zum „Unerfreulichen“, den Austrittsgründen: „Naja, wir leben in einer Zeit, wo viele Leute, die einkommensteuerpflichtig sind, sich fragen, was kriege ich für mein Geld?“, hebt der Pastor an, „und wenn sie sich dann die Kirchensteuer ansehen, kommen sie zu dem Schluss, ,nichts habe ich persönlich davon’.“

Da sei es dann schwierig zu widersprechen. „Denn für die Menschen im mittleren Lebensalter, die Geld verdienen, haben wir statistisch gesehen leider tatsächlich die wenigsten Angebote“, konstatiert er. Entsprechend müssten sie sich vom Solidaritätsgedanken leiten lassen und zum Beispiel an die Kita für ihre Kinder denken oder die Seniorenarbeit für die Großeltern.

Unkalkulierbar seien dann noch unerwartete Gründe für Austrittsschübe in der Vergangenheit – wie die Missbrauchsskandale und die Affäre um den katholischen Bischof Tebartz van Elst. „Schlecht kommuniziert war die Verwirrung um die Kapitalertragsteuer“, räumt er ein. Auch eine allgemeine Entfremdung von der Kirche müsse durchaus festgestellt werden.

Befragt zu den Gründen für den Wiedereintritt resümiert er hingegen: „Meine Erfahrung ist, dass die Leute über den Glauben und die Kirche nachdenken, wenn sich etwas in ihrem Leben verändert. Wenn es also um die Heirat geht, die Taufe für die Kinder, die Übernahme eines Patenamtes oder man sich mit dem eigenen Tod befasst.“ Für Jochen Schultz ist es jedenfalls immer wieder ein schöner Moment, wenn er sein „Willkommen zurück!“ aussprechen darf.

Nordkirche: Mehr Kirchenaustritte als -eintritte

2,1 Millionen Menschen gehören zur Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche). Ende 2015 hatte die Nordkirche genau 2103379 Mitglieder. Ein Jahr zuvor waren es 2146270. Ihre Zahl sank damit um rund zwei Prozent; 2014 betrug der Rückgang 2,16 Prozent. Wichtigster Faktor bei der Entwicklung ist der demographische Wandel.

Seit dem Jahr 2000 lassen sich jährlich mehr als 3000 Erwachsene im Bereich der heutigen Nordkirche taufen. Im vergangenen Jahr wurden mehr Menschen in die Nordkirche aufgenommen als 2014. Ihre Zahl wuchs von 3017 (2014) auf 3140 (2015), was vor allem auf Wiedereintritte zurückzuführen ist. Einen deutlichen Rückgang verzeichnet die Nordkirche bei den Kirchenaustritten.

Ihre Zahl ist 2015 um knapp ein Viertel (24,3 Prozent) gegenüber dem Vorjahr gesunken. 27972 Menschen traten demnach 2015 aus der Kirche aus; 2014 waren es noch 36930. Bei den Katholiken gab es 2015 13 Wiedereintritte, aber 286 weniger Mitglieder, insbesondere durch Todesfälle.

 Michael Hollinde

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