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Lübeck Zeitreise zu den Anfängen der Stadt
Lokales Lübeck Zeitreise zu den Anfängen der Stadt
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12:45 22.03.2018
Quelle: Kabel
Innenstadt

Sie sind einer der Pioniere von 1143. War es eine gute Idee, damals nach Lübeck zu ziehen?

Die neue Serie zu Lübecks 875. Geburtstag wirft in jeder Folge ein Schlaglicht auf die Geschichte der Stadt. In der ersten Folge erzählt ein Kaufmann aus dem 12. Jahrhundert im LN-Interview von der aufregenden Zeit der Stadtgründung und den folgenden, turbulenten Jahren.

Im Rückblick ist die Sache klar: Die Stadt wächst, ich mache Geschäfte mit Partnern aus Gotland und Nowgorod. Gerade bin ich aus Russland zurückgekommen, hier, fühlen Sie mal diesen Biberpelz: Fantastisch, oder? Damit überstehen Sie jeden Winter. Ja, Lübeck hat mich reich gemacht. Wie gesagt, so sehe ich es im Rückblick. Hätten Sie mich 1147 gefragt oder 1157, hätte ich anders geantwortet.

Dazu kommen wir noch. Erzählen Sie erst einmal, wie Sie überhaupt nach Lübeck kamen.

1143, an einem Sonntag nach der Heiligen Messe in Bardowick . . .

Das liegt bei Lüneburg, viele Leser werden es nicht kennen.

Tja, so weit ist es gekommen. Zu meiner Zeit war Lüneburg ein kleines Kaff bei Bardowick. Also: Nach der Messe erzählte mir ein Kollege, dass ein junger deutscher Graf oben im Slawenland eine neue Stadt plant. Da bin ich hellhörig geworden. Ich kannte den Ort, ich war schon einmal zu Geschäften hier gewesen, aber das war noch bei den Slawen ein Stück flussabwärts. Schon als ich damals auf der Trave an der Halbinsel Bucu vorbeigefahren war, hatte ich gedacht: Wenn jemand hier einen Hafen hinbaut, dann kann Bardowick einpacken.

Wie war es denn ganz am Anfang in Lübeck?

Alles war gut organisiert. Es gab einen Plan für die Straßen, es gab gute Handwerker, und den Pergamentkram erledigte der Graf für uns. Wir waren eine Handvoll Kaufmannsfamilien. Die meisten kannte ich aus Bardowick. Die Geschäfte gingen gut, am Anfang vor allem Salz. Ein paar Slawen wohnten noch auf der Halbinsel, das waren einfache Leute, keine Händler. Mit denen gab’s keine Probleme.

Sie erwähnten die Jahre 1147 und 1157. Was ist da passiert?

Wie gesagt, mit den Slawen habe ich keine Probleme. Nicht, solange sie friedlich in ihren Dörfern wohnen und ihre seltsamen Gottheiten anbeten. Aber die Slawen, die 1147 hier einfielen, die waren ganz anders drauf. Weil die hohen Herren mal wieder schlechte Politik gemacht haben, wenn Sie mich fragen. Die Slawen kamen mit ihrer Kriegsflotte die Trave hochgefahren, und als wir es merkten, war es zu spät. Sie setzten die Schiffe im Hafen in Brand und warfen die kostbaren Waren ins Wasser! Als ich sah, dass nichts mehr zu retten war, schnappte ich meine Frau und meine Kinder und rannte auf die Burg, sonst hätten sie mich erschlagen und meine Familie versklavt.

Aber sie sind in Lübeck geblieben.

Wo hätte ich hingehen sollen? Zurück nach Bardowick? Da konnte man keine Geschäfte mehr machen. Zu weit weg von der Ostsee. Die nächsten Jahre lief auch alles gut. Bis wieder die Politik dazwischenkam. Heinrich der Löwe verbot uns das Handeln in Lübeck. Das war 1156. Ein Jahr später brannte die ganze Stadt ab. War ja fast alles aus Holz. Wir sollten sie in der Wildnis an der Wakenitz wieder aufbauen. Da konnte man aber keinen brauchbaren Hafen anlegen. Wir Kaufleute haben zusammengelegt und uns das Marktrecht für Lübeck zurückgekauft. Das hat wehgetan, aber es hat sich gelohnt.

Danach ging Lübeck ab wie eine dänische Kogge! So, und jetzt stecken Sie Ihre komische, flache Zauberschachtel wieder ein und gehen zurück in Ihr Jahrhundert! Ich erwarte eine Holzlieferung aus Schonen.

Liubice, Lubeke, Lübeck: Wie alles begann

1143 gründete Graf Adolf II. von Holstein auf der Halbinsel Bucu – der heutigen Altstadtinsel – eine neue Siedlung. Er nannte sie Lubeke – nach dem 1138 zerstörten, slawischen Handelsplatz Liubice. Als erstes entstand im Norden der Halbinsel die Burg, bald darauf im Westen die Stadt der deutschen Kaufleute. Viele von ihnen kamen aus Bardowick, das zu dieser Zeit eine bedeutende Handelsstadt war – bis Lübeck ihm den Rang ablief.

Liubice war vermutlich schon im 9. Jahrhundert gegründet und im 11. Jahrhundert zur größeren Siedlung ausgebaut worden. Es lag aber nicht am gleichen Ort, sondern einige Kilometer traveabwärts gegenüber der heutigen Teerhofsinsel an der Einmündung der Schwartau. Dort erinnert heute außer einem Gedenkstein kaum etwas an die slawische Siedlung.

Zum zweiten Mal wurde Lübeck 1159 gegründet – nach einem verheerenden Brand und einem Machtkampf zwischen Herzog Adolf und Heinrich dem Löwen, der als sächsischer Herzog so etwas wie Statthalter des Kaisers Friedrich Barbarossa im Norden war. Damit begann der Aufstieg zum Wirtschaftszentrum Nordeuropas.

Heute großer Festakt zum Jubiläums-Auftakt

Mit einem großen Festakt läutet Lübeck am heutigen Freitag ab 16 Uhr in der Rotunde der Musik- und Kongresshalle das Jubiläumsjahr ein. 100 Karten hat das Kulturbüro der Hansestadt kostenlos an Bürgerinnen und Bürger vergeben.

Moderiert wird der Festakt von dem Schauspieler Jörn Kolpe. Ministerpräsident Daniel Günther und Bürgermeister Bernd Saxe tauschen sich mit dem stellvertretenden Chefredakteur der Lübecker Nachrichten, Lars Fetköter, über das heutige Lübeck aus. Das Schauspielerehepaar Rebecca Indermaur und Andreas Hutzel, Chor und Philharmonisches Orchester der Hansestadt sowie Gesangssolisten setzen Lübecks Geschichte in Szene.

Helene Grass und Lars Brandt sowie Yorck Wieck, Schüler des Katharineums, lesen Texte der Nobelpreisträger und Stadtsöhne Günter Grass, Willy Brandt und Thomas Mann. In einem Poetry Slam präsentiert Maria Victoria Odoevskaya einen zum Stadtjubiläum verfassten Text. Zum Schluss gibt es eine Breakdance-Show von Concrete3.

Die Serie: Geschichten aus neun Jahrhunderten

Zum 875. Geburtstag der Stadt erzählen die LN in einer Serie in loser Folge Geschichten aus jedem Jahrhundert seit der Gründung Lübecks.

Die Geschichte unserer Stadt ist zwar gut erforscht – aber Archäologen und Historiker können nur von den Menschen erzählen, die Spuren hinterlassen haben. Ein bisschen Phantasie wird deshalb in unserer Serie die erwiesenen Fakten ergänzen. So verbinden sich die großen politischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge mit dem Leben bekannter und unbekannter Lübeckerinnen und Lübecker.

In der nächsten Folge führt die Serie die Leser ins 13. Jahrhundert. In dieser Zeit stieg die Hanse zur europäischen Großmacht auf.

 Hanno Kabel

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