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Lübeck Interview mit dem Geschäftsführer des Mietervereins: „Vielleicht braucht es lauten Protest“
Lokales Lübeck Interview mit dem Geschäftsführer des Mietervereins: „Vielleicht braucht es lauten Protest“
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21:58 10.07.2018
Thomas Klempau, Geschäftsführer des Mietervereins in Lübeck.
Lübeck

Eine Statistik zeigt, dass in Lübeck 2017 nur rund halb so viele Wohnungen gebaut wurden wie im Jahr zuvor. Wie bewerten Sie das?

Thomas Klempau, hier bei einer Versammlung von Mietern in Moisling, ist Geschäftsführer des Mietervereins und hält der Wohnungswirtschaft vor, nicht genug neuen Wohnraum zu schaffen. Quelle: Foto: Felix König

Thomas Klempau: Das ist in der Tat eine besorgniserregende Entwicklung. Der wirkliche Zugewinn an Wohnungen, die es vorher nicht gab, fällt deutlich geringer aus und findet überwiegend im Ein-, Zweifamilien- und Reihenhausbau statt – mit entsprechend hohen Miet- oder Kaufpreisen, die für Haushalte mit finanziell eingeschränkten Möglichkeiten meist nicht erschwinglich sein dürften.

Herrscht in Lübeck jetzt Wohnungsnot?

Die Leerstandsquote ist in Lübeck von 2016 zu 2017 von 2,2 auf 1,8 Prozent zurückgegangen. Bereits eine Leerstandsquote von unter drei Prozent ist ein Indikator für einen angespannten Wohnungsmarkt. Eine Leerstandsquote von derzeit nur noch 1,8 Prozent bringt deutlich zum Ausdruck, dass wir es in Lübeck inzwischen mit einem sehr angespannten Wohnungsmarkt und in einigen Wohnungsmarktsegmenten, zum Beispiel kleine Wohnungen bis 50 Quadratmeter, bereits mit einer Wohnungsnot zu tun haben.

Aber man hat den Eindruck, dass in Lübeck ganz viel gebaut wird.

Dort, wo die Nachfrage am höchsten ist, nämlich bei Mietwohnungen mit Kaltmieten von 5,95 Euro bis sieben Euro pro Quadratmeter, wird seit Jahren bedauerlicherweise viel zu wenig gebaut. Wenn in diesem Bereich Aktivitäten stattfinden, dann handelt es sich meist um einen Ersatzneubau, was bedeutet, dass zunächst ein in die Jahre gekommener Wohnungsbestand von beispielsweise 100 Einheiten mit bisherigen Kaltmieten von 5 bis 6 Euro pro Quadratmeter abgerissen und an gleicher Stelle 90 Einheiten neu errichtet werden, von denen bestenfalls die Hälfte öffentlich gefördert sind. Für die andere Hälfte werden Kaltmieten von zehn Euro pro Quadratmeter und mehr verlangt. Unter dem Strich erfolgt in Lübeck damit faktisch eine kontinuierliche Reduzierung des Bestandes an preisgünstigen Wohnungen.

Braucht Lübeck denn gerade günstige Wohnungen?

Ja. Die Einwohnerzahl in Lübeck ist innerhalb der vergangenen vier Jahre um etwa 6000 Personen angestiegen und im gleichen Zeitraum hat die Anzahl der Bezieher von staatlichen Transferleistungen um 5000 Personen zugelegt. Auch diese Zahlen verdeutlichen, dass ein zusätzlicher und dringender Neubaubedarf insbesondere im Bereich preisgünstiger Wohnungen gegeben ist. Bei einer Neubautätigkeit in den vergangenen Jahren von durchschnittlich etwa nur 430 Wohnungen inklusive Ersatzneubau ist daher absehbar, dass die bereits vorhandenen Anspannungen zwangsläufig deutlich zunehmen und die Mieten weiter stark ansteigen werden.

Weshalb werden nicht mehr bezahlbare Wohnungen gebaut?

Politik und Wohnungswirtschaft kennen die Zahlen und die Entwicklungen. Das Land Schleswig-Holstein hält ein beachtlich großes Fördervolumen mit hervorragenden Förderbedingungen zum Bau von Sozialwohnungen bereit, welches nur spärlich von Investoren in Anspruch genommen und wenn, dann fast ausschließlich nur im Ersatzneubau oder im Bereich von Modernisierungen eingesetzt wird, wodurch nicht eine einzige zusätzliche preisgünstige Wohnung auf den Markt kommt.

Lübeck hat 2016 eine Richtlinie beschlossen. Bauherren von Sozialwohnungen bekommen städtische Grundstücke billiger. Wirkt die?

Die Verbilligungsrichtlinie wird von der gewerblichen Wohnungswirtschaft meines Wissen bisher kaum in Anspruch genommen.

Werden die Mieten in Lübeck weiter steigen?

Unter dem Strich laufen wir alle unausweichlich und sehenden Auges in eine Wohnungsmarktsituation hinein, die in den kommenden Jahren noch deutlich mehr Anspannungen aufweisen wird, als es jetzt schon der Fall ist. Hinzu kommt, dass der Wegfall an preisgünstigen Wohnungen aufgrund von auslaufenden Bindungen und umfassenden Modernisierungsmaßnahmen mit Mieterhöhungen von bis zu 50 Prozent ebenfalls deutlich zunehmen wird. Diese Entwicklung müsste doch Anlass genug sein für alle Politik- und Wohnungsmarktakteure und auch für die Bauwirtschaft, die Ärmel hochzukrempeln, Personal aufzustocken und die Weichen in eine Richtung zu stellen, die nicht in einer dramatischen Wohnungsnot mit Wuchermieten, protestierenden Menschenmassen und chaotischen Zuständen mündet.

Warum geschieht nicht genug?

Ich weiß und verstehe es offen gesagt auch nicht. Vielleicht braucht es erst einen lauten Protest in der Bevölkerung mit brennenden Tonnen und großen Demonstrationszügen, die durch die Straßen ziehen, bevor sich etwas zum Positiven verändert.

Interview: Kai Dordowsky

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