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Wohnen im Weltkulturerbe

Wohnen im Weltkulturerbe

Neubauten?  Sind seine Sache nicht, sagt Ulrich Büning. Er wohnt lieber hinter alten Mauern. Die seines Dielenhauses in Lübecks Fleischhauerstraße stammen zum Teil aus dem 13. Jahrhundert.

30 Jahre Weltkulturerbe, Ulrich Buening bewohnt ein Altstadthaus, welches er selbst saniert hat.

Quelle: Felix König

Vor allem hört man, dass man nichts hört. Der Lärm der Stadt, das Rollen der Autos übers Pflaster, das Rufen, das Treiben, es bleibt alles ausgesperrt. Es dringt nicht durch die alten Mauern und die doppelten Fenster. Es ist still hier drinnen. „Manchmal am Abend denkt man, man ist ganz allein auf der Welt“, sagt Ulrich Büning (78).
Aber er wohnt mitten in der Stadt. Fleischhauerstraße 79. Ein schmales Haus in einer schmalen Straße. Und eines mit Vergangenheit. Sie reicht zurück bis ins 13. Jahrhundert, als Lübeck eine junge Ansiedlung war und noch keine Königin der Hanse. Und es hätte nicht viel gefehlt, dann wäre das Haus in sich versunken und selbst Geschichte geworden. Aber es steht heute da in guter Verfassung, festgemauert in der Erden und sturmfest gemacht für die nächste kleine Ewigkeit.

Ulrich Büning ist gerade umgezogen. Bis März hat er weiter vorne im Haus gewohnt, jetzt ist er etwas nach hinten gerückt. Von 65 auf 43 Quadratmeter, vom späten Mittelalter ins 19. Jahrhundert. Denn dieser Teil des Ensembles stammt aus der Zeit, als Bismarck erst wenige Jahre Reichskanzler war.
Zinngießer und Tischler hatten hier ihre Werkstätten, so steht es in alten Adressbüchern. Es muss laut und heiß zugegangen sein damals, staubig und geschäftig. Heute tritt man durch zwei Türen aus Holz und Glas und steht in einer kleinen Wohnung mit zwei Etagen, in der die Ruhe wohnt und sich Moderne und Vergangenheit nicht aus dem Weg gehen.

Unten halten Einbauschränke Ordnung. Unten befindet sich neben dem Bett auch das Bad, das als geschlossene Kabine wie ein kleiner Kubus in einen größeren Kubus gebaut wurde. Eine Treppe führt nach oben, wo Küche und Wohnzimmer sich den Raum teilen. Kühlschrank, Geschirrspüler und Mikrowelle fehlen noch, das wird alles eingebaut – Maßarbeit, wie im Grunde fast alles Maßarbeit ist in diesen Mauern, in denen der rechte Winkel kein Zuhause hat.

Ulrich Büning hat das alte Dielenhaus 2006 mit zwei Partnern gekauft. Er stammt aus Kleve vom Niederrhein, hat in Hamburg studiert, kam 1968 als Lehrer nach Lübeck und hat 35 Jahre an der Gewerbeschule in der Parade unterrichtet. Er war sofort „fasziniert“ von der Stadt. Es hat ihn richtig erwischt.

Es ist sein fünftes Haus in dieser Zeit. Und es wird wohl auch sein letztes sein, sagt er. Es begann mit einem Siedlungshaus in Groß Grönau, ging weiter über Israelsdorf nach Lübeck in die Hundestraße und von dort über die Fleischhauerstraße 65 in das jetzige Gebäude. Er hat sich durch die Jahrhunderte gearbeitet, von den Fünfzigerjahren in Grönau zurück ins Hochmittelalter, jedenfalls zum Teil.

Das Haus ist nur etwa sechs Meter breit, das Grundstück aber rund 60 Meter tief. Der vordere Bereich des Ensembles stammt aus der Zeit vor 1293, der größte erhaltene Teil aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Das Zwischenhaus ist von 1875. Das hintere Gebäude war ursprünglich ein Pferdestall und so marode, dass neu gebaut werden musste. Vier Wohnungen gibt es insgesamt, sie teilen sich zusammen etwa 350 Quadratmeter Wohn- und Nutzfläche.

Ulrich Büning ist 1985 zum ersten Mal in dem Haus gewesen. Als er es mit dem Architektenehepaar Nicola Petereit und Jörg Haufe kaufte, hatte es lange leer gestanden. Hausbesetzer waren hier untergekommen, im Dach klafften Löcher. Regen und Schnee, Wind und Wetter hatten manche vernichtende Schlacht geschlagen. Das Haus war vollgerümpelt und zugewachsen, ein Pflegefall. Es war abzugeben in gute Hände.

Er hat es trotzdem gekauft. Oder im Grunde deswegen, denn es hat auch mit einer Art Pflichtgefühl zu tun. Mit so etwas wie einer geheimen Abmachung zwischen ihm und dem Haus. „Ein anderes hätte mich nicht interessiert. Ich wollte dieses, weil kein anderer sich das zugetraut hätte.“

Er ist nicht über die Maßen interessiert an Geschichte, sagt er, „eigentlich nicht“. Aber er hat die Historie der Fleischhauerstraße in Büchern aufgearbeitet und kennt sie wie kein anderer. Er hat sich hineingegraben in die Archive und die Details. Er hat ein Gefühl für das Echo aus vergangenen Jahrhunderten, das einem in den alten Häusern begegnet. Er ist empfänglich für diese Schwingungen, „ja, das kann man fast schon sagen“.
Das geht Wolfgang Hoffbauer (71) nicht anders. Er lebt in Bünings alter Wohnung. Im März ist er eingezogen, ein Zahnarzt im Ruhestand aus Göttingen, ein freundlicher Mann, der zum Espresso einlädt in sein neues Zuhause.
Er stammt aus Harmsdorf, wo sein Vater Lehrer war. Mit seiner Frau und den Kindern h öfter Urlaub in der Gästewohnung vorne im Haus gemacht. Jetzt ist er ganz nach Lübeck gezogen und hat sein Haus in Göttingen verkauft. 35 Jahre hatte er dort seine Praxis in einer der ältesten Apotheken Europas, am Tag des Besuches wird sein Haus gerade an die künftigen Bewohner übergeben. Altes bleibt zurück, Neues wartet, so gehen die Dinge wohl dahin.

Er mag Lübeck, sagt er. „Es war früher immer schon meine heimliche Hauptstadt.“ Er fühlt sich wohl hier. Und er schätzt seine neuen schrägen vier Wände, die Stille, die Behaglichkeit: „Es ist wirklich wie ein Kloster, ein Platz der Ruhe.“

Er hat sich von vielem trennen müssen, das blieb nicht aus. Aber ein Klavier steht in der Wohnung, auf der schmalen Treppe nach oben zum Schlafraum gleicht keine Stufe der anderen, und der Blick geht vom Bett durch die Rundbogenfenster auf die roten Dächer der Nachbarschaft.

110 000 Euro haben Ulrich Büning und seine Partner für das Haus bezahlt. Und 1,2 Millionen Euro hineingesteckt. Wobei es aber kleinere Zuschüsse gab und Unterstützung, gerade auch von den Althaus-Sanierern der ASG, die sich in Lübeck mit Rat und Tat unter die Arme greifen. Am Ende kam man auf Kosten von etwa 3000 Euro pro Quadratmeter.

Die Possehl-Stiftung hatte schon den alten Eigentümer angeschrieben und ihm Hilfe signalisiert, sollte er den maroden Bau sanieren. Aber der Mann aus Flensburg, ein Neffe und Erbe des vorherigen Besitzers, hatte daran wenig Interesse. Büning hat dann eher durch Zufall erfahren, dass das Haus verkauft werden sollte. Er schrieb nach Flensburg, bekam nach drei Wochen Antwort, suchte sich mit Haufe und Petereit zwei Partner, und dann ging es los.

500 Jahre lang haben hier im Haus vor allem Knochenhauer gelebt. Aber nur gewohnt, nicht gearbeitet. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts, als der letzte Knochenhauer das Haus kaufte und wenig später die Gewerbefreiheit eingeführt wurde, ging es hier entsprechend zur Sache. Aber auch ein Bildhauer und Stuckateur hatte hier seine Werkstatt, ganz früher ein Schuster und Mitte des vorigen Jahrhunderts ein Obst- und Kartoffelhändler. Heute wohnen neben Büning und Hoffbauer noch eine pensionierte Lehrerin und eine junge kanadische Medizinerin in der Nr. 79.

Das Haus ist mit Ecken und Kanten ins Leben gebaut. Ein Gesamtkunstwerk aus schiefen Winkeln und schiefen Ebenen, ein Manifest des Ungeraden. Fenster und Mauern laufen aus der Flucht, an manchen Stellen ist der Fußboden schräg. Und unter den Decken ziehen sich mächtige Balken von Wand zu Wand.

Im Seitenflügel weist einer der Balken zwei Bohrlöcher auf. Man hat dort eine Probe entnommen und festgestellt, dass der Baum im Sommer 1458 gefällt wurde. 1458, das war zu einer Zeit, als in Genua ein kleiner Junge namens Christoph Kolumbus noch nicht mal daran dachte, dass da auf der anderen Seite des großen Wassers ein ganzer unbekannter Kontinent liegen könnte. Und Martin Luther war noch nicht mal auf der Welt.

Unten in der Diele gab es in den letzten Jahren Konzerte und Lesungen , es wurde gefeiert und auf großer Leinwand Fußball geguckt. Das ist jetzt vorbei. Noch immer aber läuft ein Seil von hier unten durch die Geschosse oben unters Dach zu einem großen Rad. Früher wurden so Dinge hoch in die Stockwerke befördert. Heute ist das Seil in den Fußböden mit speziellen Manschetten versehen, die bei Feuer eine Sperre bilden und keine Flamme durchlassen – Brandschutz, auch das will bedacht sein.

Versorgt wird das Haus mit Erdwärme, die aus 85 Metern Tiefe in Spiralen in den Fußböden und an den Wänden strömt. Heizkörper such man im Haus vergebens. Das würde auch nicht passen, sagt Ulrich Büning, wie sie das alte Gemäuer bei der Sanierung überhaupt zu seinem Recht haben kommen lassen. Er habe sich den Gebäuden immer gefügt, sagt er. „Ich habe das Haus gesehen und dann überlegt, wie ich meine Bedürfnisse anpassen kann. Die Leute, die da vorher gewohnt haben, haben sich ja auch etwas dabei gedacht.“ Peter Intelmann

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