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Nordwestmecklenburg „China wandelt sich rasant“
Lokales Nordwestmecklenburg „China wandelt sich rasant“
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18:32 06.01.2018
Miro Zahra neben buddhistischen Nonnen in der Verbotenen Stadt in Beijing. Quelle: Fotos: Prvat
Plüschow

Anfang Oktober vergangenen Jahres besuchte Miro Zahra – Künstlerin und Leiterin des Mecklenburgischen Künstlerhauses Schloss Plüschow bis Ende 2017 – China. Sie blieb einen Monat lang. Wir sprachen mit ihr über die Eindrücke, die sie vom Reich der Mitte und seinen Bewohnern gewann, über die Mauer und zum Beispiel die Englischkenntnisse der Chinesen.

Die Nordwestmecklenburger Künstlerin Miro Zahra über ihren Besuch im Reich der Mitte.

Das Künstlerschloss

Schloss Plüschow wurde 1763 von dem Hamburger Kaufmann Philipp Heinrich von Stenglin als Sommer- und Jagdschloss erbaut. Bis 1945 gehörte es zum Besitz der großherzoglichen Familie von Mecklenburg.

Dann war es Gemeindeamt, LPG-Büro, Jugendklub. Seit der Sanierung nach der Wende bietet es Künstlern ein Zuhause.

Auf welche Weise ist der Kontakt nach China entstanden?

Miro Zahra: Der Ursprung liegt in einer gemeinsamen Initiative verschiedener Hoteliers in Kühlungsborn. Diese haben sich schon vor Jahren angeboten, für chinesische Künstler Unterkunft, Kost und Logis zur Verfügung zu stellen. Im Austausch konnten deutsche Künstler sich um einen Stipendienaufenthalt in China zu bewerben. Ich habe von dieser Möglichkeit gehört und mich eigentlich erst einmal nur danach erkundigt.

Ich wollte gerne später einmal nach China zu reisen, doch dann habe ich erfahren, dass in China einiges im Umbruch ist, sodass die Zukunft des Austausches unsicher ist. So habe ich mich schon in diesem Jahr als Künstlerin um eine Teilnahme bei der Deutsch-Chinesischer Gesellschaft für Kulturaustausch mit Sitz in Peking mit meiner Malerei beworben.

China ist, wie die Norddeutschen sagen, „schon ein anderer Schnack“.

Ja, das stimmt. Aber das Reich der Mitte hat mich schon immer fasziniert. Allgemein spüre ich in meiner Kunst eine gewisse Verwandtschaft zu der ostasiatischen Kultur. Ich war bereits in Japan und auch in Südkorea und weiß, dass meine Malerei dort sehr gut ankommt- Die Menschen verstehen sie, ohne dass ich groß etwas erklären muss.

Einen Ausschlag hat aber auch die Stadt gespielt, in die Sie reisen konnten?

Ja, natürlich hat mich auch der Umstand gereizt, dass es um einen Aufenthalt in der Stadt Qingdao ging. Wer es nicht weiß, es gibt den Mecklenburger Gunther Plüschow, 1886 geboren, dessen Geschichte eng mit der Geschichte unseres Schlosses verbunden ist. Sie ist Teil unserer ständigen Ausstellung im Erdgeschoss. Gunther Plüschow war im Ersten Weltkrieg als junger Offizier in Qingdao – damals deutsch Tsingtau, ehemals ein deutsches Pachtgebiet – stationiert. Über seine Flucht von dort am Anfang des Ersten Weltkrieges hat er ein Buch verfasst, mit dem er dann zum berühmten „Flieger von Tsingtau“ wurde.

Über ihn gibt es einen Film der Mecklenburgischen Filmemacherin Carmen Blaszejewski, den ich selbst initiiert habe.

Sie konnten den Chinesen also etwas über diesen Pionier seiner Zeit erzählen?

Ja, das habe ich. Ich habe dort einen Vortrag über Gunther Plüschow gehalten. Aber vor allem ging es mir darum, auf Gunther Plüschows Spuren zu wandeln.

Und wie war es?

Es war so großartig, so toll. Das lag auch daran, dass wir eine tolle deutsche Künstlerinnengruppe waren. Meine Kolleginnen kamen aus Berlin, Greifswald, Rostock und dem ländlichen Raum, so wie ich.

War spürbar für Sie, was oft behauptet wird – dass China sich öffnet?

Ja, ich denke, man kann sagen, China wandelt sich rasant. Wir waren bestens untergebracht, durften uns frei bewegen. Natürlich wurden wir begleitet, wir hatten zum Beispiel jeden Tag zwei, drei Germanistikstudentinnen an unserer Seite, die für uns gedolmetscht und uns begleitet haben. Wir konnten sprechen, mit wem wir wollten. Wir haben Menschen auf der Straße kennengelernt, Caféhausbesitzer, Köche, natürlich chinesische Künstler und konnten alle Fragen über das Leben in China stellen, die wir wollten.

Dennoch gibt der Staat die Kontrolle doch nicht ab. Das Internet wird zum Beispiel nach wie vor extrem kontrolliert.

Ja, da stimmt. Es gibt Kontrolle, nach wie vor. Doch mit dem wirtschaftlichen Erblühen und den Kontakten der Chinesen weltweit verschieben sich nach und nach die Grenzen. Was das Internet angeht, da gibt es natürlich nur den Zugang zu den vom Staat kontrollierten Diensten. Ich bin jetzt (lacht) auch Mitglied im chinesischen „Wechat“ (das chinesische Whatsapp). Das, was bei uns funktioniert, funktioniert dort nicht.

Ich habe gehört, dass Sie auf eigene Faust und sehr abenteuerlich, die Chinesische Mauer erklommen haben?

Ja, das habe ich getan. Ich wollte dort unbedingt hin. Wir waren ja hauptsächlich in der Stadt Qingdao. Ich bin mit einigen meiner Kolleginnen mit dem Schnellzug 1300 Kilometer nach Beijing gefahren und von dort aus mit einem Privatchauffeur allein zur Chinesischen Mauer. Mein Taxifahrer war ein höflicher, älterer Herr, fein angezogen mit weißem Hemd. Der hat dann geduldig an der Mauer auf mich gewartet, bis ich mit meinen Erkundungen fertig war.

Wie haben Sie sich verständigt? Sprach er Englisch?

Nicht ein Wort, wie die meisten Chinesen. Es gibt aber Apps für Handys. Da wird Chinesisch reingesprochen, und der gleiche Inhalt kommt in Englisch raus. Wenn man Glück hat.

Was hat Sie am meisten beeindruckt an China?

Die Menschen vor allem! Die alte Kultur: die verbotene Stadt in Beijing, die Mauer und die hohen Berge Richtung Mongolei. Ach, und die Esskultur, eine großartige Esskultur, und die rasante Schnelligkeit, mit der sich China verändert.

Und haben Sie auch für das Künstlerhaus Kontakte geknüpft? Kommen demnächst Stipendiaten aus China nach Plüschow?

Es gibt in Qingdao eine großartige und lebendige Künstlerszene, die im Aufbruch ist, mit der ich in Kontakt bin. Kurz vor Weihnachten haben uns Herr Kai und Frau Min, die Verantwortlichen vom Chinesischen Kulturministerium, auf Schloss Plüschow besucht. Wir haben über ein mögliches Austauschprogramm gesprochen. Es gibt da viele Anknüpfungspunkte. Besonders in Qingdao. Dort existiert ein ganzer Stadtteil, wo noch original deutsche Architektur aus der Gründerzeit zu finden ist. Die Chinesen schätzen die Deutschen sehr, das wurde immer wieder deutlich.

Also ein erfolgreicher Aufenthalt, auch für die eigene künstlerische Inspiration?

Auf jedem Fall. Die Inspiration wird für eine Weile vorhalten. Die ersten Ausstellungsprojekte mit Arbeiten, die von dem Chinaufenthalt inspiriert sind, sind, gemeinsam mit meinen deutschen Kolleginnen, in Planung. Zu sehen sein werden sie unter anderem in einer Ausstellung im nächsten September im Schleswig-Holstein-Haus in Schwerin. Im kommenden Jahr, so ist es unter anderem mit den Vertretern des Chinesischen Kulturministerium besprochen, wird zunächst ’zur Probe’ ein chinesischer Künstler oder eine chinesische Künstlerin nach Plüschow kommen. In 2019 sollen dann gemeinsame Ausstellungen chinesischer Künstler und Künstler aus MV in Qingdao und hier stattfinden.

Interview von Annett Meinke

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