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Nordwestmecklenburg Das Superdorf
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20:21 29.06.2013
Idylle mit Pferden: Irmgard von Puttkamer (rechts) und Horst Moog reiten durch Dechow. Quelle: Fotos: Frank Hormann

Als sich die Nachricht herumgesprochen hatte, traf sich halb Dechow im Dorfgemeinschaftshaus und feierte den Sieg. Jemand stimmte auf dem Flügel „We are the Champions“ an, alle sangen mit. Dechow, das Dorf an der Landesgrenze zu Schleswig-Holstein hatte es allen gezeigt. Beim Bundeswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“, an dem sich 2600 Orte beteiligten, wurde die 212-Seelen-Gemeinde aus der Schalseeregion mit Gold ausgezeichnet. Dechow, das Superdorf.

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Rosen und rohrgedeckte Fachwerkhäuser prägen das Bild des 212-Seelen-Orts.

„Das ist eine schöne Bestätigung“, sagt Bernhard Hotz. Der 51-jährige Musiker ist Präsident des Dorf-Fördervereins und einer der Initiatoren der Bewerbung. Hotz, der eigentlich aus Lübeck stammt, kam 1991 hierher. Bei seinem ersten Besuch in dem Ort im früheren innerdeutschen Grenzgebiet habe er den Mund vor Staunen nicht mehr zubekommen. Ein Dorf wie aus dem Bilderbuch. Schön wie gemalt, aber auch reichlich verfallen habe es damals ausgesehen. Hotz und andere kamen, richteten die alten Fachwerkhäuser wieder her und brachten neues Leben ins Dorf.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Mit einem Altersdurchschnitt von 39 Jahren ist Dechow heute eine der jüngsten Gemeinde in Mecklenburg-Vorpommern. Bei Kreis- und Landeswettbewerben, die das lebenswerteste Dorf gesucht haben, landete der Ort auf dem ersten Platz. Der Gemeindehaushalt ist ausgeglichen, der Kindergarten gut belegt. 2011 eröffnete die „Gläserne Molkerei“, ein großer Bio-Betrieb, in dem man zugucken kann, wie Milch verarbeitet wird. 50 Arbeitsplätze entstanden, das Unternehmen zahlt Gewerbesteuer.

„Wir stehen gut da“, sagt Jürgen Haupt (71), parteiloser Bürgermeister. Niemand im Dorf sei arbeitslos, noch nie habe jemand NPD gewählt, und bei der letzten Kommunalwahl gaben 72 Prozent ihre Stimme ab — andere Orte kommen gerade einmal auf die Hälfte. Nach der Richtlinie des Landes ist Dechow zu klein und müsste fusionieren. Haupt möchte das verhindern. „Das bringt doch nichts.“

In 60 000 freiwilligen Arbeitsstunden haben die Dechower ihr verfallenes Dorfgemeinschaftshaus wieder aufgebaut. Jetzt stehen hier Musiker wie der Klezmer-Klarinettist Giora Feidman bei den Dechower Kulturtagen auf der Bühne, im Januar war Matthias Schorn da, „Preisträger in Residence“ bei den Festspielen MV.

„Künstler, die sonst in Hongkong spielen, kommen gerne nach Dechow“, sagt Irmgard von Puttkamer (58). Sie zog vor zwölf Jahren nach Dechow und fasste schnell Fuß. Die Kulturtage entstanden auf ihre Initiative, die Adlige engagiert sich auch in der Gemeindevertretung. Nicht alle Dechower kommen mit so viel Hochkultur klar. „Früher war es schöner“, sagt Günter Dießner (61). Der gebürtige Dechower wohnt im einzigen Plattenblock des Dorfes und klagt, dass er sich früher, als es die LPG noch gab, wohler fühlte. Damals habe er noch mit jedem im Dorf über alles reden können. „Die Zugezogenen wollen unter sich bleiben“, sagt Dießner. Das die Neu-Dechower beim Bundeswettbewerb siegten, mache ihn trotzdem stolz.

Bürgermeister Haupt ist ebenfalls stolz auf den Titel. Auch er ist ein Zugezogener aus dem Westen. „In Dechow spielt das aber keine Rolle“, meint er. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen die Briten. Dann kamen die Russen, die Briten ließen den Ort vorher räumen. In die leeren Häuser zogen Leute aus dem Sudetenland. Jahrhundertealte Familienbande gibt es in Dechow nicht, obwohl das Dorf schon über 800 Jahre alt ist. „Wir sind alle Zugezogene“, sagt der Bürgermeister. „Einige kamen früher, andere später.“ Alle zusammen leben sie in einem der schönsten Dörfer Deutschland. Das ist jetzt amtlich.

Gauck gratuliert
9 Dörfer in Deutschland wurden beim diesjährigen Bundeswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ mit einer Goldmedaille prämiert. Dechow, das die höchste Auszeichnung als einziges Dorf in MV erhielt, wurde bereits 2004 mit Silber ausgezeichnet. Die Jury-Mitglieder lobten das Bürgerengagement in Dechow, mit dem unter anderen das Dorfgemeinschaftshaus saniert wurde. Offiziell wird die Auszeichnung im Januar 2014 bei der Grünen Woche in Berlin überreicht. Auch Bundespräsident Joachim Gauck gratuliert einer Delegation aus Dechow bei einem Empfang.

Der Ort ist mit der Ehrung zu einem „Aushängeschild“ für MV geworden, lobt Umweltminister Till Backhaus (SPD). Frühere Gewinner aus Mecklenburg: Basedow sowie Glaisin, Brunow und Banzkow.

Gerald Kleine Wördemann

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