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Lübeck Starke Sturmflut trifft Ostseeküste
Lokales Lübeck Starke Sturmflut trifft Ostseeküste
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19:55 02.01.2019
Die Straße An der Obertrave wurde bei der Sturmflut überspült. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
Lübeck

Land unter am Mittwoch gegen Mittag an der Obertrave in Lübeck: Anwohner sind in ihren Häusern eingeschlossen, Autos im Hochwasser abgesoffen. Feuerwehrwagen blockieren die Zufahrt, zahlreiche Schaulustige stehen an der Wasserkante und filmen mit ihren Handys. Unter ihnen Anwohnerin Katharina Barkowski (21).

„Ich bin am Morgen zur Arbeit in der Mühlenstraße gefahren“, berichtet die junge Frau. „Dann rief mein Freund an und sagte: ,Du musst schnell nach Hause kommen, die Straße ist überflutet!’“ Nun wartet sie auf ihn und ist etwas geschockt vom hohen Wasserstand. „Wie ich zu unserer Wohnung kommen soll, weiß ich noch nicht genau. Wahrscheinlich wate ich.“ Die Wohnung sei im ersten Stock, aber sie weiß nicht, ob der Keller noch trocken ist, dort stehen Möbel und ein Fernseher. „Die Sachen wollen wir in Sicherheit bringen.“

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32-Jährige in Ganghaus vom Wasser eingeschlossen

Nina Häse (32) ist in ihrem Ganghaus vom Wasser eingeschlossen. Ein Freund, der an der Wasserkante wartet, stellt eine Handy-Verbindung her. „Noch sitze ich im Trockenen“, sagt Nina Häse. „Die Schotten sind dicht.“ Bei der Arbeitsstelle habe sie angerufen und gesagt, dass sie zu Hause bleibe und Homeoffice mache. „Ich wollte den Nachbarn helfen und bei ihnen Sandsäcke vor die Tür legen, sie waren zunächst nicht da, um die Schotten einzusetzen.“

Sandsäcke hatte die Feuerwehr am Vormittag verteilt. „Um 7.23 Uhr wurden wir alarmiert“, gibt ein Feuerwehrmann Auskunft, der zur Geniner Wehr gehört. „Wir haben über Lautsprecher die Anwohner gewarnt. Auch die Freiwilligen Feuerwehren aus Groß Steinrade, Niendorf-Moorgarten und aus der Innenstadt seien vor Ort, bestätigt der Lübecker Stadtwehrführer Sven Klempau (46).

Abschleppwagen bringt Autos in Sicherheit

Abschleppwagen ziehen einen schwarzen Mercedes aus dem Wasser und einen Toyota Yaris. Dessen Besitzer sieht zu. „Ich wohne an der Obertrave“, erklärt der junge Mann. Am Vorabend sei er froh gewesen, dort einen Parkplatz nah am Haus zu finden. „Als ich heute morgen merkte, was los ist, war es schon zu spät.“ Den Schaden an seinem Auto kann er noch nicht einschätzen, bei einigen der Autos steht das Wasser sogar bis zur Fensterkante.

Um 11 Uhr lag der Pegel bereits bei 6,65 Metern in der Lübecker Innenstadt, teilt die Polizeidirektion Lübeck mit – Tendenz steigend. Grund für das Hochwasser ist der starke Nordwind, der das Wasser der Lübecker Bucht die Trave hochdrückte.

Feuerwehr pumpt Keller aus

Eigentlich soll sich die Lage am frühen Nachmittag wieder entspannen – so zumindest die Vorhersage. Dann aber steigt das Wasser selbst an der Untertrave so stark, dass gegen 16.30 Uhr Teile der Straße gesperrt werden. Die Feuerwehr fordert per Lautsprecher dazu auf, die Autos wegzufahren. Keller müssen ausgepumpt werden. „Der Wasserstand liegt jetzt bei 6,77 Meter“, meldet Feuerwehrsprecher Andreas Wulf. Sogar die Hafenstraße wird überspült, Drehbrücke und Beckergrube werden gesperrt. „Das hatten wir seit Jahren nicht“, meint Wulf. An Lachswehr- und Possehlbrücke muss die Feuerwehr Material von der Brückenbaustelle bergen, auch dort schwappt die Trave über. Ab 18 Uhr werde der Pegel wieder sinken, hofft Wulf. 100 Einsatzkräfte von Feuerwehr und Technisches Hilfswerk (THW) seien im Lübecker Stadtgebiet unterwegs.

Priwall wird zur Insel

In Travemünde ist die Situation ähnlich dramatisch. Dort liegt der Wasserstand gegen Mittag bei 6,58 Metern. Die Travepromenade und der Strand sind überflutet. Kitesurfer nutzen die Gelegenheit, um vor dem Maritim-Hotel auf dem Wasser zu gleiten. Am Vormittag verkehren die beiden Priwall-Fähre noch, gegen Mittag aber werden keine Autos mehr mitgenommen. Letzte Fußgänger nutzen die Gelegenheit, die Seiten zu wechseln. Eine Mutter watet mit ihrer Tochter zur Fähre in Richtung Travemünder Ufer, sie trägt einen Koffer. Im Altenheim auf dem Priwall waren die beiden zu Besuch bei der Oma. Die Seniorenwohnanlage ist bald von den Fluten eingeschlossen.

Auch der Priwall-Strand ist überflutet, ebenso die Nordermole mit dem Abenteuerspielplatz, die Pötenitzer Wiek ist über die Ufer getreten. Die Schafherde des Landschaftspflegevereins Dummersdorfer Ufer drängt sich gegen 15 Uhr verängstigt am Weidezaun, es sind 30 Tiere, sie drohen zu ertrinken. Doch einem Mitarbeiter gelingt es rechtzeitig, den Zaun zu versetzen. Die Wasserbüffel des Vereins bleiben auf ihrer überspülten Weide, nur der Strom des Elektrozaunes wird abgestellt. Spätestens ab 17 Uhr ist der Priwall eine Insel und nur noch für die Rettungskräfte erreichbar. Die mecklenburgische Polizei hat auch die Straße nach Dassow (Nordwestmecklenburg) gesperrt.

Die Wasserstände scheinen gegenüber den Vorjahren ungewöhnlich hoch, gegen 17.30 Uhr ist der Wasserstand in Travemünde bei 1,75 Meter über Normal, in der Lübecker Innenstadt werden 1,78 über Normal gemessen. Doch 1995, so teilt das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie in Rostock mit, waren die Pegelstände deutlich höher: 1,84 über Normal in Travemünde und 1,99 über Normal in der Lübecker Innenstadt.

Auch in Wismar Überschwemmungen

Die Sturmflut an der Ostseeküste hat am Mittwoch auch in Wismar für überschwemmte Straßen am Alten Hafen gesorgt. Auch die niedrig gelegenen Straßen Frische Grube und Hundegrube in der historischen Innenstadt seien überflutet, sagte ein Stadtsprecher. Das Wasser stehe bis zu 20 Zentimeter hoch. Die Menschen seien über Radio aufgefordert worden, ihre Autos aus den gefährdeten Bereichen wegzufahren. Einige Wagen seien abgeschleppt worden. Anwohner erhielten Sandsäcke zum Abdichten ihrer Kellerfenster. Die Feuerwehr sei im Einsatz. Auch in Kiel schwappte das Wasser der Förde an Land, Gischt spritzte über die Uferstraße „Kiellinie“.

Gegen Abend entspannte sich die Lage wieder. In Lübeck begannen die Pegelstände nach 18 Uhr zu sinken. Bis alle Straßen wieder freigegeben werden konnten, dauerte es aber noch.

Fabian Boerger, Marcus Stöcklin, Sebastian Rosenkötter und Thomas Krohn

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