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Als „Schwester Agnes“ von der Bildfläche verschwand

Grevesmühlen/Gadebusch/Schönberg Als „Schwester Agnes“ von der Bildfläche verschwand

Manch einer im Landkreis Nordwestmecklenburg erinnert sich noch an sie — die Gemeindeschwestern. Sie waren in der DDR das Verbindungsglied zwischen Ärzten und Patienten. 1991 fanden einige von ihnen Arbeit in den neu entstehenden Sozialstationen.

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Sie spricht noch viel von ihrer Zeit als Gemeindeschwester — Marianne Saffan (rechts). Am liebsten mit DRK-Kollegin Nadine Rehbein.

Grevesmühlen. Bärbel Lauter (58) hat schon sehr lange nicht mehr über „damals, vor der Wende“ nachgedacht. Damals war sie Gemeindeschwester. Heute ist sie Pflegedienstleiterin der Diakonie Sozialstation Schönberg. Das bedeutet, einen Pflegedienst zu managen, der 24 Stunden erreichbar sein muss. Sie führt insgesamt 14 Mitarbeiter. „Da bleibt nicht viel Zeit zum Nachdenken“, sagt sie. Sie muss Pflegedienstleistungen abrechnen, Dienstpläne und Tourenpläne erstellen, Weiterbildungen organisieren und einiges mehr.

„Die Zeit lief langsamer damals“

Dann nimmt sie sich doch einen Moment Zeit und lässt ihre Gedanken in eine verschwundene Welt zurückschweifen und stellt fest — so schlecht war es damals als Gemeindeschwester nicht. „Die Zeit lief langsamer damals. Wenn ich zu meinen Rentnern gefahren bin, bekam ich erst einmal einen Kaffee, bevor es an das Blutdruckmessen ging.“ Gemeindeschwestern waren in der DDR das Verbindungsglied zwischen Ärzten und Patienten. Sie brachten Rezepte mit, legten auch Verbände an. Meist vierzehntägig hielten sie Sprechstunden in Stadtteilen und Dörfern ab.

Allerdings einiges an dem Beruf fand die Pflegedienstleiterin auch beschwerlich. Gerade, was das so beliebte Bild, der auf dem Moped munter herumflitzenden Gemeindeschwester anging — populär geworden durch den Defa-Fernsehfilm „Schwester Agnes“, in dem Agnes Kraus die Hauptrolle spielte — merkt sie an: „Im Winter war das ganz schön kalt und nass da drauf. Ich brauchte oft Stunden, bis meine Füße wieder warm wurden.“ Mit einem versonnenen Blick schiebt sie dann hinterher: „Aber im Sommer — da war es schon schön. Da fuhr ich manchmal sogar mit dem Fahrrad durch die Felder.“

Dennoch — allzu viel Raum hat die Zeit vor der Wende in Bärbel Lauters jetzigem Leben nicht. Sie ist vor allen Dingen stolz auf die Entwicklung der Schönberger Sozialstation in den vergangenen 25 Jahren: „Es ist schon beachtlich, wie wir alle Höhen und Tiefen der Anfangszeit genommen haben und immer noch existieren.“

Es war die Kirchengemeinde Schönberg, die die dortige Sozialstation Ende Januar 1991 aus der Taufe hob. „Pastor Dietrich Voß“, erzählt Bärbel Lauter, „hat mich gefragt, ob ich nicht dort mitarbeiten will.“ Für die gelernte Krankenschwester, die seit 1983 als Gemeindeschwester unterwegs war, die Gelegenheit. Denn mit der Auflösung des Gesundheitswesens der DDR sollten auch die im Volk beliebten Schwestern gänzlich von der Bildfläche verschwinden.

Bärbel Lauter ist besonders froh darüber, dass die Station, die seit 2004 zum Diakoniewerk im nördlichen Mecklenburg gehört, Teil eines Netzwerkes ist, auf das sie sich verlassen kann. „Es macht mich und die Mitarbeiter um einiges ruhiger, zu wissen, dass wir, sollte es mal in einem Jahr wirtschaftlich nicht ganz optimal laufen, in einer Solidargemeinschaft aufgefangen werden. Das ist schon etwas wert in dieser hektischen Zeit.“

Einwegspritzen & Co.

Anders als ihre Schönberger Kollegin erinnert sich Marianne Saffan (62), die seit der Wende in der Sozialstation des Deutschen Roten Kreuzes (DRK NWM) in Gadebusch arbeitet, gern und oft an die Zeit als Gemeindeschwester. „Ja, sie erzählt viel davon“, bestätigt ihre Kollegin Nadine Rehbein (34), „erst vor kurzem haben wir uns wieder darüber unterhalten.“

Die gelernte Krankenschwester hieß noch Marianne Krüger, als sie im Jahr 1978 zum ersten Mal auf ihre blaue Schwalbe stieg, um Patienten in den verschiedenen Gadebuscher Ortsteilen zu besuchen. „Es lief alles viel gemütlicher, ohne Druck ab. Ich hatte manchmal sogar Zeit, um reine Fürsorgebesuche bei älteren Menschen zu machen. Auch wenn sie nichts hatten, einfach nur, um zu fragen, wie es ihnen geht.“

Auch noch heute — als Pflegerin in der DRK-Sozialstation — spricht sie viel mit ihren Patienten. Wenigstens nebenbei während sie sie versorgt. Für „einfach-nur-Gespräche“ ist der Zeitplan zu eng getaktet. „Es gibt immer mehr Menschen, die Pflege brauchen und nicht genug ausgebildete Pfleger. Auch wir in Gadebusch suchen dringend Unterstützung“, sagt sie. „Ich kenne glücklicherweise die Menschen hier gut“, meint sie dann. „Manchmal betreue ich Rentner, deren Eltern ich schon als Gemeindeschwester besucht habe. Mir fällt auf, wenn Jemanden etwas bedrückt. Dann frage ich auch gezielt nach.“ Marianne Saffan hat das Gefühl, dass einige Patienten sich scheuen, sie mit einem Problem zu behelligen, weil sie genau um ihre Arbeitslast wissen. Andere wiederum sagt sie, machen eine knallharte Rechnung auf und verlangen Rundum-Betreuung für „ihr“ Pflegegeld.

Doch trotz Zeitmangel und Kosten-Nutzen-Rechnungen, auch Marianne Saffan liebt ihren jetzigen Job. Was die Arbeit wirklich erleichtert, sagt sie, sind die „Pflegehilfsmittel, die es heute gibt“. Die Pflegebetten, die sich verstellen lassen. „Das war früher oft hart für den Rücken, die alten Menschen aus den großen Ehebetten zu hieven.“ An den Plastikmüll, der anfällt, Einwegspritzen und Co., hat sie sich inzwischen gewöhnt. „Das war nach der Wende mein größtes Problem. Wir haben doch früher alles ausgekocht und desinfiziert, die Spritzen, Kanülen — es gab ja nichts. Und dann auf einmal, ratsch aufgerissen, benutzt und weg.“

Annett Meinke

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