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Wo die Industriegeschichte lebendig wird

Kücknitz Wo die Industriegeschichte lebendig wird

Das Leben in Herrenwyk war jahrzehntelang geprägt von der Historie des Hochofenwerkes. Noch heute spiegelt sich das im Ort wider

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Anwohnerin Sabine Vazquez geht in der Kupferstraße/Ecke Silberstraße an den Bronzefiguren „Die Eisengießer“ von Karlheinz Goedtke entlang. Die 57-Jährige ist im Viertel aufgewachsen und ihr Vater hat noch im damaligen Hochofenwerk gearbeitet.

Quelle: Cosima Künzel

Kücknitz. Mit Arbeiterhäusern, Industrie, Neubauten, einer Villa am Rande und einem Museum mittendrin ist Herrenwyk voller Gegensätze. Und doch ist der Ort geeint durch eine Geschichte, die man überall wiederfindet. In den Straßennamen, auf den Plätzen, bei den Menschen, die hier leben: Es ist die Geschichte des Hochofenwerkes.

Einer, der die Geschichte von Werk und Viertel kennt wie wohl sonst keiner, ist Dr. Wolfgang Muth. 27 Jahre lang hat der 65-Jährige das Industriemuseum Geschichtswerkstatt Herrenwyk geleitet. Dort findet alljährlich im Sommer auch das Hoffest statt: ein beliebter Treff, nicht nur für die Alten. Seit August ist der Historiker im Ruhestand, aber das ist kein Abschied von Herrenwyk. Als Mitglied des Fördervereins ist er weiter in dem „spannenden Stadtteil“ aktiv und kann dessen Entstehung aus dem Stegreif erzählen.

Marcus Keller (46) kauft im Laden von Aysel Kiziltas (43) Kuchen. Ecrin (6) schaut zu. Keller mag das kleine Geschäft auf dem Platz sehr.

Marcus Keller (46) kauft im Laden von Aysel Kiziltas (43) Kuchen. Ecrin (6) schaut zu. Keller mag das kleine Geschäft auf dem Platz sehr.

Quelle: Cosima Künzel

Sie beginnt mit einer Ansammlung von Bauernhäusern, erstmals erwähnt wurde das Dorf im Jahr 1230. „Der Name Herrenwyk kommt aus dem Niederdeutschen und bedeutet Heringsbucht“, sagt Muth im Museum und erzählt vom Umbruch, als Anfang des 20. Jahrhunderts erste Industrialisierungspläne auftauchten. Der Lübecker Senat kaufte Grundstücke der Fischer und Bauern auf, und 1905 wurde die Aktiengesellschaft Hochofenwerk gegründet. Das Werk entstand am Traveufer in den Jahren 1906/07. Besitzer war die Aktiengesellschaft, an der auch Lübecker Kaufleute, Industrielle und die Hansestadt beteiligt waren. „Das war der Einzug der Großindustrie in Lübeck.“

Schon in der Anfangszeit brauchte man im Werk über 500 Arbeiter, die mit ihren großen Familien mit teilweise bis zu 15 Kindern nach Herrenwyk kamen und Unterkunft benötigten. „An ein Auto war für die Arbeiter nicht zu denken, selbst Fahrräder konnte sich kaum jemand leisten, und Straßenbahnanbindung gab es noch nicht.“ Also baute das Werk in unmittelbarer Nachbarschaft Häuser für die Mitarbeiter.

„Die Wohnkolonie der Arbeiter bestand aus einstöckigen Reihenhäusern und einem Stück Garten“, erzählt der 65-Jährige und geht aus dem Museum in die Kokerstraße.

Dr. Wolfgang Muth ist ehemaliger Leiter des Industriemuseums Geschichtswerkstatt Herrenwyk. Er steht vor dem Eingang Kokerstraße.

Dr. Wolfgang Muth ist ehemaliger Leiter des Industriemuseums Geschichtswerkstatt Herrenwyk. Er steht vor dem Eingang Kokerstraße.

Quelle: Cosima Künzel

Hier und in den Nachbarstraßen ist das damalige Leben noch zu ahnen. „Für die großen Familien war der Alltag in den 55-Quadratmeter-Häusern sehr beengt“, erzählt Muth und zeigt, dass zu den Gebäuden ein Schuppen mit Plumpsklo, Waschküche und Stall gehörte. In einem der historischen Häuser wohnt Holger Jörn (69). „Dort, wo früher die Waschküche war, habe ich jetzt mein Sommeratelier“, erklärt der Maler, der seit zehn Jahren im Viertel wohnt und sich in seinen Arbeiten „mit der besonderen Atmosphäre des Ortes“ beschäftigt. So sind Rohrfederzeichnungen mit wasserfester Tusche und in Aquarelltechnik entstanden, die Straßenzüge und Arbeiterhäuser zeigen. „Ich lebe gerne hier“, sagt Jörn, „die Menschen sind pragmatisch, bodenständig und sie sagen, was sie denken. Das mag ich.“

Eine enge Verbindung zum Ort fühlt auch Sabine Vazquez (57). Ihr Elternhaus steht in der Kupferstraße, sie ist in Herrenwyk aufgewachsen, und ihr Vater hat als Arbeiter im Werk gearbeitet. „Ich erinnere mich vor allem daran, dass wir die Fenster zu Hause nicht putzen konnten, sondern mit einem Schlauch abspritzen mussten.“ Auch die Wäsche habe man aufgrund der Luftverschmutzung nie draußen aufhängen können.

Künstler Holger Jörn (69) sitzt in seinem Haus in der Kokerstraße am Schreibtisch. Er hat schon Straßen und Häuser im Viertel gemalt.

Künstler Holger Jörn (69) sitzt in seinem Haus in der Kokerstraße am Schreibtisch. Er hat schon Straßen und Häuser im Viertel gemalt.

Quelle: Cosima Künzel

Als das Hochofenwerk (ab 1954 Metallhütte) 1981 Konkurs anmeldete, weil es runtergewirtschaftet war, bekam das auch ihr Vater zu spüren. „Zum Glück konnte er damals recht problemlos in den Vorruhestand gehen.“ Für die meisten aber war der Untergang unbegreiflich und schlimm. Etwa 1000 Arbeitskräfte wurden damals auf die Straße gesetzt – ohne die versprochenen Abfindungen zu erhalten.

Vazquez erzählt das alles, während sie auf dem Quartiersplatz Ecke Kupferstraße auf den Bus wartet. „Als ich Kind war, standen hier noch keine Häuser“, sagt sie noch, dann rollt ihre Linie heran, und sie winkt zum Abschied. Ein paar Schritte weiter ist Aysel Kiziltas (43) froh, dass hier ein Neubaugebiet entstanden ist. Denn im August hat sie auf dem Platz ihr Lebensmittelgeschäft mit Bäckerei eröffnet. „Ich wollte schon immer einen Tante-Emma-Laden haben“, sagt die sechsfache Mutter, während sich draußen Nieselregen auf eine Bronzeplastik legt. Bildhauer Karlheinz Goedtke schuf das Kunstwerk 1995, und mit den „Eisengießern“ bleibt auch im Neubaugebiet die Geschichte Herrenwyks präsent.

Vier Gründe: Darum lieben die Bewohner ihren Kiez

Die Wohnkolonie der Arbeiter ist eng mit der Entstehung des Hochofenwerks verbunden. Die einstöckigen Reihenhäuser haben alle den gleichen Grundriss. Das Foto (oben) zeigt die Gichterstraße.
Das Industriemuseum Geschichtswerkstatt befindet sich an der Kreuzung Kokerstraße/Bäckereistraße. Es gibt diverse Exponate aus dem Hochofenwerk (später Metallhütte), eine Dokumentation zu den Lebensverhältnissen der Arbeiter und vieles mehr.

Das Naherholungsgebiet Metallhüttenpark ist auf der ehemaligen Schlackenhalde entstanden. Die Giftstoffe wurden eingekapselt, Mutterboden aufgeschüttet und der Park angelegt (aus: Leben und Arbeiten in Herrenwyk, Verlag Schmidt-Römhild)

Das Gewerbegebiet Herrenwyk ist auf Teilen des ehemaligen Werksgeländes (rund 100 Hektar groß) entstanden. Hier gibt es diverse Einkaufsmöglichkeiten, Fabriken und Firmensitze.

Wussten Sie schon, dass. . .

. . .die Häuser für die Mitarbeiter des Hochofenwerkes hierarchisch gegliedert waren? Westlich des Werkes stand die Villa des Generaldirektors (heute: Alt Herrenwyk 1). An der Hochofenstraße befanden sich die sogenannten „Beamten“-Wohnhäuser für die Direktoren und die leitenden Angestellten. In der Bäckereistraße wurden Meisterhäuser und das Werkskaufhaus errichtet. Dahinter entstand in der Kokerstraße, der Eisenstraße und in den Querverbindungen die Wohnkolonie der Arbeiter.

. . .1924 das Hochofenwerk seine Privatstraßen benannte? Alle Namen hängen mit dem Werk und seinen Beschäftigten zusammen. Die Kokerstraße ist zum Beispiel nach den Arbeitern in der Koker-Anlage benannt.

. . .der Nachbarschaftstreff des Lübecker Bauvereins, Silberstraße 1-3, bei dem Anwohnern sehr beliebt ist. Hier werden ehrenamtlich organisierte Theaterbesuche, Filmabende und vieles mehr organisiert.

. . .das Werkskaufhaus Lebensmittel, Textilien, Gartengeräte und vieles mehr bot, was die Menschen damals brauchten. Heute befindet sich dort das Museum, das kommissarisch von der Vorsitzenden des Fördervereins, Helga Martens, geleitet wird.

Viertel-Gespräch

LN: Was macht das Leben in Herrenwyk für Sie aus?
Georg Sewe: Nach dem Konkurs der Metallhütte hat sich durch die Privatisierung der Häuser und Wohnungen eine neue Ortsgemeinschaft mit viel Eigeninitiative entwickelt. Die Siedlung hat ihren sehr eigenen und familiären Charme behalten.

Georg Sewe, Gemeinnütziger Verein Kücknitz.

Georg Sewe, Gemeinnütziger Verein Kücknitz.

Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Haben Sie einen Lieblingsplatz im Viertel?
Sewe: Der Metallhüttenpark bietet einen herrlichen Überblick über Herrenwyk und die Trave bis nach Dummersdorf.

LN: Was sollte man nicht verpassen, wenn man Herrenwyk besucht?
Sewe: Das ehemalige Kaufhaus der Metallhütte, in dem das Museum der Geschichtswerkstatt untergebracht ist. Hier wird das Leben und Arbeiten in Lübecks früherer Haupteinnahmequelle – der Kücknitzer Industrie – dokumentiert und für die Nachwelt erhalten. Hier wird die Kücknitzer lndustriegeschichte lebendig. Daher ist die Geschichtswerkstatt für Lübeck unverzichtbar.

LN: Sehen Sie Herrenwyk als eigenständigen Ortsteil oder gehört er zum Stadtteil Kücknitz dazu?
Sewe: Herrenwyk ist ein Ortsteil im Stadtteil Kücknitz. Alle Ortsteile von Dänischburg bis Pöppendorf gehören zum Stadtteil dazu.

Cosima Künzel

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