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Nordwestmecklenburg Auf den zweiten Blick
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00:00 23.10.2012
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Nordwestmecklenburg

Neue Straßen, frisch gestrichene Gebäude, Supermärkte, der 100 000-Einwohnerstadt Lida (Weißrussland) scheint es an nichts zu fehlen. Doch hinter den Fassaden sieht es anders aus.

Die Betten sind gemacht, Tageslicht erhellt den Raum, beinahe regungslos, aber ordentlich gekleidet und so gut es geht aufrecht sitzt ein alter Mann auf seinem Schlafplatz. Das Zimmer, das er sich mit einem weiteren Bewohner teilt, hat geschätzt 15 Quadratmeter. Dass der Rentner im alltäglichen Betrieb der Einrichtung nicht den ganzen Tag so da sitzt, als würde er jeden Moment fotografiert werden, ist nicht schwer zu erahnen. Elena Wladimirowna, die stellvertretende Leiterin des Altenheims im weißrussischen Lida, ist jedoch bemüht zu betonen, dass es den 44 hier lebenden Rentnern, zwischen 46 und 95 Jahre alt, gut gehe.

Dass sich die Verantwortlichen des staatlichen Heims auch redlich um ihre Bewohner kümmern, ist ihnen sicherlich nicht abzusprechen. Doch die Führung durch das 100 Jahre alte Gebäude, die 15 engen Zimmer, die Küche mit den zerkratzten Holzbrettchen und den lädierten Tassen, dem Waschraum mit der rostigen Badewanne zeigt, dass es an allen Ecken und Enden fehlt. Doch es fällt ihnen schwer, das zuzugeben.

„Es ist sehr schön, dass sie Bettwäsche mitgebracht haben“, bedankt sich Elena Wladimirowna bei ihren deutschen Gästen. An das Altersheim geht ein Großteil der Spenden, die die Initiative Lidahilfe aus Grevesmühlen seit nunmehr 19 Jahren durchschnittlich zweimal im Jahr nach Weißrussland transportiert.

Schaut man in das Zentrum der 100 000-Einwohner-Stadt, bekommt man nicht das Gefühl, dass hier unbedingt Hilfe vonnöten ist. Vor zwei Jahren, anlässlich des Landeserntefestes, wurde die Innenstadt erneuert, neue Straßen, neue Parks, straßenseitig ein neuer Anstrich für die Wohnblöcke entlang der Hauptverkehrswege. Die meisten Menschen hier meistern ihr Leben, schaffen es, von ihrem geringen Lohn einigermaßen gut zu leben, kaufen im Supermarkt auf westeuropäischem Preisniveau ein, gehen arbeiten, gehen feiern. Doch der erste Blick trügt.

Der fünfte Stock eines tristen Plattenbaus. Pawel Jasjulewitsch wird von seiner Mutter geweckt. Die Freude ist groß, ein Paket und ein Brief aus Deutschland werden von den Lidahelfern persönlich überbracht. Doch das Lachen bleibt einem fast im Halse stecken, als Pawel ins dunkle, spärlich möblierte Wohnzimmer kommt. Etwa 1,40 Meter groß fällt ihm das Atmen schwer, Adern treten am übergroßen Kopf hervor, seine Augen aus den Augenhöhlen heraus. Mit Mühe erreicht Pawel den Stuhl im Wohnzimmer, setzt sich erschöpft nieder. Pawel ist 20 Jahre alt, leidet an Muskelschwund und an einem Hydrocephalus, früher auch Wasserkopf genannt. Mit 250 Euro Rente müssen er und seine Mutter auskommen. Die frühere Erzieherin verdient sich nebenbei etwas Geld schwarz dazu. „Ich habe viele Wünsche, doch meine Krankheit macht mir zu schaffen“, sagt Pawel. Sein Vater hat die Familie verlassen. Ein behindertes Kind passte nicht in seine Welt. Pawel ist tapfer, hat die Schule mit Auszeichnung abgeschlossen und versucht, Buchhaltung zu studieren. Wegen seiner Behinderung musste er die Ausbildung abbrechen. Er zuckt mit den schmalen Schultern und blickt seine Mutter an.

„Was passiert, wenn niemand mehr hilft? Jeder sollte sich daran beteiligen. Wir hier können uns nicht beklagen.“ Horst Köhler (75) und seine Frau Erika (71) aus Gostorf schicken seit fünf Jahren regelmäßig Hilfspakete nach Lida. Pawel bedankt sich stets per Brief, schickt Tonfiguren, die er selbst anfertigt. „Er hat uns ein Bild geschickt. Als wir das gesehen haben, tat uns das unendlich leid“, sagt Horst Köhler. Die Köhlers werden Pawel wahrscheinlich nie begegnen. Doch das ist egal, so lange die beiden wissen, dass sie etwas abgeben können, dass ihre Hilfe ankommt, dass sie das Leben Pawels lebenswerter machen. Horst Köhler: „So lange ich lebe, werde ich ihn unterstützen.

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