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Die Suche nach Karin Grabowskis Mörder

Ungelöst: Ein mysteriöser Kriminalfall aus dem Jahr 1979 Die Suche nach Karin Grabowskis Mörder

1979 verschwand Krankenschwester Karin Grabowski auf dem Weg von Bernstorf nach Grevesmühlen. Tage später wird die Leiche der jungen Frau entdeckt. Der Mörder wird nie gefunden. Was bleibt, ist ein Verdacht.

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Daten und Fakten

Im Meierstorfer Forst zwischen Grevesmühlen und Sternkrug wurde die Leiche der jungen Frau gefunden.

Quelle: Fotos: Archiv

Grevesmühlen. Der Kriminalfall „Karin Grabowski“ gehört zu den ungelösten Mordfällen in Grevesmühlen. Tatsache ist, dass die junge Frau einem Gewaltverbrechen zum Opfer fiel. Drei Jahre nach der Tat wird ein Unschuldiger verurteilt, Werner Engler. Zwar wird Engler kurz darauf freigesprochen, doch in der damaligen DDR zählt die Freilassung nicht viel. Für die Menschen in Grevesmühlen ist und bleibt er der Mörder.

LN-Bild

1979 verschwand Krankenschwester Karin Grabowski auf dem Weg von Bernstorf nach Grevesmühlen. Tage später wird die Leiche der jungen Frau entdeckt. Der Mörder wird nie gefunden. Was bleibt, ist ein Verdacht.

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Die Serie

Die bedeutendsten Kriminalfälle aus der Region werden an dieser

Stelle noch einmal beleuchtet.

Zeitzeugen berichten über ihre

Eindrücke von damals.

Bis Mitte der 1990er Jahre der Polizist Olaf Claus die Akten hervorholt und seine Ermittlungen beginnt. Die Ergebnisse offenbaren ein Konstrukt aus Verbindungen zwischen der Polizei und der Staatssicherheit. Claus ermittelt einen Verdächtigen, doch bevor es zum Prozess kommt, stirbt der Mann. Sein Geheimnis nimmt er mit ins Grab. Die LN haben mit dem damaligen Ermittler Olaf Claus über den spannenden Fall gesprochen.

 

Wie war ihre Reaktion auf den Fall damals?

Olaf Claus: Es war 1979. Ich war sehr überrascht, weil ein Mord in im Landkreis Grevesmühlen ein sehr seltenes Ereignis war. Es war ein Verbrechen, das für sehr viel Unruhe gesorgt hat.

Das Opfer, eine junge Frau aus Grevesmühlen, war bekannt. Sie war Krankenschwester, und man hat sie oft gesehen in der Öffentlichkeit. Und dann hörte man plötzlich so etwas. Ich war zu dieser Zeit in Rostock zum Wehrdienst, habe im Urlaub in Boltenhagen davon gehört.

Wie sind Sie als Kriminalbeamter mit dem Fall in Berührung gekommen?

Ich habe von meinem damaligen Kommissariatsleiter in Schwerin einen Stapel Akten bekommen. Ich glaube, es waren insgesamt 13 Bände Ermittlungsakten mit über 1000 Seiten. Und dann hat er mich gefragt, ob ich diesen Fall kenne. Ich habe ihm erklärt, dass ich schon davon gehört hatte. 

Warum wurden die Akten wieder hervorgeholt?

Ein Kollege hat damals einen Tipp gegeben, deshalb haben die Ermittlungen wieder begonnen. Er hatte mir auch vorher bereits von seinem Verdacht erzählt, weil er wusste, dass ich aus der Gegend bin.

Man kannte sich halt. Und eines Tages lagen die Akten dann auf meinem Tisch.

 

Was war ihre erste Spur?

Erst einmal hatte ich diese umfangreichen Ermittlungsbände vor mir. Ich ahnte damals nicht, dass es es wesentlich mehr Bände geben wird. Dann habe ich alles durchgelesen und nach weiteren Unterlagen geforscht, denn offensichtlich fehlten Unterlagen. Im Berliner Bundesarchiv sowie im Landesarchiv M-V habe ich nachgeforscht. Dann in den Archiven der Landespolizei, der Rostocker Polizeidirektion, in den Außenstellen der Gauck-Behörde in Rostock/Waldeck und Schwerin/Görslow. Also überall, wo ich Unterlagen vermutet habe, war ich in den Archiven und ich bin überall auch fündig geworden. Im Herbst 1999 habe ich dann die fehlenden Ermittlungsakten der Kriminalpolizei bekommen.

 

Wo befanden sich die fehlenden Unterlagen?

Die lagen in der Staatsanwaltschaft Rostock in vier oder fünf Umzugskartons. Vernehmungsprotokolle, Ermittlungsberichte, Bilder, Spuren. Bei einem Umbau fand der damalige Chef der Kriminaltechnik dann noch Bekleidung, die Karin Grabowski gehörte, in einem Keller. Unter anderem wurden auch Haare gefunden. Wir konnten somit einen DNA-Abgleich machen. Die Haare waren weder dem Opfer, noch Werner Engler zuzuordnen.

 

Damals wurde der Freund es Opfers, Werner Engler, verurteilt und später freigesprochen. Was sagen Sie zum Umgang mit Werner Engler?

Ich musste damals die Kriminalisten und Stasi-Mitarbeiter vernehmen, die ihn vernommen haben. Gegen einige wurden dann Ermittlungsverfahren wegen Körperverletzung im Amt eingeleitet. Was ihm angetan wurde, das hat er (Werner Engler, Anm. d. Red.) mir selbst im Beisein seines Anwalts erzählt. Die Auswertung der Vernehmungsprotokolle Englers ergab, dass er mehr als 380 Stunden, nur unterbrochen durch kurze Pausen von ein bis zwei Stunden Dauer, vernommen wurde. Die Vernehmer wechselten sich ab. Ein Vernehmungsprotokoll über eine 18-stündige Vernehmung hatte nur anderthalb Seiten Protokoll. Mir war bewusst, dass da etwas nicht stimmen konnte. Damals war es üblich, jedes Wort zu protokollieren, jede Frage und jede Antwort. Es wurden damals auch Tonaufnahmen gemacht, die waren in diesem Fall aber nicht mehr auffindbar.

Das sind Folter-Methoden, die es offiziell nicht gab, oder?

Zur Ausbildung gehörten während des Studiums auch Seminare in Vernehmungspsychologie. Das heißt, auf das Verhalten der Verdächtigen während der Vernehmung zu achten und darauf zu reagieren. Bei Kapitalverbrechen war es üblich, zehn oder zwölf Stunden einen Verdächtigen mit verschiedenen Kriminalisten zu vernehmen, wenn es Indizien oder Beweise gab, die auf eine Täterschaft hinwiesen.

Gewaltanwendung war jedoch nicht üblich.

Werner Engler berichtete mir, dass ihm Haare ausgerissen wurden, er wurde mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen. Für mich waren diese Schilderungen unglaublich, da ich die Kriminalisten kannte, die ihn vernommen hatten. Er hat sie alle namentlich genannt. 1998, 99’ habe ich dann auch gegen meine ehemaligen Kollegen ermittelt. Ich musste sie vernehmen und ihnen auch den Vorwurf machen, dass sie selbst während der Vernehmung zum Täter geworden waren.

Was hat Engler noch berichtet?

Stutzig wurde ich, als Engler mir von einem Hocker erzählte, bei dem die Bolzen der Beine aus der Sitzfläche herausragten und auf der Sitzfläche mit Schrauben-Muttern befestigt wurden.

Während der Vernehmungen musste er auf diesem Hocker sitzen. Seine Narben hat er mir gezeigt.

Was ist mit den Polizisten passiert, die ihn damals vernommen haben?

Nichts. Die Staatsanwaltschaft in Rostock hat keine Ermittlungensverfahren gegen die Kollegen eingeleitet, weil am 2. Oktober 2000 sämtliche Straftaten (außer Kapitalverbrechen) aus DDR-Zeiten verjährt waren. Das Verfahren habe ich im Juli 2000 abgeschlossen. Dann waren nur noch drei Monate Zeit, um das in die Gänge zu bringen. Die gefundenen Unterlagen in der Rostocker Staatsanwaltschaft wurden vermutlich bewusst zurück gehalten. Die Verantwortlichen wurden von mir im Schlussbericht genannt. Es hatte aber keine Folgen für sie.

Hatten sie Hilfe bei der Aufklärung des Falls?

Ich hatte sehr gute Kontakte zur Stasi-Unterlagen-Behörde. Die Mitarbeiter haben über 40 weitere Bände gefunden. Und dann hatte ich noch einen Kollegen vom damaligen Landeskriminalamt zur Unterstützung bekommen.

Gab es auch einen Punkt der Ermittlungen, wo es überhaupt nicht weiterging?

Nein, ich bin kein Mensch der verzweifelt. Es gibt immer einen Weg, ganz egal was passiert. Es war zwar sehr viel Arbeit, und manchmal habe ich auch schon geglaubt, es geht einfach nicht weiter.

Aber dann gab es wieder einen Hinweis oder in einem Archiv wurde etwas gefunden. Ich hatte ja zwischendurch auch andere Kriminalfälle zu bearbeiten. Jedes Mal, wenn ich unterwegs war, habe ich auch nach diesem Fall gefragt, ob jemand etwas wusste.

Wie sind Sie schließlich auf Rolf K. als Verdächtigen gekommen?

Der Verdächtige war ein Kollege des Vaters des Opfers, der selbst Polizist war. Und er war Jagdleiter. im Jagdgebiet Richtung Bernstorf. Damals wurde er befragt, ob ihm etwas aufgefallen sei.

Er sagte damals, dass er mit seinem Pkw Wartburg zur Jagd gefahren sei, aber zurück nach Grevesmühlen sei er dann über Bernstorf gefahren. Einige Kriminalisten glaubten ihm nicht und versuchten ebenfalls, mit einem Wartburg die Strecke abzufahren. Der Landweg war jedoch unbefahrbar, da er von Traktoren total zerfurcht war.

Bei seiner Befragung gab er sich desinteressiert, er wollte offenbar nichts mit dem Fall zu tun haben, obwohl ihm das Opfer und dessen Vater gut bekannt waren. Das fiel dem Kriminalisten damals auf und er legte eine Akte an, die „Sonderspur K.“. Diese Akte fand ich dann 1999 in den Umzugskartons aus der Staatsanwaltschaft Rostock. Danach konnte ich gezielt Ermittlungen anstellen und habe erfahren, dass diese „Sonderspur K.“ durch einen Kriminalisten an den Leiter der örtlichen Stasi-Dienststelle übergeben wurde, da DDR-Volkspolizisten nicht gegen andere Volkspolizisten ermitteln durften. Das war der Staatssicherheit übertragen worden.

 

Warum ist diese Sache vertuscht worden?

Ich habe mich immer wieder gefragt: Warum deckt jemand einen Mörder? Da kann man nur spekulieren. Damals war es üblich, dass sich „führende Genossen“ zur Jagd im Grenzgebiet verabredeten. Da war man ungestört und es gab eine Jagdhütte, die damals durch die Staatssicherheit Grevesmühlen ausgebaut wurde. Da gab es regelmäßig Feiern und es kann durchaus sein, dass dort Dinge vorfielen, die nicht an die Öffentlichkeit gelangen durften.

 

Wie sehen Sie aus heutiger Sicht den Fall?

Offiziell ist dieser Fall für mich abgeschlossen. Da ich im Jahr 2007 zum Bürgermeister im Ostseebad Boltenhagen gewählt wurde, bin ich aus der Landespolizei entlassen worden. Seit 2014 bin ich im Ruhestand. Ich bin damals von dem Schauspieler Luca Zamperoni gefragt worden, ob ich ihn mit Werner Engler bekannt machen könnte. Er hat in der „Süddeutschen Zeitung“ eine Reportage über ihn und diesen Kriminalfall gelesen. Er hatte auch die Idee zu einem Film, der sich um Werner Engler und sein Schicksal drehen sollte. Ich habe später für das Filmproduktions-Unternehmen als Berater gearbeitet.

Der Fall

28. April 1979: Karin Grabowski

wird vermisst. Die junge Krankenschwester war zu Fuß von Grevesmühlen zum Tanz nach Bernstorf

gegangen. Auf dem Heimweg

verschwand sie spurlos. Eine groß

angelegte Suche nach der Tochter

eines Grevesmühlener Polizisten

beginnt. In der Zeitung erscheint

lediglich eine kurze Suchmeldung, die Bevölkerung wird nicht

informiert.

5. Mai 1979: Die Leiche von

Karin Grabowski wird im Meierstorfer Forst entdeckt. Die Ermittlungen

beginnen.

Mai 1979: Werner Engler,

der am Tatabend als Musiker

in Bernstorf war, gilt als einer der

Verdächtigen. Doch es gibt keine Zeugen, niemand hat die junge

Frau nach dem Verlassen der

Veranstaltung in Bernstorf gesehen. Die Staatssicherheit nimmt Kontakt zu Engler auf, schickt ihn auf die

Dörfer. Er soll helfen, den Mörder

zu finden. Zumindest glaubt

Werner Engler das.

11. September 1979: Verurteilung von Werner Engler zu einer

Freiheitsstrafe von zehn Monaten.

Ende 1979: Engler wurde

aufgrund der Amnestie

anlässlich des 30. Jahrestages

der DDR entlassen.

1981: Die Ermittlungen im Mordfall Grabowski werden vorläufig eingestellt, es gibt keine Spuren. Doch plötzlich taucht ein Brief auf. Eine Postangestellte, mit der Engler

ein Verhältnis gehabt haben soll,

beschreibt dort, wie Engler sie

gezwungen habe, die Leiche von

Karin Grabowski in den Meierstorfer Forst zu bringen.

16. März 1982: Werner Engler

wird in Grevesmühlen verhaftet.

16. März bis 8. September: Engler wird mehr als 350 Stunden verhört.

21. März 1983: Verurteilung wegen Mordes zu einer Freiheitsstrafe

von 15 Jahren, die Postangestellte wegen Beihilfe zu einem Jahr. 8. Juli 1983: Das Oberste Gericht der DDR hebt das Urteil wegen Mängel in

der Beweisführung auf und verweist das Verfahren zurück nach Rostock. In der Berufung werden Engler

und die Postangestellt freigesprochen.

20. Oktober 1883: Freispruch

und Entlassung aus der Haft.

1991: Ungeklärte Mordfälle aus DDR-Zeiten werden wieder aufgerollt, der Fall Grabowski landet

jedoch wieder im Aktenschrank. Obwohl es Hinweise zu Horst K., einem Polizisten aus Grevesmühlen, gibt.

1997: Die Kripo Schwerin holt die

Akten erneut aus dem Schrank.

Der Kripobeamte Olaf Claus setzt sich an den Fall. Schnell stößt er auf Horst K., Polizist und damals Schirrmeister beim VPKA in Grevesmühlen. Der Verdächtige und der Vater des Mordopfers sind Kollegen.

1999: Horst K. stirbt im Alter von

64 Jahren. Das Verfahren wird eingestellt. Ein DNA-Abgleich mit den Kindern des Verdächtigen ergibt, dass die Haare, die an der Jacke

von Karin Grabowski gefunden

wurden, von Horst K. stammen.

Dann wird die Akte geschlossen.

15. April 2000: Der erste Artikel über die Ermittlungen im Mordfall

Karin Grabowski erscheint in den

Lübecker Nachrichten. Der Fall

geht bundesweit durch die

Medien. Der Film „Der Fall Ritter“

entsteht.

Oktober 2000: Gegen vier Polizeibeamte leitet die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Strafvereitelung im Amt ein. Sie

waren an den Verhören mit Engler beteiligt. Die Taten verjähren auf

einer Regelung im Einigungsvertrag Ende 2000.

2005: Werner Engler stirbt.

Michael Prochnow, Jonas Wagner und Jan Kammer

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