Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Nordwestmecklenburg 30 Euro: Hansestadt Wismar kassiert Helferin von Brandopfer ab
Lokales Nordwestmecklenburg 30 Euro: Hansestadt Wismar kassiert Helferin von Brandopfer ab
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
23:11 13.01.2016
Foto von der Brandnacht in der Gerberstraße in Wismar. Die Flammen schlagen aus dem Obergeschoss. Quelle: privat
Anzeige
Wismar

Hintergrund ist das Feuer in der Gerberstraße am vergangenen Dienstag. Zu den Leidtragenden zählte Petra Block. Mit Brille, Laptop und Hund stand sie nachts auf der Straße. Das Mehrfamilienhaus ist nicht mehr bewohnbar. Nur einige Dinge kann die Autorin und engagierte Frau (Bürgerinitiative Lindengarten, Bibliotheksverein) noch retten.

Viele Leute helfen. So auch die Buchhandlung Hugendubel. Die Filiale Hinter dem Rathaus stellte am Sonnabend 20 große Plastekisten zur Verfügung. Damit sollte das noch halbwegs brauchbare Wohnungsinventar wie zum Beispiel Geschirr von Petra Block geborgen werden. Annabell Block, die Tochter, die in Berlin wohnt, kam deshalb am Sonnabend auf den Boulevard zur Buchhandlung. Filialleiter Volker Stein: „Wir mussten die Kisten ja vorher erstmal selbst auspacken, da dort unsere Bücherlieferungen drin waren. Die Tochter von Frau Block bekam natürlich gleich einen Strafzettel, und der Knöllchenverteiler war auch keinen Argumenten zugänglich.“

Annabell Block: „Ich habe versucht, dem Mitarbeiter das zu erklären, aber er wollte nicht. Das finde ich total schade, er hätte sich wenigstens meine Argumente anhören können. Ich zahle das Geld, er ist ja grundsätzlich im Recht.“ Die Stadt beharrt auf die 30 Euro. „Unsere Verkehrsüberwacher dürfen keine Verwarnung zurücknehmen. Die Prüfung eines solchen Verfahrens müsste von der Betroffenen ans Ordnungsamt gestellt werden, dies ist nicht erfolgt“, sagt Marco Trunk, Sprecher der Stadtverwaltung.

Die Straßenverkehrsordnung gelte für jeden gleichermaßen. Zum Zeitpunkt, der Strafzettel wurde um 11.04 Uhr ausgestellt, „war weder ein Befahren der Fußgängerzone noch ein Parken gestattet. Leider halten sich nicht alle an diese Regel und so gibt es aufgrund des Parkens und Befahrens der Fußgängerzone immer wieder Beschwerden durch Bürger und Händler und die Aufforderungen an die Stadt, Ordnungswidrigkeiten konsequenter zu ahnden“, so der Sprecher.

Volker Stein hat die Reaktion der Stadt erwartet und wird nun die 30 Euro zahlen. „Ich frage mich, geht es der Stadt so hundsmiserabel, dass sie Brandopfern, die nichts mehr haben, auch noch Strafzettel verpassen muss. Etliche Leute helfen Frau Block, viele haben kleine und größere Beträge gespendet, auch Leute, von denen ich weiß, dass sie selbst nicht viel haben, und nun geht das Geld für Strafzettel drauf“, so Stein.

Petra Block ist ebenfalls verärgert. Sie habe nach dem Brand den Kopf voll und keine Zeit gehabt, um eine Sondergenehmigung zu beantragen. Ihre Tochter sei Schritttempo gefahren und habe das Warnlicht eingeschaltet. „Müll und Kippen fliegen auf die Straße, da macht keiner was, aber Autofahrer und Hundebesitzer werden abkassiert“, ärgert sich Petra Block.

Hochgekocht ist das Thema auch im sozialen Netzwerk Facebook. So schrieb Katrin August: „Soviel zu Toleranz des Ordnungsamtsmitarbeiters! Da hoffe ich mal, dass die Verwaltung mehr Größe zeigt! Bin gespannt!“ René Domke (FDP) spielte auf die von Bürgermeister Thomas Beyer (SPD) beim Neujahrsempfang verkündete bessere Haushaltssituation um 5,2 Millionen Euro an und meinte: „Ich hoffe, das ist nicht nur auf Verwarnungen der Politessen zurückzuführen. Jeder Verwaltungsbeamte hat auch gewisse Ermessensspielräume, diese können auch bürgerfreundlich ausgeschöpft werden.“

Heiko Hoffmann

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige