Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Nordwestmecklenburg Delegation aus Grevesmühlen wirbt in Ungarn für Inklusion
Lokales Nordwestmecklenburg Delegation aus Grevesmühlen wirbt in Ungarn für Inklusion
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:36 26.09.2014
Blick über das Donauknie, etwa 50 Kilometer entfernt von der ungarischen Hauptstadt Budapest. Quelle: Michael Prochnow
Nagymaros

Nein, sagt Toni, er habe nichts dagegen, dass mehr für Behinderte getan werden soll. „Ist doch eine gute Sache.“ Und wie sieht er sich selbst?

„Ich weiß, dass ich eine Behinderung habe, aber ich versuche, sie nicht zu zeigen.“ Der 20-Jährige hat eine Lese- und Rechtschreibschwäche, Mathematik, das fügt er hinzu, ist auch nicht so „mein Ding“. Er ging erst zur Förderschule in Schönberg, doch die Lehrer und er selbst merkten bald, dass die Anforderungen zu hoch waren. Er kam auf die Mosaikschule in Grevesmühlen, die auf Kinder und Jugendliche mit Behinderungen spezialisiert ist. Die Schule hat er hinter sich, zwei Jahre Berufsbildung, wie jene Phase genannt wird, in der die Jugendlichen sich ausprobieren können, ebenfalls. Im Moment gehört Toni zu einer Gruppe, die im Upahler Arla-Werk im Lager beschäftigt ist. Container reinigen, die Halle fegen, Milch pumpen — die Jobs sind einfach, aber immerhin ist es eine Arbeit.

„Ich will noch in der Gartengruppe in Boltenhagen arbeiten“, sagt Toni. „Dann kann ich entscheiden, was ich später mache.“ Der junge Mann weiß, dass die Entscheidung nicht einfach wird, aber er hat ein Ziel. Auch wenn er weiß, dass er nicht alles machen kann, was er sich wünscht. „Ich will auf den ersten Arbeitsmarkt, das kann ich schaffen.“ Es gibt genügend Jugendliche, die keine Behinderung haben und deutlich weniger zielbewusst ihr Leben anpacken.

Toni gehört zu einer Delegation aus Grevesmühlen, die mit Partnern aus Schweden, Polen und Ungarn das Thema Inklusion vorantreiben will. Der 20-Jährige hat davon gehört, doch die Gespräche und Verhandlungen der Teilnehmer bewegen sich auf einer Ebene, auf der es um EU-Verordnungen, Brainstorming und andere Dinge geht, die eine Konferenz eben zu einer solchen machen. Toni denkt praktisch.

„Wenn das von der Reise in der Zeitung steht, dann werde ich meiner Mutter das vorlesen.“ Trotz der LRS-Schwäche? „Ja, trotzdem, ich kann das schaffen.“

Sich durchzubeißen, hat Toni im Sport gelernt. Die Mosaikschule hat sich in den vergangenen Jahren ebenso wie das Diakoniewerk in Grevesmühlen einen guten Ruf erarbeitet, bei dem die Arbeit mit Behinderten weit über das hinausgeht, was das Gesetz vorgibt. Der Sport gehört dazu, gelebte Inklusion ohne Fachbegriffe. Mehrfach war Toni bei bundesweiten Wettkämpfen, die alle zwei Jahre in Deutschland stattfinden. Dass er über das Diakoniewerk die Chance bekommt, einen Job zu finden und irgendwann einmal ein halbwegs selbstständiges Leben zu führen, das ist eines der Beispiele, die bei der Konferenz in Nagymaros (sprich Nadschmarosch) präsentiert werden. Denn selbstverständlich sind solche Lebensläufe nicht.

Benny Andersson, IT-Unternehmer aus Grevesmühlen, beschäftigt ebenfalls einen jungen Mann vom Diakoniewerk. Natürlich, räumt er ein, sei die Arbeitskraft nicht vergleichbar mit jemandem, der keine Behinderung hat. Aber es gibt zwei Gründe, weshalb der gebürtige Schwede auf das Projekt setzt. „Ich gebe einem Menschen eine Chance und auf der anderen Seite ist es ganz einfach: Ich brauche jemanden, der den Job macht.“ In seinem Unternehmen zerlegt der junge Mann alte Rechner, die einzelnen Bestandteile, die wertvolle Metalle enthalten, werden recycelt.

Zur Delegation aus Grevesmühlen gehört auch Dirk Möller, Chef von Blau-Weiß Grevesmühlen und dem Behindertensportverein der Stadt. Kaum jemand steckt so tief in der Materie Inklusion wie Möller. „Wir sind in Deutschland auf einem guten Weg, auch deshalb ist es gut, dass es diese Konferenzen gibt und wir unser Wissen teilen können.“

Was auf dem Papier wie ein EU-Projekt aussieht, das viel Geld (120 000 Euro) kostet und wenig Nutzen bringt, ist in der Praxis eine Ideenschmiede für alle europäischen Teilnehmer. Denn Ungarn zeigt, wie viele Baustellen es noch gibt. Am Donnerstag stellte sich Forkas Wohner den Gästen in Nagymaros vor. Der 25-Jährige ist gehörlos und hat eine Schule für Behinderte besucht. Er ist der sportliche Held der Stadt, seitdem er im Wasserball bei den Olympischen Sommerspielen in Taipeh die Goldmedaille gewann. „Das Training hat meine Mutter bezahlt, genauso wie die Fahrt zu den Olympischen Spielen“, berichtete Forkas, der als Zahntechniker gerade eine Stelle sucht. Er hat sportlich alles erreicht, nun muss er nach seiner Ausbildung die nächste Herausforderung meistern. Einen Job finden. „Ich will es den Leuten zeigen, dass auch ein Behinderter alles erreichen kann.“ So leicht wie Toni wird er es nicht haben.

Ein Neuer Partner an der Donau
Nagymaros hat rund 4700 Einwohner und liegt im Donauknie 50 Kilometer entfernt von Budapest. Im 18. Jahrhundert zogen zahlreiche Schwaben aus Ulm in den Ort, der anschließend seine Blütezeit erlebte. Obst und Weintrauben waren die Exportschlager der Region, in Nagymaros entstanden neben zahlreichen Weinkellern, Hotels, Freibädern und Konditoreien eine Champagnerfabrik und eine Ziegelsteinfabrik. Heute ist die Industrie verschwunden, das Baden in der Donau verboten, Freibäder gibt es nicht mehr und die Zahl der Hotels ist überschaubar. Um auf die andere Flussseite zu kommen, müssen die Einwohner zwei Stunden fahren — über die nächste Brücke oder die Fähre nutzen, die von 8 bis 18 Uhr fährt und für die meisten Menschen zu teuer ist.

Die Kontakte nach Grevesmühlen gibt es seit vielen Jahrzehnten, entstanden sind sie über den Lehrerchor, heute der Liederkreis. Am heutigen Sonnabend werden die Bürgermeister von Grevesmühlen und Nagymaros in Ungarn die Urkunde für den Partnerschaftsvertrag unterzeichnen. Mit zur Delegation in Nagymarosch gehören die stellvertrende Bürgermeisterin Kristine Lenschow, Bauamtsleiter Lars Prahler und Stadtpräsident Udo Brockmann.

Michael Prochnow

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Bei einem Unfall auf der B105 in Wismar-Kritzow sind am Donnerstagabend zwei Menschen schwer verletzt worden.

26.09.2014

Der Zulauf zur denkmalgeschützten Mühle in Rüting wird erneuert, um wieder ein Wasserrad zu betreiben. Es entsteht zudem ein Lehrpfad für Wasserkraft und Naturschutz.

26.09.2014

Die Grundschule in Selmsdorf bittet die Eltern der künftigen Abc-Schützen, ihre Kinder in der übernächsten Woche anzumelden. Möglich sei das von Montag, 6.

Oktober, bis Freitag, 10.

26.09.2014