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Nordwestmecklenburg Das Ende im Brandstifterprozess
Lokales Nordwestmecklenburg Das Ende im Brandstifterprozess
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21:39 18.12.2017
Ein Volvo wurde im Rahmen der Brandserie zerstört, das Fahrzeug soll mittels einer Packung Taschentücher angezündet worden sein. Quelle: Foto: Kes
Rüting/Schwerin

Überraschende Wende im Prozess um die Brandserie in Rüting: In der ersten Verhandlung vor dem Wismarer Amtsgericht im Januar dieses Jahres war der 22-jährige Tony K. aus Testorf noch zu einer zweieinhalbjährigen Jugendstrafe verurteilt worden. Nun einigten sich Staatsanwaltschaft, Gericht und Verteidigung im Berufungsverfahren vor dem Landgericht Schwerin auf eine zweijährige Jugendstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt wird.

Dieses Urteil war das Ergebnis einer Verhandlung zwischen den beteiligten Parteien im Verfahren. Bereits Ende vergangener Woche hatte das Gericht Gesprächsbereitschaft signalisiert. Hintergrund: Nach der Vernehmung der ersten Zeugen war deutlich geworden, dass es vermutlich keine neuen Erkenntnisse geben würde, bis Januar hätte sich das Verfahren vermutlich hingezogen. Verteidiger Sven Losenski aus Grevesmühlen erklärte gestern, dass „die Zustimmung zu dieser Entscheidung aus prozesstaktischen Gründen“ erfolgt sei. Denn nach wie vor streitet Tony K. – bis auf eine versuchte Brandstiftung – die Täterschaft ab. Da sich die Berufung allerdings allein auf die Rechtsfolge, das bedeutet auf die Höhe der Strafe, bezogen hatte, gab es die juristische Möglichkeit zu dieser Entscheidung.

Für den 22-Jährigen bedeutet das, dass er für fünf Brandstiftungen im Mai und Juni 2016 in Rüting rechtskräftig verurteilt worden ist. Das wiederum gibt den Geschädigten die Möglichkeit, zivilrechtliche Forderungen zu stellen. Bei den Bränden waren mehrere Hundert Strohballen, etliche Autos und ein Carport zerstört worden. Insgesamt liegt die Schadenssumme jenseits von 100000 Euro.

K. war im Juni 2016 festgenommen worden, im ersten Verhör hatte er die Taten gestanden. Daraufhin hatten Staatsanwaltschaft und Kripo die Ermittlungen eingestellt. Zum Prozessauftakt vor dem Wismarer Amtsgericht erklärte der ehemalige Feuerwehrmann, der seit 2015 zur Rütinger Wehr gehörte, dass er zu dem Geständnis gedrängt worden sei. Er räumte lediglich die versuchte Brandstiftung auf einem abgeernteten Feld bei Kastahn ein. Konkrete Beweise für seine Taten gab es nicht. Die Telefonüberwachung durch die Polizei entpuppte sich als ziemlich lückenhaft, der GPS-Sender, den die Ermittler an K.’s Auto befestigten, brachte lediglich die Erkenntnis, dass der Verdächtige bei Kastahn ein Häufchen Stroh angezündet hatte – was allerdings keinen Schaden verursachte.

Auch der Brandgutachter, der darlegen sollte, wie die Brände an den Strohballen, am Carport und an einem Volvo in Rüting gelegt worden sein könnten, gab alles andere als eine glückliche Figur vor Gericht ab. Rechtsanwalt Losenski hatte bereits in Wismar erhebliche Zweifel an den Thesen aus dem Gutachten. Zeugen für die Taten gibt es nach wie vor nicht.

Dafür jede Menge Fragen, eine verunsicherte Rütinger Feuerwehr und einen 22-Jährigen, der anderthalb Jahre in Untersuchungshaft gesessen hat. Trotz des Urteils des Schweriner Landgerichts stellt sich nicht nur Verteidiger Sven Losenski die Frage, ob möglicherweise noch ein Brandstifter in der Region frei herumläuft. Ungeklärte Fälle gibt es noch einige.

 Michael Prochnow

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