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Lübeck Zu verkaufen: Die letzten Bundes-Bunker
Lokales Lübeck Zu verkaufen: Die letzten Bundes-Bunker
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22:32 06.06.2017
Jörg Zankert vom Bundesamt für Immobilienaufgaben im Bunker an der Warendorpstraße, den er an den Mann bringen will. Quelle: Fotos: Ulf-Kersten Neelsen

Ein mächtiges Stahltor öffnet sich, dann noch eins, und dann gibt es nur noch kaltes Neonlicht, weiße Betonwände und den durchdringenden Brummton eines Generators. 1000 Menschen sollten einmal Platz haben in dem ABC-Schutzbunker an der Warendorpstraße. Eine Drehtür zählte alle, die reinkamen, und der 1001. musste draußen bleiben.

Die Hochbunker in St. Lorenz Nord und der Innenstadt stehen zum Verkauf.

Besser gesagt: hätte draußen bleiben müssen, denn gebraucht wurde der Schutzbau nach dem Zweiten Weltkrieg nie, zum Glück. Jetzt, 27 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges, will die Bundesrepublik ihre letzten beiden Bunker in Lübeck verkaufen.

Ursprünglich sollte auf dem Gelände an der Warendorpstraße im dicht besiedelten Brolingplatz-Quartier ein Spielplatz entstehen. Aber dann war der Krieg wichtiger. Von 1942 bis 1944 baute das NS-Regime einen Hochbunker, 40 Meter lang, 15 Meter breit. Ein monströser Fremdkörper, der zwischen den bunt angestrichenen Wohnhäusern auf den Bürgersteig hervorragt. Wenn’s gut läuft, wird das Monstrum bald verkauft. Aber verschwinden wird es nicht. Genauso wenig wie der fast baugleiche Hochbunker an der Dr.-Julius-Leber-Straße in der Innenstadt.

„Einen Abriss halte ich persönlich für ausgeschlossen“, sagt Jörg Zankert (57) vom Bundesamt für Immobilienaufgaben (Bima). Er ist mit dem Verkauf beauftragt. Ein Abriss würde bedeuten, alles Stück für Stück abzutragen: die zwei Meter dicken Außenwände, die 70 Zentimeter dicken Innenwände, alles aus Stahlbeton. Auch, dass jemand Fenster in die Wand brechen und aus dem Bunker ein Wohnhaus machen könnte, glaubt er nicht. Allein die Mietkosten für das dafür nötige, schwere Gerät seien zu hoch. „Das macht kein Investor. Nicht in Lübeck.“

In den 60er Jahren wurden die alten Luftschutzbunker zu ABC-Schutzbunkern umgerüstet. „ABC-Filterraum – Radioaktiv – Betreten ohne Schutzkleidung lebensgefährlich“ steht in Großbuchstaben an einer Tür neben der Lüftungsanlage in der Warendorpstraße. Aus dieser Zeit stammen die Beschilderung, die fluoreszierenden Streifen an der Wand, die Technik, von der noch viel erhalten ist – die weißen Dreh-Lichtschalter aus Bakelit, die Sicherungen im Schraubgehäuse, die Wandlautsprecher im Blechkasten, die massigen Elektromotoren der Kältemaschinen unterm Dach.

In der Dr.-Julius-Leber-Straße hängen Wandtelefone mit Kurbeln und schweren Hörern an der Wand, die noch knacken, wenn man sie ans Ohr hält. Auch das Telefunken-Radio der altmodischen Musikanlage im Dienstraum des Bunkerwarts funktioniert noch. Dabei wurde dieser Bunker nach seiner Umrüstung in den 60er Jahren nie in Betrieb genommen. Anders als das Pendant in der Warendorpstraße verkam er. Wer ihn besichtigen will, muss eine Atemschutzmaske anlegen, wegen der Schimmelsporen. Im dritten Stock steht eine Wasserpfütze auf dem Boden.

Nach einer Gesetzesänderung im Jahr 2007 entließ die Bundesrepublik ihre Zivilschutzbunker nach und nach aus der Zweckbindung. Sieben waren es allein in Lübeck, sie wurden 2013 frei. Fünf von ihnen hat Jörg Zankert verkauft, zu Preisen, die von niedrigen fünfstelligen Beträgen bis etwa 180000 Euro reichen. 100000 bis 120000, schätzt er, werde der Bunker an der Warendorpstraße einbringen. Mit 15 bis 20 Interessenten habe er Kontakt gehabt. „Ich habe auch schon ein paar Angebote.“ Für den Schimmelbunker in der Innenstadt rechnet er mit viel weniger – wegen des Zustands, der Verkehrssituation, der Lage im Sanierungsgebiet.

Zankert hält es für wahrscheinlich, dass die letzten Bunker in Zukunft für die Vermietung von Lagerfläche genutzt werden – für Archivalien, Hausrat, Weinsortimente. „Sie haben hier immer sieben Grad“, sagt er. „Da können Sie reinschmeißen, was Sie wollen.“

Erbe der NS-Zeit

20 Hochbunker wurden bis 1945 in Lübeck gebaut – zum Teil während des Zweiten Weltkriegs, zum Teil aber auch schon davor. Der turmartige Bunker am Mühlenteller zum Beispiel entstand schon im Jahr 1936.

Seit den 60er Jahren gehörten sieben dieser Bunker dem Bund, der sie als ABC-Schutzbunker vorhielt. Fünf davon sind schon verkauft: in der Schildstraße, an der Obertrave, in der Schwartauer Allee, Beim Meilenstein (Schlutup) und im Töpferweg.

 Hanno Kabel

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