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Nordwestmecklenburg „Der Klützer Winkel ist eine der schönsten Gegenden der Welt“
Lokales Nordwestmecklenburg „Der Klützer Winkel ist eine der schönsten Gegenden der Welt“
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20:19 07.08.2015
Mathias Brodkorb bevorzugt zur Abkühlung im Urlaub den Badeteich des Gutshauses in Stellshagen. Quelle: Annett Meinke

Stellshagen — Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) ist im Urlaub und tiefenentspannt. In karierter Sommerhose, mit einem Glas Weißwein in der Hand erscheint er zum Sommer-Interview mit den Lübecker Nachrichten im Park des Gutshauses Stellshagen.

Lübecker Nachrichten: Schön, Sie wieder im Klützer Winkel zu sehen!

Mathias Brodkorb: Ja, in Stellshagen Urlaub zu machen, ist für meine Familie und mich inzwischen wie nach Hause zu kommen.

LN: Heißt das, es ist nicht davon auszugehen, dass sich das ändert?

Brodkorb: Ja, das heißt es. Wir kommen seit über zehn Jahren sehr gerne hierher. Der Klützer Winkel ist eine der schönsten Gegenden der Welt. Das Zimmer fürs nächste Jahr ist schon wieder gebucht.

LN: Können Sie im Urlaub Pause machen vom Minister Brodkorb?

Brodkorb: Inzwischen schon. Der erste Urlaub in meiner Amtszeit war eine Katastrophe. Wissen Sie, was mein größter Fehler war? Dass ich hier lokale Zeitungen gelesen habe. Manche Abgeordnete nutzen das Sommerloch, um schnell ein paar Themen zu lancieren. Ich habe damals stundenlang telefoniert, um dagegenzuhalten. Diesen Fehler habe ich nicht wieder gemacht. Im Sommer haben die Schulen Ferien, es passiert nicht viel. Es handelt sich nur um Schattenspiele, und ich beteilige mich daran nicht mehr.

LN: Trifft Sie negative Berichterstattung?

Brodkorb: Natürlich berührt mich das. Ich mache meine Arbeit für andere Menschen, und wenn mich deren Meinung nicht mehr interessierte, wäre ich fehl am Platz. Was ich schade finde, ist die Tendenz, alles zu zerreden. Vor anderthalb Jahren haben wir zum Beispiel noch darüber diskutiert, dass über 100 Schulleiterstellen nicht dauerhaft besetzt sind. Jetzt sind wir, wenn meine Mitarbeiter richtig liegen, nur noch bei 14 von über 1 000 existierenden Schulleitungsstellen im Land, die nicht dauerhaft besetzt sind. Anstatt zu sagen: Wunderbar, wir nähern uns der Lösung des Problems — wird jetzt in Schwerin zwischen Regierung und Opposition darüber debattiert, warum das Problem gelöst ist.

LN: Auch eine Art von Schattenspiel, wie Sie es vorhin erwähnten?

Brodkorb: Sehen Sie, wir brauchen die Diskussion zwischen Parteien um die besten Konzepte. Aber was wir manchmal in Schwerin treiben, erinnert mich eher an den alten Clausewitz (Anm. d. Red.:

Carl von Clausewitz, 1780-1831, Militärtheoretiker), nur umgekehrt: Die Politik scheint dann die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Statt mit Waffen schlagen wir mit Worten aufeinander ein.

Wozu?

LN: Klingt nach Desillusion?

Brodkorb: Ja, da ist etwas dran, menschlich gesehen jedenfalls. Ein bisschen weniger Eitelkeit und mehr geräuschlose Arbeit an der Sache für die Menschen im Land würde allen Politikern gut zu Gesicht stehen. Ich war 25 Jahre alt, als ich in den Landtag kam. In den Jahren 2002/2003 hatten wir über eine Milliarde Euro neue Schulden in einem einzigen Jahr. Die ehemalige Finanzministerin Sigrid Kehler hat immer gesagt: Leute, es wird nicht besser, guckt euch die Bevölkerungszahlen an, es werden immer weniger. Das heißt, wir bekommen immer weniger Geld vom Bund. Da fragt man sich als junger Politiker: Was ist, wenn wir durch unsere heutigen Entscheidungen alles zugrunde richten, wovon wir in der Zukunft noch leben müssen?

LN: Sie sehen also keine Alternativen zur Sparpolitik?

Brodkorb: Nur dann, wenn man im griechischen Weg eine Alternative sieht und seinen Kindern und Enkeln die eigenen Probleme aufhalsen will. Dafür stehe ich nicht zur Verfügung. Man kann es auf einen Punkt bringen: Wir hatten zur Wende knapp zwei Millionen Einwohner. Wir werden nach demografischen Prognosen, und da ist schon bis zu einem gewissen Maß Zuwanderung eingerechnet, im Jahr 2060 nur noch bei etwa der Hälfte liegen. Wir müssen, ob wir wollen oder nicht, immer klüger mit dem Geld umgehen. Politiker, die in diesem Land etwas anderes erzählen, sagen nicht die Wahrheit. Und sie wissen das auch!

LN: Die Bevölkerung hat den Eindruck, dass bereits genug gespart worden sei.

Brodkorb: Es geht nicht nur ums Sparen, sondern auch darum, mit dem vorhandenen Geld klug umzugehen. Es ist schließlich nicht unser Geld, sondern das der Steuerzahler. Ein Beispiel aus der Kultur: Wir haben zwar vier Orchester, aber keines ist groß genug, um eine große Sinfonie spielen zu können. Also wollten wir, dass sich z. B. die beiden Orchester in Schwerin und Rostock für ein paar Aufführungen im Jahr zusammenschließen. Da führt leider im Moment kein Weg hin. Ich weiß aber, dass der Schweriner Intendant mit dem aus Lübeck genau über eine solche Kooperation verhandelt. Sie versuchen, ihre beiden Kapellen zusammenzubringen und große Sinfonien in Lübeck und Schwerin zu spielen. Solche Gespräche sind also zwischen Lübeck und Schwerin möglich, aber zwischen Schwerin und Rostock nicht. Das finde ich wirklich absurd.

LN: Die Zahl der Flüchtlinge, die auch nach MV kommen, wird vermutlich noch steigen. Ist Zuwanderung ein Mittel, dem Bevölkerungsschwund entgegenzuwirken und damit irgendwann auch wieder mehr Bundesmittel zu erhalten?

Brodkorb: Zunächst einmal kostet die Integration von Einwanderern Geld. Doch selbst wenn das alles funktionieren würde, um den Bevölkerungsschwund im Land aufzuhalten, bräuchten wir bis 2060 schrittweise etwa eine halbe Million Einwanderer. Ich glaube, dass gut organisierte Einwanderung uns ein Stück weit helfen kann. Aber das funktioniert nur, wenn das alle wollen und alle mitmachen.

Ohne Einwanderung lässt sich am Bevölkerungsschwund jedenfalls nichts ändern und damit nichts an der Notwendigkeit zur Sparsamkeit.

LN: Ist der Bildungssektor auf die Flüchtlinge vorbereitet?

Brodkorb: Ja, ich bin mit dem Verlauf im letzten Schuljahr zufrieden. Es gab eine Verdopplung der Zahl der Kinder mit nichtdeutscher Herkunftssprache, die auch Intensivkurse in Deutsch erhalten. Es lief bisher relativ gut. Wir haben bewusst zusätzliche Lehrerstellen zurückgehalten, die wir sofort ausschreiben konnten, als Handlungsbedarf bestand. Natürlich läuft nie alles reibungslos, aber gemessen daran, was in anderen Bundesländern passiert, sind wir sehr gut organisiert. An dieser Stelle möchte ich besonders allen Lehrkräften danken, die sich dabei mit viel Herz und Engagement einbringen. Auch wenn es nicht immer ganz einfach ist.

LN: Zum Abschluss noch eine Frage: Fahren Sie zum Baden manchmal auch an die Ostsee?

Brodkorb: Nein, das ist mir zu voll. Ich mag die Ostsee sehr gerne, am liebsten im Winter und Herbst, aber in der traditionellen Urlaubszeit ist es mir dort einfach zu unruhig. Hier gibt es einen wunderschönen Badeteich, den nutze ich mit meiner Tochter gerne zur Abkühlung.

LN: Dann wollen wir Sie bei den Temperaturen auch nicht länger davon abhalten. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Minister.

Zur Person
Mathias Brodkorb (SPD) wurde 1977 in Rostock geboren. Seit 2011 ist er Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur in Mecklenburg-Vorpommern.

Interview von Annett Meinke

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