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Der Entrümpler: Wenn Wohnungen eine Geschichte erzählen

Grevesmühlen/Wismar Der Entrümpler: Wenn Wohnungen eine Geschichte erzählen

Danilo Kuhnert kommt, wenn nichts mehr geht / Mit seiner Firma reinigt er Häuser und Wohnungen im Auftrag von Ämtern und Betreuern / Die Dinge, die er wegräumt, erzählen Geschichten von Menschen.

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Solche Wohnungen bekommt Danilo Kuhnert immer wieder zu sehen. Die Bewohner sind dann längst weg, doch ihre Geschichte bleibt.

Quelle: Fotos: Michael Prochnow

Grevesmühlen. Die Tür lässt sich nur mit Mühe öffnen, Fliegen schwirren durch den schmalen Spalt, der Geruch von Abfall wabert nach draußen, legt sich auf die Zunge und hinterlässt einen üblen, süßlichen Geschmack. „So schlimm ist es zum Glück selten, aber es hilft nichts“, sagt Olly und greift sich seine Handschuhe und einen blauen Müllsack. Dann holt er noch einmal tief Luft und klettert in den ersten Raum. „Dann woll‘n wir mal.“

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Luise P. ist 90 Jahre alt und lebt inzwischen in einem Heim.

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Olly heißt eigentlich Danilo Kuhnert und ist 41 Jahre alt. Auf seinem Auto steht „Hausmeisterservice“, doch die meiste Zeit verbringt er damit, Häuser und Wohnungen zu entrümpeln und zu bereinigen.

Angehörige, Ämter oder gesetzlich bestellte Betreuer rufen ihn, wenn die Bewohner ausgezogen sind. In der Regel geht es darum, die Räume leer zu bekommen, Wände streichen, fertig. Doch manchmal reichen frische Farbe und ein Müllcontainer nicht.

„Ich sehe die Bewohner nicht, wenn ich komme, sind die Leute schon weg. Ich kümmere mich um das, was zurückbleibt“, sagt der 41-Jährige. Und das ist an diesem Tag in erster Linie Müll, sehr viel Müll. Er bedeckt den ganzen Fußboden, türmt sich auf den Schränken und Tischen. Es gibt nur ein paar schmale Pfade zu den Zimmern. Katzen und Hunde haben hier gelebt, der beißende Geruch hat sich in allem festgesetzt, was sich in dem Haus befindet.

Wie kann hier ein Mensch leben? „Das frage ich mich manchmal auch, aber jetzt ist die Frau im Heim, es geht ihr dort besser“, sagt Olly und bindet den ersten Müllsack zu. „Zwei Tage brauche ich bestimmt, um alles zu entsorgen.“ So verschwindet die Geschichte der Bewohnerin Stück für Stück in blauen Müllsäcken.

In dem kleinen Haus gibt es keine Fotos, kaum etwas erinnert an die Geschichte des Menschen, der hier lebte. Olly soll im Auftrag der Betreuerin nach Wertsachen suchen. Es gibt eine Liste der ehemaligen Bewohnerin mit Dingen, die sie ins Heim mitnehmen möchte. Der Fernseher steht auf dem Zettel, und die große, schwere Bibel. Viel mehr, so wird schnell klar, ist in dem Haus auch nicht zu retten. Wer, so fragt man sich, hat in diesem Chaos gelebt? Und vor allem, wie?

Sie heißt Luise P. und ist 90 Jahre alt. Und es fällt schwer, sich die kleine alte Dame, die in einem Rollstuhl sitzt, in dem Chaos vorzustellen, das einmal ihre Wohnung war. Denn Luise P. ist, wenn man ihr eine Weile zuhört, eine nette alte Dame, die für ihre 90 Jahre geistig noch erstaunlich fit ist. Dass man ihre Worte erst bei genauem Hinhören versteht, liegt an dem Schlaganfall, den sie erlitten hat. Doch sie hat helle Augen und einen wachen Blick. Inzwischen lebt sie in einem Pflegeheim. Sie wurde, als klar war, dass sie verhältnismäßig fit ist, auf eine normale Station verlegt, in ein Doppelzimmer. Seitdem man ihr nach einer Entzündung ein Teil ihres Beines abnehmen musste, sitzt sie im Rollstuhl.

Wenn man Luise P. nach ihrer Wohnung fragt, nach dem Chaos in den Zimmern, dann blickt sie nach unten und sagt Sätze wie: „So schlimm war es doch gar nicht.“ Doch, es sah schlimm aus. „Naja, ich konnte irgendwann nicht mehr so wie ich wollte, aber um die Tiere habe ich mich gekümmert.“

Aber sich selbst haben Sie dabei vergessen? „Naja, das habe ich wohl ein bisschen.“ Das Thema ist ihr sichtlich unangenehm. Sie mag andere Dinge erzählen aus ihrem Leben, das immerhin bereits 90 Jahre zählt.

Sie hat den Zweiten Weltkrieg erlebt, den Feuersturm in Hamburg, als die Brandbomben der Alliierten die Hansestadt innerhalb weniger Stunden in Schutt und Asche legten. „Die Menschen sahen aus wie aus Papier“, sagt Luise P. „Dabei waren sie schon tot.“ Immer wieder tauchen die Bilder in ihren Erzählungen auf. Sie hat, so erzählt sie, zwei Mädchen aus dem Inferno gezogen. Sie, die nie geheiratet und keine eigenen Kinder hat. Die Krankenschwester aus Hamburg.

Und wie kam es nun zu der Situation in ihrem Haus? „Ach das“, winkt sie ab mit ihren Händen, die ungewöhnlich weich sind. „Das war doch nur zum Schluss.“

Es gehe ihr besser jetzt, sagt sie. Und einen Traum hat sie noch. „Eine kleine Wohnung, damit ich meinen Hund wieder haben kann.“ Im Heim bleiben, möchte sie nicht. „Das hat noch Zeit. Ich brauche doch nur eine kleine Wohnung mit Betreuung.“ Und ihre Tiere.

So chaotisch es in ihrer alten Wohnung auch aussah, die Futternäpfe für die Tiere standen bis zum Schluss fein säuberlich aufgereiht. Vermutlich hatten die Katzen und der Hund regelmäßiger zu Essen als Luise P. selbst. Doch darüber mag sie nicht sprechen.

Dafür kann sich Marianne Plogsties noch ziemlich gut an die Tiere und die Situation in der Wohnung der 90-Jährigen erinnern. Mehrere Stunden hat die 33-Jährige gebraucht, um die Katzen einzufangen.

„Und das in dieser Wohnung. Das war nicht gerade einfach.“

Marianne Plogsties ist Betreuerin und arbeitet im Auftrag der Caritas. Sie kommt ins Spiel, wenn Menschen Hilfe brauchen, mit Behörden und ihrem Leben nicht mehr zurecht kommen. Luise P. gehört zu ihren Fällen. Die 33-Jährige hat Olly beauftragt, Ordnung in der Wohnung zu schaffen. Es ist nicht der erste Auftrag, den der 41-Jährige von der Caritas erhält. Aber Luise P. ist schon etwas Besonderes.

Die 90-Jährige war bereits in die Klinik eingeliefert worden, als Marianne Plogsties eingeschaltet wurde. Die Ärzte und Pflegekräfte wissen, an wen sie sich wenden müssen, wenn Fälle wie jener von Luise P. bei ihnen auftauchen. Der letzte Rettungsanker. „Wir kommen meistens erst dann ins Spiel, wenn es geknallt hat, es eine Krise gab. Dann schauen wir, wie es weitergehen kann.“ Rein theoretisch sind die Betreuer dafür da, um Anträge zu stellen, den Klienten bei Behördengängen zu unterstützen. Praktisch sind sie Zuhörer, Seelsorger, bisweilen auch Lebensretter. Oder auch hilflos.

„Wenn jemand so leben möchte, wie er es für richtig hält und es keine akute Gefährdung gibt, dann müssen wir auch das akzeptieren.“ Einfach ist das nicht immer. Die Schicksale, die die 33-Jährige und ihre Kollegen zu sehen bekommen, sind so genannte „schwere Fälle“. Die „leichten“ übernehmen die Ehrenamtler. „Ich habe zum Glück eine Familie, bei der ich abschalten kann. Ich komme nach Hause und dann ist es weg“, sagt die junge Frau. „Sonst wird es schwer in dem Job.“ Zurück zu Luise P.

„Sie wird hoffentlich wieder die nette alte Dame, die sie einmal war, dann geben wir die Betreuung ans Ehrenamt ab“, hofft Marianne Plogsties. Sie weiß um den Wunsch der 90-Jährigen, die ins betreute Wohnen möchte, raus aus dem Heim. Realistisch? „Das lässt sich schwer sagen, man muss abwarten. Meistens verkennen die Menschen, die in einer solchen Situation gelebt haben, die Realität, sobald sie wieder in einer eigenen Wohnung sind, geht es wieder von vorn los.“ Ob Luise P. solch ein Fall ist, lässt sich schwer sagen.

Wenn sie von ihrem Leben erzählt, sogar lächelt, dann möchte man es ihr wünschen. Auch mit ihren 90 Jahren.

Für die Betreuerin der Caritas ist die alte Dame einer von mehreren Dutzend Fällen, um die sie sich kümmert. An Arbeit mangelt es den Betreuern nicht.

 „Wenn ich durch die Stadt gehe, und ich sehe um diese Jahreszeit gelbe, verräucherte Fenster ohne Weihnachtsschmuck, dann weiß ich, wo die Armut zu Hause ist.“ Wenn sie einen neuen Fall beispielsweise auf dem Dorf bekommt, dann „muss ich nicht lange suchen. Meistens ist es ein Haus, das ziemlich allein liegt, oder die Wohnung im Block. Da hat man einen Blick für, leider“.

Und nicht immer ist es bittere Armut, die zu Problemen führt. „Es gibt auch Fälle, in denen die Leute jahrelang Wohngeld beantragt und auch erhalten haben, aber auf dem Konto liegt eine sechsstellige Summe.“ Aber das ist die Ausnahme. Luise P. verfügt immerhin über ihre Rente, davon wird die Entrümplung ihrer Wohnung bezahlt.

Olly wischt den Staub von der alten Bibel, die inmitten des Chaos in der Wohnung von Luise P. lag. Das Buch ist in einem erstaunlich guten Zustand. Er legt es zu den Gegenständen, die zu Luise P. ins Heim gebracht werden. Alles andere wandert in den Container der Abfallwirtschaft. Stück für Stück, Geschichte für Geschichte.

Single-Haushalte
In mehr als jedem dritten Haushalt (etwa 37 Prozent) wohnt nur ein Mann oder eine Frau. Das geht aus den Daten des Statistischen Bundesamtes hervor. Besonders oft (42 Prozent) wohnen Alleinlebende in Großstädten. Nur wenige entsprechen dem Idealtyp des jungen Menschen, der aus freien Stücken allein lebt: Lediglich etwa jeder sechste Alleinlebende (knapp 18 Prozent) ist jünger als 30 Jahre, mehr als ein Drittel (34 Prozent) ist dagegen im Rentenalter (älter als 64 Jahre).
Ein Großteil der Bevölkerung lebt in Haushalten zu zweit oder zu dritt, dabei sind Zweipersonenhaushalte (33,2 Prozent aller Haushalte) mehr als doppelt so häufig wie Dreipersonenhaushalte. In 60,3 Prozent der Haushalte leben Familien zusammen, die meisten haben ein Kind.

Michael Prochnow

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