Travemünde. Sie kommt aus den Turbulenzen nicht heraus, die Travemünder Stadtschule. Erst wurde im Frühjahr das Gebäude wegen bröckelnder Decken teilgesperrt, dann über den Schulstandort diskutiert und über Umzugspläne debattiert (die LN berichteten). Vergangene Woche allerdings — rechtzeitig zur Einschulung der Abc-Schützen — schien die Welt am Hirtengang unweit der Lorenz-Kirche wieder in Ordnung, Sanierungs- und Klassencontainer-Lösung waren bei Eltern und Lehrern akzeptiert.

Jetzt allerdings steht fest, dass zum 1. Februar die Schulleiterin Doris Jürs gehen muss. „Frau Jürs hat uns Elternvertreter offiziell über ihren Weggang informiert“, erklärt Anja Brandt, erste Vorsitzende des Elternbeirates. Das sei ein Schock, „vor allem vor dem Hintergrund, weil wir dachten, dass unsere Kinder nun in ruhiges Fahrwasser kommen“.

Warum Doris Jürs exakt nach vier Jahren im Februar ihren Posten räumt und Richtung Ostholstein abwandert, will sie selbst gegenüber der Presse nicht beantworten. Nach LN-Informationen erfolgt ihr Weggang aber nicht freiwillig. Auf Grund ihrer Gehaltsstufe darf sie nur eine Schule führen, die mindestens knapp 180 Schülerinnen und Schüler hat. In der Stadtschule werden momentan jedoch lediglich 168 Kinder unterrichtet.

„Das ist ein Problem“, bestätigt Thomas Schunck, Sprecher des Kieler Bildungsministeriums. Die Besoldung sogenannter Funktionsstelleninhaber richte sich nämlich in der Tat nach den Schülerzahlen. Als Jürs im Februar 2010 von der Grund- und Gemeinschaftsschule Moisling ins Leitungsamt nach Travemünde wechselte, gehörte zur Stadtschule noch ein auslaufender Hauptschulzweig. Der ist inzwischen weg.

Dann aber gelang es Doris Jürs mit neuem Schwung und Ideen, die Grundschülerzahl während ihrer Amtszeit um 20 Prozent zu steigern.

„Und diese noch fehlenden elf Schüler, die sie für ihre Besoldungsstufe braucht, hätte sie locker im nächsten Sommer dazugewonnen“, ist sich Anja Brandt sicher. Die Elternvertreterin bezeichnet die Schulleiterin als Glücksfall für die Einrichtung. „Ihr Konzept ist bestechend, ihr Einsatz für die Kinder eine Wohltat“, resümiert sie und weiß die übrigen Eltern hinter sich in ihrer Einschätzung.

Da Jürs nun aber mal verbeamtet sei, müsse sie leider den Anweisungen ihres Dienstherrn aus Kiel Folge leisten. „Was können da Elternproteste bewirken?“, fragt sie. Jürs habe „unter diesem Druck“ der Versetzung schon zugestimmt.

Schulrat Gustaf Dreier verweist auf die Möglichkeit, dass „überbesoldete Funktionsstelleninhaber, also Rektoren und Konrektoren“, in so einem Fall auch die Möglichkeit hätten, von sich aus auf die Überbesoldung zu verzichten. Für Anja Brandt ist dieser Vorschlag ein Unding: „Wer sich so viel engagiert, soll dann auch noch freiwillig auf einen Teil des Gehaltes verzichten? Das ist doch paradox.“

Dass es weitere Fälle von Zwangsversetzungen wegen Überbesoldung in Lübeck sowie in ganz Schleswig-Holstein in Zukunft geben wird, ist für Ministeriumssprecher Schunck sehr wahrscheinlich. „Eine exakte Zahl kann ich zwar nicht nennen. Es wird aber prognostiziert, dass wir aufgrund des demographischen Wandels bis zum Jahr 2020 rund 50 000 Schüler weniger in Schleswig-Holstein haben werden.

Entsprechend wird die Schülerzahl an den Schulen schrumpfen.“ Thomas Schunck sagt auch, dass man nicht „mit dem Fallbeil“ vorgehe. „Es wird beobachtet, ob sich die Tendenz sinkender Schülerzahlen an einer Schule manifestiert.“

Schülerzahlen im Sinkflug
Das gesamte deutsche Schulsystem steht durch sinkende Schülerzahlen vor radikalen Veränderungen. Bis zum Jahr 2025 werde die Zahl der Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen sechs und 18 Jahren von knapp elf Millionen auf neun Millionen sinken, so eine Prognose der Bertelsmann-Stiftung. Dass dies auch Auswirkungen auf die Schulleitungen hat, ist naheliegend. Denn die Besoldungsstufe der sogenannten Funktionsstelleninhaber orientiert sich an der Schülerzahl ihrer Einrichtung. Nur so sei „eine Amtsangemessenheit der Bezahlung“ gewährleistet, heißt es aus dem Kieler Bildungsministerium.

Michael Hollinde