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Lübeck „Wir müssen eine Durststrecke überstehen“
Lokales Lübeck „Wir müssen eine Durststrecke überstehen“
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18:19 30.12.2017
Pastor Tjarko Tammen wird zwar noch ab und zu im Talar in St. Jakobi auf der Kanzel zu erleben sein; als Gitarrist allerdings – wie jüngst in einem Gottesdienst in Berkenthin – sieht man ihn wohl häufiger. Quelle: Foto: Neelsen
Lübeck

Die Musik habe ihn infiziert, bekennt der Theologe, dessen Familie aus dem ostfriesischen Aurich kommt. „Gerade der skandinavische Jazz gefällt mir sehr gut“, bekennt er. Zusammen mit der Sängerin Marita Boi-Thielsen, die er vor einem Vierteljahrhundert als Pastor in Sereetz taufte, hat er das Duo „Boi Gruup“ gegründet. „Nun sind wir mit der Saxofonistin Vera Brenner zum Musikprojekt namens ,Zeitweise’ angewachsen“, erzählt der ambitionierte Hobby-Gitarrist.

Dass er bisher in Gottesdiensten aufgetreten ist, verwundert nicht. Schließlich ist Tammen über drei Jahrzehnte im Pfarrdienst tätig gewesen. „Durch Musik mehr Kirchenbesucher gewinnen zu wollen, ist ja ein sehr hilfreiches Stilmittel“, erklärt Tammen, „aber meine Erfahrung zeigt, dass auch das nicht wirklich nachhaltig ist.“ Der 62-Jährige hat eine Menge zu erzählen, zum Glauben, seiner Kirche, dem Mitgliederschwund.

„In meiner damaligen Gemeinde in Sereetz habe ich viele Gottesdienstformate ausprobiert – Events mit Band, Gospel, Inszenierung et cetera“, erzählt er, „nachdem ich dann zehn Jahre lang da war, wollte ich genaue Bilanz ziehen und habe die Anwesenheitszahlen studiert. Letztendlich hatte ich dennoch nicht viel gewonnen – rund 35 waren es im Schnitt im Anfangsmonat, zehn Jahre später waren es immer noch rund 35 Gottesdienstbesucher.“ Die Schlusssfolgerung zieht er ohne jegliche Verbitterung. Für ihn steht nur fest: „Es gibt kein Patentrezept, um Menschen für Kirche begeistern zu können.“

Vielmehr müsse man Realist sein – „denn es ist für uns ein Arbeitsfeld, das wir im Moment nicht gewinnen können“, resümiert der Theologe, „wir müssen erstmal die Durststrecke überstehen, bis die Menschen wieder zum Nachdenken kommen und sich nicht mehr mit den oberflächlichen Antworten, die die Gesellschaft oftmals gibt, abfinden.“ Diese Erkenntnis müsse einfach wachsen.

Ihn ärgert es aber, wenn der volkskirchliche Ansatz nicht mehr zum Profil seiner Kollegenschaft gehört: „Wir verlieren die Menschen, wenn wir nicht zu ihnen und in ihre Gruppen gehen.“ Und dabei sei es wichtig, nicht ausschließlich im Auftrag des eigenen Kirchturms unterwegs zu sein – „wir als Pastoren sollten nicht nur von ,unserer Gemeinde’ reden, sondern auch immer von ,unserer Kirche’ als Gesamtheit“, betont er. Kirche reduziere sich ansonsten in der Außenwahrnehmung „auf einzelne Vorgärten“.

Tjarko Tammen hat in der rheinischen Landeskirche Theologie studiert. 17 Jahre lang war er Gemeindepastor in Sereetz, hat dann in der religionspädagogischen Ausbildung von Erzieherinnen gearbeitet und war drei Jahre in einem Jugendprojekt auf dem Koppelsberg. Nebenbei hat er eine Coaching-Ausbildung gemacht. Vor sieben Jahren hat er die Pfarrstelle für Vertretungsdienste im Kirchenkreis übernommen.

Allein in Lübeck hat er so acht Gemeinden kennengelernt, von Bodelschwingh bis St. Marien. „Ich schaue gerne auf die letzten Jahre zurück, in der Pastor Tammen uns in personellen Engpässen unterstützt hat. Manchmal waren die Vertretungseinsätze kurz, manchmal waren lange Vakanzzeiten zu überbrücken“, so eine dankbare Pröpstin Petra Kallies.

Tammen möchte den Talar nicht gänzlich in den Schrank hängen. „Nach Ostern werde ich regelmäßig in St. Jakobi meinen Predigtdienst versehen“, kündigt er an, „einen Gottesdienst empfinde ich für mich als heilsam.“ Zudem ist für ihn seine evangelisch-lutherische Kirche nach wie vor eine Kopf- und Herzensangelegenheit. „Wir predigen Freiheit und Mündigkeit des religiös lebenden Menschen sowie seine Verantwortung“, sagt er, „trotzdem wissen die allermeisten Menschen aber nicht, wofür evangelisch eigentlich steht.“ Hier mit noch mehr Selbstbewusstsein aufzutreten und als kritischer Teil der Gesellschaft sichtbar zu sein, das wünscht Tammen sich von seiner Kirche.

Von Michael Hollinde

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