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Lübeck Kanonen zu verkaufen
Lokales Lübeck Kanonen zu verkaufen
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13:04 31.08.2018
Schwere Kanonen – heute noch als Museumsstück vor dem Holstentor zu besichtigen. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck

Ich bin nur ein einfacher Soldat. Ich habe nichts zu melden in Lübeck, ich bin nicht einmal Bürger. Aber ich mache mir so meine Gedanken. Und da staune ich, für was diese Stadt alles Geld hat in den letzten Jahren. Die große Verschwendung fing 1754 an, als die hohen Herren meinten, der Ratssaal im Erdgeschoss des Rathauses sei nicht modern genug, und daraus einen protzigen Audienzsaal machten. Für die Wandgemälde musste es natürlich ein teurer, italienischer Maler sein (ein gewisser Stefano Torelli, dazu später noch mehr). Und dann kam diese unsägliche Brückenbaustelle vor dem Holstentor. Dauerte immer länger und wurde immer teurer, und plötzlich merkten sie, dass die Stadtkasse klamm ist.

Der Audienzsaal im Rathaus entstand Mitte des 18. Jahrhunderts. Er belastet die Stadtkasse schwer. Quelle: Wolfgang Maxwitat

Und was haben die hohen Herren getan? Haben sie darüber nachgedacht, ob eine einfache Holzbrücke es nicht auch tun würde? Haben sie die Pläne abgespeckt? Nein: Sie haben auf den Herrn von Chasot gehört, unseren Stadtkommandanten, und 44 Kanonen zum Verkauf angeboten, um die Stadtkasse zu entlasten („subleviren“ nannten sie es). Kanonen, die unsere Vorfahren vor 100 oder 200 Jahren haben gießen lassen zum Schutz unserer stolzen Stadt! Aber der feine Graf Chasot meint, so viele schwere Kanonen brauche heute keiner mehr, kleinere täten es auch, und die Preise für Bronze seien gerade gut.

Graf François von Chasot! Ausgerechnet dem hat man eine Lösung zugetraut, dabei ist er Teil des Problems. Dieser Mann kostet die Stadt jahrein, jahraus so viel Geld, dass er sich davon einen Ackerhof an der Wakenitz gekauft, ihn aufgemotzt und hochtrabend „Marly“ genannt hat, als wär’s ein Lustschloss des Sonnenkönigs. Da kommen die vornehmen Leute jetzt immer zusammen und feiern ihre Feste.

Isaak Franz Egmont von Chasot (1716-1797), Stadtkommandant der Hansestadt Lübeck. Gemälde von Stefano Torelli. Quelle: Wikimedia Commons

Nebenbei bemerkt, hat Herr von Chasot damals die schöne, blutjunge Tochter des Malers Torelli geheiratet, Sie wissen schon, der mit dem Audienzsaal. Jeder profitiert, wo er kann, so läuft es in den höheren Kreisen. Über die Vergangenheit des Herrn von Chasot erzählt man sich so allerhand. Aus der französischen Armee sei er rausgeflogen, heißt es, weil er bei einem Duell einen totgeschossen haben soll. Dann ist er abgehauen nach Preußen. Hat sich bei König Friedrich eingeschmeichelt und dann, wieder bei einem Duell, einem Major die Schädeldecke weggeschossen, heißt es. In Preußen kam er auf keinen grünen Zweig mehr – aber Stadtkommandant in Lübeck, dafür scheint’s immer noch gereicht zu haben.

Der Herr von Marly

Vor dem Zeitalter der Nationalstaaten war es kein Problem, dass ein französischer Offizier das Militär eines deutschen Staates führte. Isaak Franz Egmont Graf von Chasot (1716-1797), in jungen Jahren ein Freund Friedrichs II. von Preußen, wurde 1754 Lübecker Bürger und 1759 Stadtkommandant. Sein Verdienst bestand vor allem darin, den Schaden für Lübeck im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) gering zu halten. Seine Residenz, die er nach einem Lustschloss Ludwigs XIV. Marly nannte, war ein Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens. Der Name des Stadtbezirks Marli erinnert heute noch daran.

Verzeihen Sie meinen Sarkasmus. Wir sind nur eine kleine Truppe, wir Lübecker Soldaten, aber wir nehmen unsere Aufgabe ernst. Ich bin schon lange dabei, mein Vater und Großvater waren auch schon im Stadtmilitär. Viel zu kämpfen gibt es nicht, das sage ich ganz offen. Anno 1762, im Siebenjährigen Krieg, standen die Dänen mal in Travemünde, seitdem war militärisch kaum was los. Aber es ist doch wichtig, dass es uns gibt. Wir sind eine freie Stadt, wenn wir uns nicht selber schützen, tut es keiner. Und natürlich gibt es auch in Friedenszeiten genug zu tun. Erst neulich habe ich wieder einen Fischer erwischt, der sein Boot im Stadtgraben an den Wallanlagen festgemacht hat!

Unser Sold ist karg. Im Winter reicht es manchmal gerade, um nicht zu verhungern. Aber wir sind stolz auf unsere Stadtbefestigung, auf unsere Uniformen, auf unsere Waffen. Und dann verkauft man unsere Kanonen! Am Ende haben sie sie 1770 nach Hamburg verhökert, als Altmetall. Dadurch kamen 116 912 Mark lübisch und 13 Schilling in die Stadtkasse. Das ist also der Preis für das Erbe unserer Väter, für Achtung, Sitte und Anstand!

Hanno Kabel

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