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Lübeck Wir stecken dahinter: Outing-Künstlerinnen outen sich
Lokales Lübeck Wir stecken dahinter: Outing-Künstlerinnen outen sich
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09:30 25.01.2016
Ingeborg Pieper (l.) und Ulrike Heil haben unter anderem den „Schuhflicker aus Kairo“ heimlich im Behnhaus fotografiert, um den Ausschnitt auf Papier zu bringen. Im Großformat klebten die beiden dann in bloß einer Nacht insgesamt acht Outings in Lübecks Altstadt. Quelle: Maxwitat
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Lübeck

Einen „regelrechten Adrenalinschub“ haben Ingeborg Pieper und Ulrike Heil bekommen, als sie die Papier-Graffiti nachts angeklebt haben. Die Lübeckerinnen stecken hinter den sogenannten Outings, diewochenlang für Gesprächsstoff sorgten. In der Königstraße sei sogar die Polizei just in dem Moment mit Blaulicht an ihnen vorbeigesaust, als sie ein Motiv anbrachten. Pieper: „Da dachte ich, die kommen wegen uns.“

Heil und Pieper klebten Mitte November acht Papierkunstwerke an Altstadtmauern. Alle Figuren waren Ausschnitte aus Gemälden, die im Behnhaus Drägerhaus zu sehen sind. Nahezu täglich entdeckten die Lübecker neue Papier-Graffiti. Behnhaus-Leiter Alexander Bastek veranstaltete extra eine Sonderführung zu den Fundorten und erzählte Spannendes zu den Gemälden (die LN berichteten).

„Wir hätten nie gedacht, dass wir so eine öffentliche Reaktion hervorrufen“, sagt Heil. Sie hatte einen Artikel über das weltweite Outing-Projekt des Künstlers Julien de Casabianca gelesen, schnell konnte sie Ingeborg Pieper überzeugen: „Das Thema hat mich auch gepackt.“ Etwa im September haben die Künstlerinnen dann mit den Vorbereitungen begonnen. Anfangs bildeten sie noch ein Trio, doch die Dritte im Bunde musste relativ früh aus privaten Gründen wieder aussteigen.

Drei Anläufe brauchten die Frauen, um druckreife Aufnahmen der Bilder zu bekommen. Erst probierten sie es mit einer alten Handykamera, da war die Qualität zu schlecht. Dann folgte ein Versuch mit dem Fotoapparat. „Nun wurden wir immer vom Personal gejagt“, erinnert sich Pieper. Im Behnhaus galt striktes Fotografierverbot. Erst der dritte Anlauf mit einem Smartphone war erfolgreich. Am Computer schnitt ein „wunderbarer Helfer im Hintergrund“ die Motive aus, die dann an Casabianca gesendet wurden. Der zog die Aufnahmen auf Papier und schickte sie zurück. Dann, in jener Nacht mit dem Blaulicht-Erlebnis,schritt das Duo zu Werke. „Wir sind extra am Sonntag zur ,Tatort‘-Zeit los“, so Heil. „Da ist die Stadt leer.“
Behnhaus-Chef Bastek ist fasziniert, dass die acht Outings in einem Rutschaufgeklebt wurden. „Für alle war es so spannend, weil sie erst nach und nach entdeckt wurden.“ Am Werkhof klebte der „Schuhflicker aus Kairo“, an St. Petri und in der Fischergrube Ausschnitte aus der „Heimkehr von der Arbeit“, in der Beckergrube die „Elisabeth von Bockelberg“, am Spielplatz in der Kanalstraße das „Kind im Spielzimmer“ und in der Hundestraße das Hündchen aus dem „Bildnis der Maria Balemann, geborene Tesdorpf“. Mutter und Tochter aus Linde-Walthers „Hartengrube“ in der Ausfahrt neben dem Filmhaus sowie der Junge aus der „Heimkehr“ im Gang zwischen Wahm- und Aegidienstraße überlebten die erste Nacht nicht. Pieper: „Das tat richtig weg.“

Der Grund für ihre Aktion: „Wir haben die Figuren ausgewildert“, sagt Heil. In neuer Umgebung ergebe sich ein völlig neuer Kontext. Pieper: „Die Figuren müssen sich neu behaupten und erzählen neue Geschichten.“ Etwa der Hund: Im Gemälde schaut er wie ein einfältiges Schoßhündchen, in der Hundestraße frech und schlau. Wichtiges Kriterium für die Motivwahl laut Pieper: „Alle Figuren müssen den Betrachter direkt angucken.“

Mit der Aktion sollte die Kunst „möglichst vielen zugänglich gemacht werden“, sagt Ulrike Heil. Diese Intention verfolgt auch Outing-Erfinder Casabianca: Die Gemälde sollen das schützende Museum verlassen. Weltweit können ihm Künstler Ausschnitte zukommen lassen, er bringt diese auf Papier und schickt alles zurück. Outings gibt esunter anderem in Los Angeles, London, Madrid, Rio de Janeiro. Pieper: „Jetzt taucht auch das kleine Lübeck zwischen all den Metropolen auf.“

Alexander Bastek ist sehr erfreut, dass sein Haus für die Vorlagen auserwählt wurde. Seither fragen sehr viele Besucher explizit nach den Vorbildern. „Das Kind im Spielzimmer fand jahrelang kaum Beachtung“, sagt er, „jetzt gehört es zu den beliebtesten Bildern.“ Als Dank will er Pieper und Heil Jahreskartenschenken. Zudem planen die drei,Casabianca nach Lübeck einzuladen. Pieper: „Das wäre die Krönung.“ Peer Hellerling

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