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Arbeitsplatz in 68 Metern Höhe

Wismar/Rostock Arbeitsplatz in 68 Metern Höhe

Rita Schmidt war Kranfahrerin auf Warnow Werft / Klaus Armbröster erinnert an den Umbau der „Hamburg“ zur „Yuri Dolgoruki“ / Rostklopfen musste Werner Schwanbeck in Wismar.

Blick in die neue Zeit: Helmut Strauß aus Grevesmühlen fotografierte im Januar 2012 den Seetransport von Bauteilen für Windkraftanlagen vor Warnemünde.

Quelle: Foto: Helmut Strauß

Wismar/Rostock. Werften hatten ihren eigenen Geruch – eine Mischung aus verbrannten Elektroden, Farbe, Öl, Seewasser und Stahl. An die ganz spezifische Note dieses Dufts, den es nur beim Rostklopfen gab, kann sich Werner Schwanbeck aus Wismar sicher gut erinnern. Immer wenn der Hammer auf das Eisen prallte, fauliges Wasser aus Rostblasen spritzte, Farbsplitter und Metallfunken die Haut malträtierten und jeder Schlag bis ins Rückenmark zu spüren war, floss immer auch literweise Männerschweiß über die Helling. Daher der Geruch.

LN-Bild

Rita Schmidt war Kranfahrerin auf Warnow Werft / Klaus Armbröster erinnert an den Umbau der „Hamburg“ zur „Yuri Dolgoruki“ / Rostklopfen musste Werner Schwanbeck in Wismar.

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Beim Rostklopfen 1974 auf der Wismarer Werft fotografierte Schwanbeck seine Seminargruppe der Ingenieurhochschule Wismar. Er hatte noch den Nerv dafür: „Ich bin nicht auf dem Foto, weil ich beim Entrosten von Halbzeugen in der Malerei war, was nicht ganz so unangenehm war“, schreibt er.

In der engen Verbindung von Ausbildung und Praxis – die begann nun einmal auch für Ingenieure beim Rostklopfen – sieht Klaus Armbröster aus Rostock, einst Oberingenieur der Warnemünder Warnow Werft, ein wichtiges Qualitätsmerkmal des DDR-Schiffbaus. „Wir hatten auf allen Ebenen, in Werkstätten, in der Konstruktion und auf allen Leitungsebenen, hoch qualifiziertes Personal“, sagt er. Wohl deshalb sind viele Leistungen der Schiffbauer bis heute legendär, obwohl sie, wie die Industrie im ganzen Land, mit all den Widrigkeiten der Planwirtschaft zu kämpfen hatten;

zuerst mit dem ewigen Mangel an Material. Armbröster erinnert an den Umbau der 1945 gesunkenen „Hamburg“. Einst Passagierschiff der Hamburg-Amerika-Linie, diente es im Zweiten Weltkrieg als Wohnschiff und brachte im März 1945 Flüchtlinge nach Saßnitz. Einen Tag später lief es auf eine Mine und sank. Gehoben 1950, wurde es in Warnemünde vom Schlamm befreit, in „Yuri Dolgoruki“ umbenannt und ins Dock nach Antwerpen gebracht. 1952 beginnt in Warnemünde der Umbau zum Fracht- und Passagierschiff – bis es sich die sowjetische Militäradministration anders überlegt. Kurz vor Fertigstellung wird 1955 der Umbau gestoppt. Jetzt soll die „Yuri“ ein Walfangmutterschiff werden. Die Projektierung zieht sich bis 1958 hin, immer wieder gibt es neue Ideen der Auftraggeber. Und Zeitdruck: Der Fertigstellungstermin wird eben mal um ein Jahr auf Juli 1960 vorverlegt. Trotzdem: Im April 1960 liefern die Warnemünder den Schiffsriesen vorfristig ab.

Diese Zeit hat Rita Schmidt aus Bad Doberan noch miterlebt. Von 1958 bis 1968 saß die heute 76-Jährige als Kranfahrerin auf der Kabelkrananlage der Warnow Werft. „In 68 Metern Höhe habe ich gearbeitet“, erzählt sie. „Es konnte für mich nie hoch genug sein.“ Sie bediente auch die Laufkatzen, als die ersten 10 000-Tonner gebaut wurden. „Typ IV“ hießen die Schiffe der Serie, die bald das Rückgrat der Deutschen Seereederei DSR bildeten.

Danke für diese Geschichte(n)

Der Aufruf war kurz und knapp: Es wurde um Ihre Bilder und Geschichten aus der Geschichte der Werften in Rostock und Wismar gebeten.

Die Resonanz war beeindruckend: Volle Umschläge mit Werft-Fotos, seitenlange Briefe voller Episoden und zahlreiche E-Mails erreichten die Redaktion. Kein Wunder: Es gibt wohl kaum eine Familie in den Städten an der Ostsee, die nicht wenigstens einen ehemaligen oder aktiven Werftarbeiter, Fischer, Seemann, Motorenwerker oder Hafenarbeiter in ihren Reihen hat. Zehntausende neue Arbeitsplätze entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg in der maritimen Wirtschaft des damaligen Ostsee-Bezirks – Schiffe liefen in Großserien vom Stapel, mit der Deutschen Seereederei (DSR) entstand die größte deutsche Handelsflotte mit über 200 Schiffen, die Uni eröffnete eine Schiffbaufakultät.

Klaus Armbröster, einst Oberingenieur der Warnow Werft, erzählte uns vom legendären Umbau des Turbinenschiffes „Hamburg“ zum Walfangmutterschiff „Yuri Dolgoruki“ ab 1950. Werner Schwanbeck aus Wismar berichtete vom Arbeitseinsatz seiner Seminargruppe beim Rostklopfen auf der Mathias-Thesen-Werft, und Rita Schmidt, Rentnerin aus Bad Doberan stellte ihren einstigen Arbeitsplatz in luftiger Höhe vor.

Schiffbau an der hiesigen Ostseeküste

Die Geburtsstunde des modernen Stahlschiffbaus in Deutschland schlug 1851 in Rostock, als auf der „Schiffswerft und Maschinenfabrik von Wilhelm Zeltz und Albrecht Tischbein“, der späteren Neptun Werft, der erste eiserne Schraubendampfer Deutschlands, die „Erbgroßherzog Friedrich Franz“, vom Stapel lief.

Heute unvorstellbare Großserien von Schiffen fertigten die Schiffbauer der DDR ab 1949 – überwiegend für die Sowjetunion als Reparationsleistung für die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg. Ab 1949 liefen allein in Stralsund 594 Logger, 171 Mitteltrawler, 86 „Tropik“- und 147 „Atlantik“-Fang- und Gefrierschiffe, 195 Atlantik-Supertrawler und 134 Gefriertrawler vom Stapel, zehn weitere Großserien mit jeweils „nur“ zweistelligen Baunummern gar nicht mitgerechnet.

Anja Levien/klaus Walter

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