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Lübeck Wenn Kunst für Aussöhnung steht
Lokales Lübeck Wenn Kunst für Aussöhnung steht
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20:55 04.12.2018
Im Willy-Brandt-Haus ist der Kniefall im Bild dokumentiert. MHL-Student Fabio Paiano (l.), Birgit Grasse und Prof. Franz Danksagmüller freuen sich auf das Konzert in St. Jakobi. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck

Fabio Paiano ist aus Süditalien an die Musikhochschule Lübeck (MHL) gekommen – um Kirchenmusik zu studieren und später Organist in einer deutschen Kirchengemeinde zu werden, so sein Plan. Dass er jetzt eine zentrale Rolle spielt bei einem Konzert im Gedenken an die deutsch-polnische Aussöhnung und an eine epochale Geste, erfüllt den Fünftsemester ein wenig mit Stolz. „Mein Mann hat sich ausdrücklich gewünscht, dass das jährliche Konzert zum Kniefall von Warschau nicht nur vom Organisten der jeweiligen Kirche künstlerisch gestaltet wird, sondern auch von ausländischen Musikern, vor allem aus jenen Ländern, die unter Hitlers Vernichtungskrieg zu leiden hatten“, erklärt Birgit Grasse.

Sie steht der „Stiftung zum 7. Dezember 1970“ vor, die von ihrem 2016 verstorbenen Ehemann gegründet wurde und alljährlich in einer der vier Innenstadtkirchen St. Marien, St. Jakobi, St. Aegidien oder Dom zu einem Kirchenmusikkonzert einlädt, das diesem epochalen historischen Moment gewidmet ist. Und diesmal wird die Veranstaltung von der MHL organisiert. So werden in St. Jakobi Studierende und Dozenten der MHL sowie der Musikakademie Łódź das Ereignis mit einem außergewöhnlichen Raumklang an drei Kirchenorgeln, Live-Elektronik und Schlagzeug eindrucksvoll zu Gehör bringen.

Tanz-, Licht- und Videoinstallationen

Tanz, Licht- und Videoinstallationen begleiten das Konzert, das von MHL-Professor Franz Danksagmüller geleitet wird. Zu erleben sind unter anderem Werke polnischer und deutscher Komponisten des 20. Jahrhunderts sowie Improvisationen, die von choreografischen Bildern begleitet werden. In stimmungsvoller Beleuchtung der Kirche werden die Videoprojektionen mit historischem Filmmaterial und eigens produzierten Videos des Görlitzer Filmproduzenten Steffen Cieplik an verschiedenen Standorten in der Kirche gezeigt. Die Performance thematisiert verschiedene zeitliche Ebenen der vergangenen mehr als sieben Jahrzehnte. Videoaufnahmen berichten von den damaligen Ereignissen und werden mit Improvisationen und eigens für das Konzert komponierter Musik zu einem Gesamtkunstwerk.

„Wir gehen dabei über drei Zeitebenen“, erklärt Danksagmüller, „die Periode um 1940, 1970 und die heutige Zeit, und die Komposition von Fabio als sein Semesterprojekt wird als verbindendes Element, quasi als roter Faden wirken.“ Dabei müsse das musikalische Material offen genug sein, dass es gut zusammen klinge, aber es müsse trotzdem so stringent sein, dass es nicht beliebig werde. Neben dem Orgel-Professor koordinieren Elżbieta Aleksandrowicz und Krzysztof Urbaniak (beide Łódź) das Projekt. An den Orgeln werden Lukas Mosur (Łódź) sowie die MHL-Kirchenmusikstudierenden Maja Vollstedt, Sarah Proske und Fabio Paiano spielen.

Musikakademie Łódź beteiligt

„Wir gestalten unser Kunstwerk mit sehr vielen unterschiedlichen und ungewöhnlichen Elementen. Sie werden von Dozierenden und Studierenden beider Hochschulen getrennt voneinander vorbereitet und in St. Jakobi an lediglich drei Probetagen zusammengesetzt“, erläutert Danksagmüller. Sechs Tänzerinnen, zwei Studierende und zwei Dozierende aus dem polnischen Łódź kommen dafür in die Hansestadt. Zuvor habe es selbstverständlich unzählige Skype-Konferenzen gegeben, schmunzelt er. Das Projekt sei übrigens schon von Łódź und Görlitz für weitere Aufführungen angefragt worden.

Im Jahr 2014 hat Rolf Grasse festgehalten, wie bedeutend der Kniefall Willy Brandts für ihn gewesen ist. Aufgewachsen in Aschaffenburg, habe er die Nachkriegszeit als eine dunkle Phase erlebt, die nichts zu tun haben wollte mit den Nazi-Verbrechen. Es sei eine bleierne Zeit gewesen, erst aufgebrochen durch die unruhigen Studenten Ende der Sechzigerjahre. Das „Thema Auschwitz“, schrieb er, sei für ihn „allgegenwärtig“ geblieben. Der Kniefall von Warschau habe daher wie eine Befreiung gewirkt, „eine Geste, die eine Mauer durchbricht“. Sie sei „die Brücke zwischen einer dunklen Vergangenheit und einer hoffentlich über Jahrhunderte andauernden wahrhaftigen Gegenwart“.

Im Anschluss an das Konzert besteht die Möglichkeit zum Gedankenaustausch. Der Eintritt zum Gedenkkonzert ist frei; um Spenden wird gebeten.

Der Kniefall von Warschau

Am 7. Dezember 1970 ging eine Geste um die Welt. Der damalige Bundeskanzler Willy Brandt kniete vor dem Mahnmal im einstigen jüdischen Getto in Warschau, das den Helden des Getto-Aufstandes vom April 1943 gewidmet ist. Durch sein Zeichen war es ihm gelungen, Vertrauen in einem Land zu erwecken, in dem die Deutschen während des Zweiten Weltkrieges sechs Millionen Einwohner – über die Hälfte davon Juden – ausgelöscht hatten. Im eigenen Land sorgte die Geste aber auch für Anfeindungen. Am selben Tag, der als Wendepunkt im deutsch-polnischen Verhältnis gilt, unterzeichnete Willy Brandt den Warschauer Vertrag, in dem die Bundesrepublik die Oder-Neiße-Linie als Westgrenze Polens anerkannte.

Michael Hollinde

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