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Nordwestmecklenburg Christen und Nichtchristen kümmern sich um Dorfkirchen
Lokales Nordwestmecklenburg Christen und Nichtchristen kümmern sich um Dorfkirchen
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22:36 30.10.2013
Eine Frau geht durch das Kirchenschiff der Dorfkirche in Bibow. Der Kirchenbauverein des kleinen Ortes kümmert sich seit Ende der 1990er-Jahre um das Gebäude, das Ende des 13., Anfang des 14. Jahrhunderts entstand. Fotos (2): Jens Büttner
Bibow

Viele Menschen im Osten der neuen Nordkirche engagieren sich für Kirchen, obwohl sie keine Christen sind. Ihnen haben es vor allem die jahrhundertealten Dorfkirchen aus Feld- und Backsteinen angetan, die das Gesicht von Orten und Landschaften prägen. Die Vielzahl von Kirchenfördervereinen in Mecklenburg-Vorpommern, es sind etwa 180, findet Landesbischof Gerhard Ulrich „richtig gut“. Er sei dankbar dafür, sagte Ulrich kurz nach seiner Amtseinführung im September in Schwerin. Diese Vereine würden es schwer machen, auch nur eine Dorfkirche aufzugeben.

Kirchenbauten und Gemeindemitglieder sind in der Nordkirche denkbar ungleich verteilt: Von den 1901 Kirchen und Kapellen stehen allein 1112 in Mecklenburg-Vorpommern. Fast alle sind denkmalgeschützt. Während in Hamburg und Schleswig-Holstein im Schnitt 2582 Gemeindemitglieder auf eine Kirche kommen, sind es in Mecklenburg 290, im Pommerschen Kirchenkreis sogar nur 215.

In Bibow bei Warin hat der Kirchenbauverein in den vergangenen Jahren ein Wunder vollbracht — das jedenfalls meinte ein Lokführer, der jahrelang auf der Bahnstrecke fuhr, die durch den kleinen Ort führt. Eines Tages stand dort eine Kirche, wo er niemals eine gesehen hatte. „Die Kirche war eingewachsen wie ein Dornröschenschloss“, erzählt der bisherige Vorsitzende des Kirchenbauvereins Bibow, Joachim Czwalinna. Ein Bäumchen sei sogar aus dem Dach gewachsen. 1976 hatte in der Kirche noch eine Trauung stattgefunden. Danach verfiel das Gotteshaus.

Ende der 1990er-Jahre fand sich ein Trupp von Leuten — Zugezogene wie der Jurist Czwalinna und Einheimische —, um das Gebäude vom Ende des 13., Anfang des 14. Jahrhunderts zu retten. Über so viele Jahrhunderte hätten es Menschen instand gehalten, das sollte auch jetzt möglich sein, nannte der heute 55-Jährige einen Beweggrund. Zudem gab es keinen Ort im Dorf, wo sich Menschen treffen konnten.

Zunächst sei das Dach notdürftig geflickt, später aus eigener Kraft die Sakristei hergerichtet worden. Bäume mussten gefällt werden. Als deutlich wurde, dass der Verein es ernst meint, sei er auch an Fördermittel gekommen. Das Land, die Evangelische Kirche und die Stiftung Denkmalschutz hätten Geld gegeben, private Spenden seien eingegangen. Geholfen hat dabei auch ein prominenter, längst verstorbener Künstler, der deutsch-amerikanische Maler Lyonel Feininger (1871-1956). Er skizzierte 1921 die Bibower Kirche. Die Zeichnung verkauft der Verein als Postkarte, das Original hängt in einem Museum in Massachusetts. Ob Feininger einen Fuß auf Bibower Boden setzte, ist nicht bekannt. „Die Zeichnung könnte von der Bahn aus gemacht worden sein“, meint Czwalinna.

Nach und nach restaurierte der Verein das Kirchenschiff, die aus Wohnhäusern zusammengetragenen Fenster wurden durch Kirchenfenster ersetzt, Funktionsräume wurde eingebaut, die Orgel repariert, der Fußboden neu verlegt, die Mauer zum 1745 angebauten Fachwerkturm geöffnet. Nachdem vor Jahren fast jeden Sonnabend gewerkelt wurde, treffen sich Vereinsmitglieder jetzt nur noch jeden letzten Sonnabend im Monat zum Arbeitseinsatz. Czwalinna hat den Vorsitz an Barbara Reimer abgegeben. Die frühere Verwaltungsfachangestellte hat sich schon immer um das „Schreibtechnische“ gekümmert, wie sie sagt. „Erhalten, rekonstruieren, beleben“, sei das Motto. Jetzt stehe das Beleben im Vordergrund. Da aber auch noch alte Wandmalereien freigelegt werden sollen, müssten weiter Spenden eingeworben werden, etwa bei Konzerten, Lesungen, Diskussionsrunden, Vorträgen und Kino in dem Gotteshaus. „Wir sind beim Filmkunstfest MV on Tour dabei“, berichtet Reimer. Bei diesem Angebot der Filmland gGmbH in Schwerin können sich die Kirchengemeinden Filme aussuchen, die dann zu ihnen kommen.

Obwohl die Kirche zu den Veranstaltungen gut besucht sei, seien längst noch nicht alle Bibower dort gewesen. Von den 350 Einwohnern in fünf Ortsteilen seien nur etwa 50 Kirchenmitglieder.

Vielleicht gibt es eine Schwellenangst, meint Reimer. Im Verein mit seinen 25 Mitgliedern spielten Ost und West, Christ oder Nichtchrist keine Rolle. Der Stellvertretende Vorsitzende habe mit Kirche nichts am Hut. Ihr Mann, sagt Reimer, sei ebenfalls nicht religiös, komme aber mit zu den Gottesdiensten. Der Pastor habe zwei rechte Hände und steige bei den Bauarbeiten mit aufs Dach.

Die Kirche war eingewachsen wie ein Dornröschenschloss.“Joachim Czwalinna,
Kirchenbauverein Bibow

Birgit Sander

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