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Lübeck Chef der Vorwerker Diakonie: „Wir brauchen ein soziales Pflichtjahr“
Lokales Lübeck Chef der Vorwerker Diakonie: „Wir brauchen ein soziales Pflichtjahr“
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11:14 08.08.2018
Ende Juni bei der Jahresversammlung der Vorwerker Diakonie warf Fred Mente (57) seinen Vorschlag in die öffentliche Debatte. Vor 150 Gästen. Im LN-Gespräch erläutert er seine Beweggründe.  Quelle: Wolfgang Maxwitat
Lübeck

Herr Mente, Sie fordern ein soziales Pflichtjahr. Warum?

Was sagen die Kinder?

Fred Mente (57) ist seit 2009 einer von zwei Geschäftsführern der Vorwerker Diakonie. Mente ist Diplom- Pädagoge, parteilos und hat drei erwachsene Kinder, die seine Forderung nach einem Pflichtjahr durchaus kritisch sehen.

Fred Mente: Wir beobachten bereits seit Jahren, dass der Bedarf an Fachkräften im sozialen Bereich zunimmt – in der Pflege ebenso wie in den Kitas. Es wird immer schwieriger, den Bedarf abzudecken. Dieser Personalbedarf steigt gleichzeitig weiter. Die Frage ist: Was kann man tun? Eine grundsätzliche Frage ist: Wie kommen Menschen überhaupt in dieses Arbeitsfeld? Das Freiwillige Soziale Jahr ist finanziell schlecht ausgestattet. Die FSJler erhalten rund 300 Euro im Monat, davon können sie nicht leben.

Die Bundes-CDU hat die Debatte über die allgemeine Dienstpflicht angestoßen. Geht das in Ihre Richtung?

Mein Thema ist nicht Wehrdienst und Sozialdienst. Mein Thema ist, wie bringe ich Menschen in Kontakt mit dem sozialen Bereich. Es ist wichtig, in einer freiheitlich-demokratisch-solidarischen Gesellschaft auch einen Beitrag dazu zu leisten, dass diese Gesellschaft besteht. Sich im Sozialen zu engagieren, kann auch eine Verpflichtung sein.

Kommen wir zu Details Ihres Vorschlages. Wer soll verpflichtet werden?

Schulabgänger. Junge Menschen, die nach Schule oder Abschluss eines Ausbildungsabschnittes befristet in den sozialen Bereich kommen.

Die dann anständig bezahlt werden?

Das ist evident. Ich stelle mir einen Entlohnung zwischen 800 und 1000 Euro im Monat vor.

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Rund 2000 junge Leute verlassen jährlich Lübecks Schulen. Gäbe es überhaupt genug Stellen für die?

Die Frage ist: Wer finanziert die? Wenn diese Stellen auskömmlich finanziert sind, kann ich mir keinen Träger vorstellen, der nicht Stellen schafft.

Auskömmlich finanziert: Wer zahlt?

Der Staat. Diese Arbeit muss aus Steuergeld finanziert werden.

Wären diese Sozialdienstler für die Stammbelegschaft in den Einrichtungen nicht eine Belastung?

Das sind keine Fachkräfte und sollen diese auch nicht ersetzen. Sie können alte Menschen auf Spaziergängen unterstützen, sie können kleine Angebote in Kitas oder Schulen machen, für die keine Fachkraftqualifikation benötigt wird.

Ungelernte und widerwillige Sozialdienstler kommen auch in die Einrichtungen. Wer hat etwas davon?

Deswegen soll das soziale Pflichtjahr eine breite Angebotspalette enthalten – vom Sportverein über die Feuerwehr und dem Technischen Hilfswerk bis zum Umweltdienst. Ich gehe davon aus, dass sich viele junge Menschen für den sozialen Bereich interessieren.

Kann das Pflichtjahr nicht auch schwer nach hinten losgehen. Junge Leute werden abgeschreckt.

Das kann in jedem Beruf passieren. Wir werden den Fachkraftmangel in den nächsten drei, vier Jahren ohnehin nicht dadurch abbauen. Aber ein Pflichtjahr ist ein Baustein. Soziale Berufe sind attraktiv, wenn sie gut bezahlt sind. Vergütungen wie im Tarifvertrag öffentlicher Dienst oder bei der Vorwerker Diakonie von über 3000 Euro im Monat für Vollzeitbeschäftigte sind angemessen. Das verdient eine Bankkauffrau auch.

Die Durchschnittsgehälter für Kranken- und Altenpfleger in Schleswig-Holstein liegen darunter.

Die, die über 3000 Euro bezahlen, sind in der Minderheit. Das ist ein Problem. Pflege ist in Schleswig-Holstein zu 60 Prozent gewerblich-gewinnorientiert organisiert. Das ist geltendes Recht. Aktionäre können die höchsten Gewinne abschöpfen, wenn sie an den Personalkosten sparen. In der Pflege werden die niedrigsten Löhne im sozialen Bereich gezahlt.

Haben Sie deshalb auf der Jahresversammlung der Vorwerker Diakonie Ende Juni das Ende der privaten Pflegeheime gefordert?

Ich habe nicht das Ende der privaten Heime gefordert, sondern eine Lanze für die Gemeinnützigkeit in der Pflege gebrochen. Wir setzen Mittel, die wir erwirtschaften, wieder in unseren gemeinnützigen Unternehmen ein. Bei uns steht kein Aktionäre oder Inhaber dahinter, der mit seinem investierten Geld einen hohen Gewinn erzielen will.

Haben Sie Reaktionen auf Ihren Vorschlag erfahren?

Direkt nicht. Indirekt ist die Debatte um Pflichtjahre angestoßen worden. Aber ich bin nicht so vermessen zu sagen, dass wir das waren.

Interview: Kai Dordowsky

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