Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Nordwestmecklenburg Die Ostarbeiter aus Grevesmühlen
Lokales Nordwestmecklenburg Die Ostarbeiter aus Grevesmühlen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:06 19.12.2017
Die Aufnäher „OST“ mussten jene Zwangsarbeiter tragen, die aus der Sowjetunion nach Deutschland gebracht wurden. Quelle: Foto: Archiv Grevesmühlen
Grevesmühlen/Wismar

Es ist ein heikles Thema in Grevesmühlen. Auch wenn es über 70 Jahre zurückliegt, öffentlich sprechen mag kaum einer der Unternehmer, der heute noch eine Firma führt, die in der Zeit bis 1945 Zwangsarbeiter – oder wie es damals hieß „Ostarbeiter“ – beschäftigt hat. Dabei war die Anzahl der Männer und Frauen, die von 1941 bis zum Kriegsende in der Region lebten und arbeiteten, beachtlich: 431 sind es nach der Recherche von Alexander Rehwaldt, Archivar der Stadt Grevesmühlen.

 

Wir verfügen über zahl- reiche Unter- lagen zum Thema Zwangs- arbeiter. Alexander Rehwaldt Archivar

Im Archiv der Stadt lagern nicht nur Listen und Anweisungen aus der damaligen Zeit, auch die originalen Aufnäher, die die Zwangsarbeiter tragen mussten, besitzt die Stadt noch. Sie werden ab Freitag neben vielen anderen Ausstellungsstücken im Wismarer Museum „Das Schabbell“ zu sehen sein, das nach aufwändiger Sanierung wieder eröffnet wird. „Es ist eine gute Sache, dass unsere Ausstellungsstücke dort gezeigt werden“, freut sich Alexander Rehwaldt. „Schließlich ist es ein Stück Geschichte, das sehr wichtig für unsere Stadt und die Region ist.“ Die Grevesmühlener Originale gehören zur Ausstellung über die Wismarer Zwangsarbeiter im „Schabbell“. Dort wird deutlich, dass zahlreiche Unternehmen und Institutionen von der Rekrutierung von Arbeitskräften in den besetzten Gebieten profitiert haben. Denn neben den privaten Firmen griffen auch das Amtsgericht, Stadt- und Kreisbehörden auf die billigen Arbeitskräfte zurück. Grevesmühlen machte dabei keine Ausnahme.

Franzosen, Belgier und Holländer arbeiteten in der Malzfabrik, Polen beim Telegrafenbauamt, Russen bei der Bahn. Nahezu jedes Unternehmen in Grevesmühlen taucht in der Liste auf, ebenso wie die Namen der Zwangsarbeiter, deren Herkunft und die Dauer ihres Aufenthaltes.

Gekennzeichnet waren die Männer und Frauen durch Aufnäher auf der Kleidung – allerdings nur jene, die aus Osteuropa stammten. Polnische Männer und Frauen mussten ein „P“ tragen, alle übrigen ein „OST“. Per Anweisung, auch dieses Schriftstück befindet sich im Original im Stadtarchiv, wurde im Juni 1942 mitgeteilt, dass „die neu hereingekommenen Arbeitskräfte aus dem altsowjetrussischen Gebiet während ihres Aufenthaltes im Reich auf der rechten Brustseite eines jeden Kleidungsstückes ein mit diesem fest verbundenes Kennzeichen stets sichtbar zu tragen haben“. Die Anweisung hatte der Landrat aus Schönberg erlassen, eingegangen war das Schriftstück am 26. Juni 1942 beim Bürgermeister der Stadt Grevesmühlen. Warum lediglich die Ostarbeiter den Aufnäher tragen mussten, geht aus der Anweisung nicht hervor. Dass das Thema allerdings in Grevesmühlen auch 70 Jahre nach Kriegsende für Diskussionen sorgt, belegt eine Umfrage der OZ. Die Redaktion hatte das Thema im Jahr 2004 aufgegriffen, als bekannt geworden war, dass die ehemaligen Zwangsarbeiter eine Entschädigung erhalten könnten.

Eingezahlt in den Fonds hatten die Bundesregierung sowie Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt hatten. Auch aus dem Nordwestkreis haben Unternehmen dort Geld eingezahlt, das bis 2006 an die Betroffenen ausgezahlt wurde. Rund 2500 Euro erhielten jene Männer und Frauen, die nachweisen konnten, dass sie damals in Deutschland arbeiten mussten. Aus Grevesmühlen taucht allerdings keine Firma in der Liste auf. Auch die Stadtverwaltung beziehungsweise die Stadtvertreter konnten sich damals nicht durchringen, sich an der Entschädigung zu beteiligen. Der Grund: Der Städte- und Gemeindetag hatte damals öffentlich erklärt, dass der Bund mit seiner Zahlung bereits für die Kommunen diese Schuld beglichen habe.

 Michael Prochnow

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!