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„Wir arbeiten hier oben mit Herzblut“

Lübeck „Wir arbeiten hier oben mit Herzblut“

Hüttenmeister Bernd Leinert saniert gemeinsam mit seinen Mitarbeitern die Backsteinfassade von St.Petri. Dafür dürfen nur historische Baustoffe verwendet werden. 44 500 Steine werden bis Ende 2015 verbaut.

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In luftiger Höhe: Bernd Leinert (v. l.), Leiter der Kirchenbauhütte, und Handwerker Roland Evers genießen bei ihrer Arbeit den tollen Ausblick. Mit dem Personen- und Materialaufzug können sie komfortabel in jede Etage des besonderen Baugerüsts fahren.

Quelle: Fotos: Olaf Malzahn

Innenstadt. „Das ist eine besondere Herausforderung“, sagt Bernd Leinert, Leiter der Kirchenbauhütte Lübeck. Hoch über den Dächern der Hansestadt steht er auf einem Baugerüst. In dieser luftigen Höhe saniert der 45-Jährige gemeinsam mit seinen Kollegen derzeit die Backsteinfassade der Petrikirche. Der Grund: Das alte Mauerwerk ist durch eintretende Feuchtigkeit erheblich in Mitleidenschaft gezogen worden. Tiefe Risse haben sich im Gemäuer ausgebreitet. Deshalb werden nun beschädigte Steine und Fugen ausgetauscht, erneuert und ersetzt.

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Vorsichtig pickelt Bernd Leinert an der Fuge. Mit Fingerspitzengefühl müssen die historischen Steine freigelegt und ausgetauscht werden.

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„Etwa 40 000 Klosterformat- und 4500 Formsteine werden bei der Sanierung verbaut“, erklärt Leinert. „Diese Steine werden in Glindow bei Potsdam noch per Hand hergestellt und in einem speziellen Ringofen nach historischen Vorgaben gebrannt.“ Dabei kostet die Herstellung eines Formsteins etwa 30 Euro. Material und Austausch eines Klosterformatsteins kosten etwa 20 Euro.

Die Sanierung der Kirche unterliegt strengen Richtlinien der Denkmalpflege. Demnach dürfen nur historische Baustoffe, Farben und Formen verwendet werden — moderne sind nicht erlaubt. Auch ein sanfter Umgang mit dem Bauwerk sei vorgeschrieben. „Wir arbeiten eng mit den Denkmalbehörden zusammen.“

Langsam arbeiten sich Bernd Leinert und seine Mitarbeiter von Stein zu Stein vor. 4000 Quadratmeter Mauerwerk sind an St. Petri eingerüstet. Ob tatsächlich alle 4000 Quadratmeter saniert werden müssen und in welchem Umfang, stellt sich erst im Verlauf der Arbeiten heraus.

Leinert fährt mit der Hand über die Wand. „Wir überprüfen das Mauerwerk Stück für Stück. So viel wie nötig, aber so wenig wie möglich wollen wir austauschen.“ Zwischen 10 000 und 12 000 Stunden werden Bernd Leinert und seine Leute bis zum Abschluss der Sanierungsarbeiten Ende 2015 an St. Petri arbeiten.

Vorsichtig und mit viel Fingerspitzengefühl werden die beschädigten Steine aus dem bestehenden Mauerwerk herausgelöst. „Dazu werden zunächst die angrenzenden Fugen angeschnitten“, erklärt Leinert.

Dann pickelt der 45-Jährige geradezu zärtlich an der Fuge. Er kratz den Zwischenraum fein säuberlich aus. „Jetzt wird der Stein vorsichtig mit einem Kompressor oder auch einem Elektrohammer herausgelöst.“

Das entstandene Feld wird danach gesäubert und auf weitere Beschädigungen untersucht. „Jetzt wird ein neuer Stein eingesetzt und alles mit Hochbrandgips verfugt.“ Manchmal wird die Masse dafür extra eingefärbt, um eine bessere Anpassung zu den historischen zu erreichen.

Nicht nur für den Hüttenmeister ist das historische Bauwerk eine Herausforderung. Auch für Statiker Torsten Drenckhan und Bautechniker Oliver John ist es ein besonderer Einsatz. Sie sind für den Aufbau des riesigen Gerüsts an der Kirche verantwortlich.

„Kirchen sind Sonderbauten“, sagt Oliver John, staatlich geprüfter Bautechniker bei der Firma Th. Treichel Gerüstbau. „Das Gerüst wurde hier deshalb anders aufgebaut als sonst — nicht vom Boden aus nach oben.“

Für die Sonderkonstruktion wurden zunächst Gitterträger in den diversen kleinen Fensteröffnungen der Kirche angebracht. „Sie sind doch erheblich länger geworden, als vorher gedacht“, sagt Torsten Drenckhan, Statiker mit dem Schwerpunkt Gerüstbau, während er prüfend die Gitterträger beäugt. „An diesen Auskragungen hängt dann das Gerüst.“ Ungewöhnlich — denn normalerweise wird ein Gerüst durch Stahlträger gehalten.

Eine weitere Besonderheit: Das Gerüst berührt nicht das Dach. „Abgesehen davon ist man hier bei der Arbeit vor allem besonders abgelenkt“, lacht Drenckhan. Der Statiker lässt den Blick schweifen.

„Die tolle Aussicht ist sehr beeindruckend. Von hier oben sieht man, wie schön Lübeck ist.“

Dem kann Bernd Leinert nur beipflichten: „Es ist eine tolle Arbeit hier oben, die sehr viel Spaß macht.“ Seit 2007 arbeitet er als Hüttenmeister. Der überzeugte Christ schätzt dabei besonders die enge Verbundenheit mit der Kirche. „Ich bin jeden Tag an und auf der Kirche.“

Forschen, untersuchen und ausprobieren: Die Herausforderung, mit historischen Mitteln ohne viel Technik zu arbeiten, gefällt ihm besonders. „Für den Hochbrandgips hier haben wir lange herumprobiert“, sagt Leinert. Mit Herzblut ist der Familienvater bei der Arbeit. „Es macht mich einfach glücklich, wenn ich etwas für die Kirchen tun und zu ihrem Erhalt beitragen kann.“ Dann widmet er sich wieder den Steinen von St. Petri.

St. Petri in Zahlen

1220 war der Baubeginn der Petrikirche.

1942 traf ein Bombenangriff die Kirche. Dabei verlor sie nicht nur das Dach und ihren Turmhelm, auch das gesamte Innere der Kirche brannte aus.
1987war der Abschluss des Wiederaufbaus. Sie wurde zur „Stadt- und Kulturkirche“.
2004 erhielt St. Petri den Titel „Universitätskirche“.
108 Meter ist die Kirche hoch. In 50 Metern Höhe befindet sich eine Aussichtsplattform.
„Ich bin mit Leidenschaft bei der Arbeit. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als an der Kirche zu arbeiten.“
Bernd Leinert (45)

Kim Meyer

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