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Lübeck „Wir sind keine Jammersendung“
Lokales Lübeck „Wir sind keine Jammersendung“
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14:43 14.11.2016
Im Aufnahmestudio des Offenen Kanals (OK) Lübeck sind Tanja Salkowski (v.l.), Dirk Schippel, Hanna Lüth und Dietmar Schreiber jeden ersten Mittwoch mit „Radio Sonnengrau“ auf Sendung. Quelle: Wolfgang Maxwitat
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Sie war überhaupt nicht geplant, die zweistündige Sendung, mittlerweile ist sie sogar preisgekrönt. „Ich war hier eigentlich im OK Lübeck nur zu Gast, um mein Buch vorzustellen“, erinnert sich Moderatorin Tanja Salkowski, „dann wurde ich aber nach dem Beitrag gefragt, ob ich nicht Lust hätte, etwas Regelmäßiges daraus zu machen.“ Und aus der anfänglichen Skepsis wurde schließlich „Radio Sonnengrau“, das bald sein Einjähriges feiern kann und bei dem letzten Kongress der DGPPN, der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde, mit dem Antistigma-Preis 2014 ausgezeichnet worden ist.

„Das ist für uns Ansporn“, erklärt die 37-Jährige, die selbst unter depressiven Episoden gelitten hat und dies durch Schreiben verarbeiten wollte. Jeden ersten Mittwoch im Monat ab 19 Uhr sind Salkowski und ihr Team „on air“. Die Sendung ist ein Mix aus Musik, Talk und Info. Ziel ist es, über psychische Leiden aufzuklären, diese regelmäßig zum Gesprächsthema zu machen und dadurch mit Vorurteilen aufzuräumen — vor allem gegenüber der weit verbreiteten Erkrankung Depression.

„Wir sind keine Jammersendung, weinen nicht zwei Stunden am Mikro oder spielen nur Trauermusik“, betont Salkowski. Im Wort „Sonnengrau“ sei es ja schon beschrieben — „ich kann feiern, aber ich habe auch eine graue Phase, beides gehört zu meinem Leben“, resümiert sie. Im zwölfköpfigen Redaktionsteam mischen auch Dietmar Schreiber und Hanna Lüth mit. Beide wissen, worüber sie reden. „Wir sind als Betroffene hier mit in der Runde“, sagt das Duo.

Und Schreiber stellt für sich klar: „Ich möchte über psychische Leiden in der Öffentlichkeit reden, weil ich selber erlebt habe, wie viel Kraft ich aufwenden musste, um im Alltag die Fassade aufrecht erhalten zu können.“ Entsprechend appelliert er: „Man sollte sich unbedingt rechtzeitig Hilfe holen und nicht so lange warten, bis es dann gar nicht mehr geht. Denn der eine hat‘s mit dem Magen, der andere eben mit der Seele.“ Außerdem ist er zu der Feststellung gelangt: „Wenn Menschen erzählen, wie es ihnen ergangen ist, ist das oft viel hilfreicher, als ein Fachbuch über das Leiden zu lesen.“

Durch die Möglichkeit des Livestreams im Internet erzielt die Sendung eine enorme Reichweite, so dass die ehrenamtlichen Radio-Macher unter anderem Hörer-Mails aus Österreich erhalten. Neben Tanja Salkowski moderiert Dirk Schippel, Coach und Inhaber einer eigenen psychotherapeutischen Praxis, die Sendung. Viele, die eine Psychotherapie in Anspruch nehmen wollten, müssten über sechs Monate auf einen Therapieplatz warten, weiß der Experte, „diese Zeit allein ist für Erkrankte unsäglich; entsprechend können wir durch unsere regelmäßige Sendung und das Hotline-Angebot ein bisschen überbrücken.“ Eine wichtige Funktion haben auch die Promi-Interviews. „So hatten wir schon Angelo Kelly, den Kabarettisten Torsten Sträter, Popsänger Laith Al-Deen sowie Sportler Matthias Steiner in der Sendung — es kann eben jeden treffen“, betont die Moderatorin.

Links zum Thema: www.radiosonnengrau.de, www.buendnis-depression.de, www.seelischegesundheit.net

DREI FRAGEN AN...

1Eine Studie zeigt, dass in Lübeck besonders viele Menschen an einer Depression erkrankt sind. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Solche Zahlen hängen von vielen Faktoren ab. Einer ist, dass es in Großstädten viel mehr Spezialisten gibt. Die Wahrscheinlichkeit, dass in solch einer Umgebung eine Depression erkannt und behandelt wird, ist viel größer. Gleichzeitig trauen sich Betroffene in der Anonymität größerer Städte eher, professionelle Hilfe zu suchen als in kleinen Gemeinden.

2 Vor zehn Jahren wurde das Bündnis gegen Depressionen gegründet. Was ist daraus geworden?

Das Projekt ging im Jahre 2006 nach zweieinhalb sehr erfolgreichen Jahren zu Ende. In der Nachfolge wurde der Verein „Lübecker Bündnis. Verein für seelische Gesundheit“ gegründet. Das Thema ist in der Gesellschaft angekommen.

3 Was kann man tun, damit dieses Leiden nicht weiter zunimmt?

Ein Teil der Zunahme ist darauf zurückzuführen, dass es inzwischen besser erkannt werde. Jeder Einzelne kann aber durch einen achtsamen Umgang mit sich selbst und seinen Mitmenschen das Risiko verringern, indem er auf ein ausgewogenes Verhältnis von Belastung und Erholung achtet. Dazu gehören ausreichend Schlaf, gesunde Ernährung, Bewegung und hilfreiche soziale Kontakte.

Michael Hollinde

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