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Der große Gebietstausch vor 70 Jahren: Die Angst war fast unermesslich

Das Barber-Lyaschenko-Abkommen und seine Folgen (Teil 3). Der große Gebietstausch vor 70 Jahren: Die Angst war fast unermesslich

Nur wenige Menschen blieben beim Gebietstausch — Ihre Furcht vor den Russen war groß — Sie behielten die Heimat und verloren die Freiheit — 1761 Flüchtlinge: Am Westufer des Schaalsees gab es viele, die ihnen halfen.

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Elisabeth Buth gehört zu den wenigen, die in Lassahn blieben. 21-jährig hatte sie enorme Angst vor den Russen. Doch die waren freundlich.

Ratzeburg. Sie hatten die Wahl: 1761 Menschen entschieden sich, zu gehen, und verließen im November 1945 die Gemeinden am Ostufer des Schaalsees und um Dechow und Thurow und somit die russische Zone. Nur 278 blieben. Elisabeth Buth gehört zu den wenigen Bürgern, die in Lassahn blieben, 21jährig stand sie damals mit ihrer Oma ganz alleine da. Seit Generationen lebte ihre Familie von der Landwirtschaft. Bereits im Juli 1945 kursierten intensive Gerüchte, dass „der Russe“ kommen sollte. Ihr Vater gab der Tochter kurz vor seinem Tod den Spruch mit auf ihren Lebensweg „Freiwillig verlässt man die Heimat nicht!“ Als der Aufruf zur Räumung kam, entschied sie sich für Lassahn. Die Anordnungen der britischen Militärregierung, fast alle Güter zu evakuieren, trafen auch diejenigen, die bleiben wollten. Auch sie mussten nahezu alles abgeben. Außerdem wuchs die Angst vor den Russen, eindringliche Warnungen der Nachbarn taten ihr Übriges. Zwei bis drei Tage waren die Dörfer nach dem Abzug der Engländer am 26. November so gut wie vogelfrei - die englischen Soldaten waren fort und die russischen noch nicht da. In dieser Zeit wurde geplündert, was nicht niet- und nagelfest war.

Als die russischen Soldaten am 29. November nach Lassahn kamen, war die Angst bei Elisabeth Buth fast unermesslich. Die Soldaten richteten sich in der alten Schule ein und führten erst mal eine Bestandsaufnahme durch. Sie zogen von Haus zu Haus und kamen natürlich auch zu Elisabeth. Mit Tränen in den Augen beschrieb sie noch 60 Jahre später ihre unvorstellbare Angst, als die Soldaten das Haus betraten. Aber es passierte nichts, im Gegenteil, sie waren eher freundlich. Neue Nachbarn wurden die ihrerseits vertriebenen Sudentendeutschen, die in den weitestgehend verlassenen Dörfern angesiedelt wurden.

Nach der Grenzöffnung 1989 kamen schon bald die ersten Besucher aus dem Westen. Nach dreißig bis vierzig Jahren, die man sich nicht begegnet sei, war es eigentlich nur unendlich traurig. So viel Zeit, die sie trennte, ohne wirklich zu wissen, wie es dem anderen ergangen war.

Angst davor, was die Russen befehlen würden

Anders verhielt es sich mit dem Erlebten in den ehemals mecklenburgischen Gemeinden, wie etwa in Mechow. Der im November 1945 elf Jahre alte Helmut Haack hatte die Monate vom Sommer bis zum Winter 1945 noch deutlich vor Augen. Nach dem Krieg waren auch in Mechow alle Häuser bis unter das Dach mit Flüchtlingen gefüllt.

Die Zeit, in der die Russen das Sagen hatten, war vor allem eine unsichere Zeit, häufig wusste man nicht, was sie im nächsten Moment befehlen würden oder wen sie einfach festsetzten und verschleppten. Der ängstliche Respekt vor den Soldaten war gerade bei den Kindern groß. Gemeinsam mit den Kindern der Flüchtlinge, die überwiegend aus Ostpreußen kamen, besuchte man die Schule oder spielte auf den Feldern in der Umgebung. Die Berichte der geflüchteten Kinder, die den langen Treck vom Osten, zum Teil über das Eis der Ostsee miterlebt hatten oder Zeuge von Erschießungen am Wegesrand geworden waren, prägten sich auch den einheimischen Kindern deutlich ein.

Als das Abkommen über den Gebietsaustausch bekannt wurde, ordneten die Russen an, sämtliche Ernteerträge, das Viehfutter und Lebensmittelvorräte nach Schlagsdorf und Schlagbrügge zu bringen. Tag und Nacht hatten die Einwohner von Ziethen, Mechow, Bäk und Römnitz die geforderten Güter in die russische Besatzungszone zu fahren, festgeschriebene Vorgaben mussten erfüllt werden.

Als die Engländer einzogen, galt es erst einmal, die Versorgung wieder in Gang zu bringen. So groß die Erleichterung über die Folgen des Gebietsaustauschs auch war, von der russischen zur englischen Besatzungszone zu gelangen, so einschneidend war auch die Trennung vom traditionsmäßigen Hinterland.

Von Menschen, die den Flüchtlingen halfen

Sie standen am westlichen Schaalseeufer, um zu helfen oder fuhren in die lauenburgischen Austauschgebiete hinein, um mit anzufassen. Einer von ihnen war Jochen Möller aus Rosenhagen bei Kittlitz. Er war damals 17 Jahre alt und erzählte:

„Kittlitz hatte den Befehl, Groß Thurow leer zu fahren, während Mustin Dechow und Klein Thurow zu räumen hatte. Durch die vielen Flüchtlinge, die auf den Dörfern waren, hatte man genügend Arbeitskräfte, denn alle Scheunen lagen noch voll von ungedroschenem Getreide und so wurde in Tag- und Nachtschichten mit allen zur Verfügung stehenden Maschinen gedroschen. Auf dem Speicherboden in Groß Thurow lagerten schon einige tausend Zentner Getreide. Mit zehn bis zwölf Mann wurde das Korn tagelang in Säcke der Firma Rautenberg geschaufelt und auf Lastwagen verladen. Danach wurden Wohnungen ausgeräumt und die Bewohner über das ganze Kreisgebiet verteilt. In den Häusern blieb nichts, Fenster und Türen kamen mit, sowie Lichtschalter und Leitungen wurden abgebaut. Am vorletzten Tag wurde nun das gesamte Vieh abgetrieben und dort, wo nur eine Scheune oder ein Loch frei war, erst mal untergebracht.

Viel schlimmer war der Abtransport der Dörfer hinter dem Schaalsee. Auf der Insel (Stintenburg) und in Groß Zecher wurden in aller Eile Anlegerampen gebaut, die Engländer stellten riesige Pontons zur Verfügung, die Überfahrt wurde mit Scheinwerfern beleuchtet, damit Tag und Nacht gearbeitet werden konnte.

Nach dieser Gewaltaktion waren die Dörfer total überfüllt. Im Protokoll der Gemeinde Kittlitz steht, dass die Einwohnerzahl bei 275 Einheimischen jetzt 1100 beträgt (November 1945). In den nächsten Wochen wurden dann doch viele Familien in andere Dörfer des Kreises umgesiedelt. Aus Ziethen und den anderen Dörfern waren die Russen abgezogen und wir konnten wieder die Straße nach Ratzeburg benutzen.“

Evakuierung über den Schaalsee rund um die Uhr

Otto Brandt war im Herbst 1945 Landwirtschaftslehrling auf Gut Kehrsen. Da sein Vorgesetzter früher einmal auf dem zu evakuierenden Gut Stintenburger Hütte als Inspektor gearbeitet hatte, bekam dieser von offizieller Seite den Auftrag, sich um einen effektiven und ordnungsgemäßen Ablauf bei der Evakuierung vor Ort zu kümmern.

Tag und Nacht wurde in Schichten gedroschen, sobald schichtfrei war, zog Brandt sich die Decke über den Kopf und schlief im Stroh. Zu essen gab es immer reichlich, da viel geschlachtet wurde. Um den Transport zu beschleunigen, nutzte man jede Möglichkeit für das Übersetzen über den Schaalsee. So wurde das Korn auch auf englische Schwimmautos geladen, die allerdings nur drei Tonnen trugen.

Neben dem Dreschen hatten sie sich aber auch um das zahlreiche Vieh zu kümmern, das für den Transport sortiert werden musste. In Groß Zecher baute man direkt bei der Anlegestelle einen großen Cral, in dem das Vieh nach dem Übersetzen zunächst gesammelt wurde, um dann weiterverteilt zu werden. Um die Tiere dorthin zu treiben, nutzte man die Nacht, vor allem um die Straßen und Wege über Tag nicht durch Viehtransporte zu blockieren.

ENDE und Nachtrag: Auch heute noch verläuft die Grenze zwischen Schleswig-Holstein und Mecklenburg mitten durch den Schaalsee, so wie Engländer und Russen sie vor 70 Jahren gezogen haben, aber durch das Biosphärenreservat Schaalsee und den Naturpark Lauenburgische Seen wird die Region längst wieder als einheitlicher Naturraum wahrgenommen und erfreut sich bei Touristen zunehmender Beliebtheit.

Unsere Autorin
Cordula Bornefeld (58, Foto), Dipl. Archivarin, FH Marburg, Staatsarchiv Münster, seit 1993 Leiterin des Kreisarchivs Ratzeburg.


Vor zehn Jahren hat sich Bornefeld auf Spurensuche begeben und nach Zeitzeugen gesucht, die den Gebietsaustausch im November 1945 erlebt hatten.

Ihre Geschichten sind in der 2005 erschienenen Publikation „Oma war beim Buttern, als die Nachricht vom Gebietsaustausch kam . . .“ festgehalten. Sie wollte den Menschen eine Stimme geben, die das Schicksal ein halbes Jahr nach Kriegsende erneut traf. Die Erinnerung an das tiefgreifende Ereignis für die Region möchte sie wachhalten.

Cordula Bornefeld

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