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Lübeck „Zu viel passiert im stillen Kämmerlein“
Lokales Lübeck „Zu viel passiert im stillen Kämmerlein“
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22:06 30.12.2017
Vor den Windart-Skulpturen an der Vorderreihe hat sich der Vorstand des Travemünder Ortsrats aufgestellt (v. l.): Gerd Schröder, erster Vorsitzender, Sabine Haltern, erste stellvertretende Vorsitzende sowie Christoph Pudelko, zweiter stellvertretender Vorsitzender. Quelle: Foto: Ulf-Kersten Neelsen

„Komm staunen“ heißt der Slogan der LTM zur baulichen Entwicklung im Ostseebad. Und das Staunen nimmt jetzt Formen an; Bauprojekte sind nun in ihrer Dimension zu erkennen. Staunen Sie?

Gerd Schröder: Mir sind die Bauten an der Wasserkante auf dem Priwall eindeutig zu wuchtig ausgefallen; und die Dimension des Aja-Hotels im Schatten des Maritims erschlägt auch. Man staunt also durchaus.

Sabine Haltern: Bei Waterfront hat der Gestaltungsbeirat ja zum Glück noch das Gröbste verhindert – so konnte die Höhe der Bauten reduziert werden. Aber insgesamt hätte man sich für unseren Ort an vielen Stellen eine sensiblere Bauweise gewünscht. Wenn Sie sehen, was die Stadt beim Gründungsviertel auf der Altstadtinsel für strenge Maßstäbe angelegt hat, wundert man sich manchmal über die Vorgehensweise in Travemünde.

 

Der Gestaltungsbeirat hat zuletzt die Entwürfe für den Fischereihafen abgelehnt. Konnten Sie diese Entscheidung nachvollziehen?

Schröder: Selbstverständlich. Diese Klötzchen-Bauweise nimmt in keinster Weise den Charakter des Standortes auf. Über solche Architekten-Entwürfe kann ich nur den Kopf schütteln.

Christoph Pudelko: Zu loben ist aber immerhin, dass der Gestaltungsbeirat in Travemünde getagt hat und wir diesmal Kritik äußern konnten, bevor die Entscheidung gefallen ist.

 

Sie haben oft auf die Verkehrsbelastung aufmerksam gemacht, die auf den Ort im Zuge der touristischen Entwicklung mit vielen weiteren Gästen zukommen wird. Werden Ihre Bedenken in der Verwaltung gehört?

Haltern: Na ja. Erst kürzlich wurde im Maritim das neue Mobilitätskonzept für Travemünde vorgestellt. Es sind in der Tat einige Probleme angegangen und auch Lösungen präsentiert worden.

Aber zahlreiche Schwachstellen bleiben. Die größte, und zugegebenermaßen schwierigste von ihnen ist die Kreuzung Gneversdorfer Weg/Torstraße/Travemünder Landstraße. Dort kommt der meiste Verkehr an.

Im Juli 2015 wurden hier an einem Tag 11600 Fahrzeuge gemessen. Bei einem prognostizierten Zuwachs von 25 Prozent sind wir bei zirka 14600 Fahrzeugen.

Das ist sehr viel Individualverkehr, oder?

Haltern: In der Tat, und es gibt noch keine wirkliche Lösung, um dieses Problem bewältigen zu können. Die Anwohner aus dem Wohngebiet Teutendorfer Weg haben keine Alternative als diese Kreuzung. Und die Anwohner des neuen Wohngebietes Baggersand und Fischereihafen ebenso nicht. Und auch die Touristen Richtung Priwall müssen hier durch.

Schröder: Zu begrüßen ist jedoch die Idee, die Torstraße mittels Pollern verkehrsberuhigt zu gestalten und für den Durchgangsverkehr zu sperren. Nur noch Anlieger und nutzungsberechtigte Fahrzeuge wie Busse, Taxen und Zulieferer können dann durchfahren.

 

Und wie sieht es in Zukunft mit der Kreuzung B 75/Gneversdorfer Weg/Moorredder aus, über die der meiste Verkehr aus dem Ort abfließt?

Haltern: Da hat mir in der Prognose unter anderem ganz wesentlich eine Rückstau-Analyse aufgrund der drei Ampeln und einer geschlossenen Bahnschranke gefehlt. Die Probleme an dieser Kreuzung und somit im Ortskern sind für mich überhaupt nicht gelöst.

Schröder: Da fehlt einfach ein wegweisender Ansatz. Und wenn die Bauarbeiten am Fischereihafen und Baggersand losgehen, sehe ich nur noch schwarz.

 

Nimmt die Verwaltung die Sorgen der Bürger nicht ernst?

Schröder: Den Eindruck könnte man gewinnen. Um ein Beispiel zu nennen – die Ecke Gneversdorfer Weg/Vogteistraße ist sehr gefährlich, gerade für Schulkinder, die dort die Straßenseite queren. Deshalb fordert der Ortsrat seit Langem eine Ampel an dieser Stelle. Wir freuen uns, dass dieses nun vorgesehen ist. Muss denn immer erst etwas passieren?

Haltern: Es gab zwar den öffentlichen Workshop zum Mobilitätskonzept; aber alles Weitere und viel zu viel passiert im stillen Kämmerlein. Der Ortsrat als Institution ist leider bei der weiteren Ausarbeitung in keinster Weise mitgenommen worden. Auf unsere Ortskunde wurde leider nicht zurückgegriffen. Da sind wir echt enttäuscht.

  

Insgesamt entstand bei der Vorstellung des Konzeptes der Eindruck, dass Travemünde „entschleunigt“ werden soll – mit verkehrsberuhigten Zonen an vielen Stellen, mit der Vorderreihe als Fußgängerzone. Begrüßen Sie dieses Ansinnen?

Haltern: Zum Teil. Es muss aber auch eine Erreichbarkeit gewährleistet sein. Ich finde, dass das städtische Konzept auch von Wunschdenken geprägt ist – dass die Leute sich Autos teilen, mehr Bus und Bahn fahren. Natürlich ist das wünschenswert, aber es löst nicht unsere jetzigen Probleme. Touristen kommen mit dem Auto.

Schröder: Warum lässt man im Sommer nicht wieder das System der Shuttlebusse aufleben? Zum Weihnachtsmarkt in Lübeck geht so etwas ja auch. So könnten Touristen entspannt an der Peripherie parken und bequem zum Strand gelangen. Das wäre doch ein Anfang. Die Benutzung des Shuttles muss in der Parkgebühr mit drin sein.

Pudelko: Ein nennenswerter Verzicht auf das eigene Auto kommt in der Tat nicht von heute auf morgen. Bis dahin aber darf Travemünde nicht im Verkehr ersticken, auch nicht an der Gabelung des Gneversdorfer Weges in die Torstraße und die Travemünder Landstraße, ein schon jetzt extrem neuralgischer Punkt.

Ein anderes Thema, das nicht nur Travemünder bewegt – Stichwort Stadtteilbüro . . .

Schröder: In unserem Stadtteil mit 14 500 Einwohnern – 70 Prozent davon sind nicht mehr ganz jung – ist die Notwendigkeit dieser Einrichtung noch größer als in Kücknitz. An seinem Versprechen wird der neue Bürgermeister Jan Lindenau gemessen werden.

Ortsrat wird nach Kommunalwahl neu zusammengesetzt

Mit der Kommunalwahl im Mai 2018 endet auch die Amtszeit des aktuellen Travemünder Ortsrates. Er tritt turnusmäßig jeden Monat zusammen und diskutiert aktuelle Themen. 2002 wurde das Gremium aus der Taufe gehoben. Bis zum Jahr 2013 wurde er nach den Mehrheitsverhältnissen in den Wahlkreisen 24 und 25 mit Abgesandten der Parteien besetzt. Dann allerdings wurde das Gremium als anerkannte Plattform aktiver Bürgerbeteiligung in Travemünde um Vertreter von Vereinen und Institutionen erweitert.

 Interview: Michael Hollinde

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