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Nordwestmecklenburg Die kleine Revolution
Lokales Nordwestmecklenburg Die kleine Revolution
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20:10 30.06.2017
Gressow/Wittenberg

Am 31. Oktober jährt sich zum 500. Mal der Tag, an dem Martin Luther seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg schlug.

Wahrscheinlich ahnte er selbst nicht, welche weltgeschichtlichen Erschütterungen er mit seinen Hammerschlägen auslösen würde.

Über Beginn und Verlauf der Reformation in unserer näheren Heimat gibt es leider nur spärliche Informationen. Einiges darüber berichten die Jahrbücher des Vereins für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde und ebenso die Kalkhorster Ortschronik.

So erfahren wir von den enormen Schulden des hiesigen Adels bei der Geistlichkeit und den Klöstern. Vornehmlich die kleineren geistlichen Stiftungen der Stadt Lübeck, Vikareien, Kalande und ähnliche Bruderschaften hatten Kapital mit entsprechender Verzinsung vorzugsweise in den adeligen Gütern des Klützer Winkels angelegt. Es gab wohl kein Gut in der Region, welches nicht bei der Lübecker Geistlichkeit verschuldet war.

Anfang des 16. Jahrhunderts waren Zinsen und Schulden seit Jahren unbezahlt. Allein die Schuldverschreibungen der Familie Schosse zu Kalkhorst, Neuenhagen und Dönkendorf, der von Both zu Kalkhorst, der von Brook und von Hoikendorf zu Brook und von Lühe zu Neuenhagen beliefen sich auf etwa 1,8 Millionen Euro nach heutigem Wert. Die Verschuldung der Rittergutsbesitzer des „Klützer Winkel“

insgesamt betrug wohl annähernd 10,7 Millionen Euro. Hinzu kamen die Folgen und materiellen Verluste der „Lübecker Fehde“, einer von 1505 bis 1508 andauernden kriegerischen Auseinandersetzung um Fischereirechte in der Stepenitzmündung.

Der Druck der Gläubiger wurde immer stärker. Wiederholt wurden Forderungen eingereicht oder Vergleiche eingegangen. Aber der hiesige Adel zahlte einfach nicht. Wenn auch später der Adel in ganz Mecklenburg derartige „Neigungen“ verspürte, so trat dies nirgends so früh und krass hervor wie beim Adel des Klützer Winkel. Kein Vertrag wurde eingehalten. Selbst die schriftliche Zahlungsaufforderung der Herzöge Heinrich und Albrecht vom 12. März 1515 an die säumigen Schuldner, die mit einer Vollstreckungsdrohung verbunden war, blieb ohne jegliche Wirkung.

Weder aus Zahlung noch aus Vollstreckung wurde etwas. Die Zinsen und Pachten wurden ganz allgemein zurückgehalten. Die adeligen Rittergutsbesitzer suchten vielmehr nach Mitteln und Wegen, die inzwischen zu horrender Höhe angewachsenen Schulden auf irgendeine Weise gar nicht mehr zu zahlen.

Mitten in diese Situation hinein kam die Kunde von dem revolutionären Mönchs- und Priestertum, das sich schon ein Jahr vor der entscheidenden Tat Luthers da und dort vernehmen ließ. So predigte Nicolaus Russ in Rostock schon 1516 gegen die damaligen Missstände und Auswüchse in der katholischen Kirche.

Joachim Slüter brachte schließlich 1523 die Kunde von Luthers Thesenanschlag von Wittenberg nach Rostock und predigte die neue Lehre.

Nun sah der Adel plötzlich, dass hier eine hervorragende Möglichkeit bestand, das lästige Schuldenjoch abzuschütteln. Das Eintreten für die Reformation wurde ein vornehmes Mittel für diesen Zweck.

Mit Ausnahme von Rostock begann die lutherische Kirchenreformation im abgelegenen Klützer Winkel früher als im übrigen Mecklenburg. Gressow war der erste Ort, von dem die Reformation ihren Ausgang nahm, wo man damit begann, von Lübeck unabhängige Prediger einzuführen.

Dabei wurde so verfahren: Der in Gressow vom Bischof eingesetzte einäugige Pfarrer, mit dem man schon längere Zeit unzufrieden war, und sein Vikar wurden Mitte des Jahres 1526 von Berend von Plessen aus Tressow vertrieben und an ihrer Stelle der bereits lutherische Prediger Thomas Aderpuhl eingesetzt.

Dieser stammte aus Lübeck, wo er lange im Gefängnis gesessen hatte, weil er „zum Aufruhr gepredigt“ hatte. Von Lübeck war er ausgewiesen worden, auch nahm er sich eine Frau.

Sein Beispiel machte Schule, wie aus einem Bericht des Domprobstes J. Mus an Bischof Georg v. Blumenthal vom 20.Dezember 1526 zu erfahren ist: „De papen im klützer orde stellen sich seltsem aen, nemen wiber, schelden up de hillighen missen, papen unde moneke“. Die Reformation im Klützer Winkel machte nun rasche Fortschritte.

Währenddessen bat im Jahre 1528 der Stadtrat von Lübeck im Namen der sehr in Not geratenen Vikare um Vollstreckung der gegen den Adel erlassenen Bescheide und zugleich darum, dass die mecklenburgischen Herzöge „ diejenigen, die gegen die papheidt (Geistlichkeit) streben würden “, zurechtweisen. Inzwischen aber konnte der neue Prediger Aderpuhl auch in seiner neuen Stellung nicht mehr leben, ohne durch seinen Fanatismus aufzufallen. Anfang Dezember 1529 hielt er wieder eine seiner „kommunistischen“ Predigten („ alle Dinge über, unter und in der Erde, Holzung, Wasser, Weide und Jagd seien einem jeglichen gemein und Niemand sonderlich zuständig...“).

Dies erregte so großes Aufsehen, dass es sogleich dem Bischof berichtet wurde. Der schickte sofort Reiter und Fußvolk, und schon in der nächsten Nacht nach dieser Predigt wurde Aderpuhl verhaftet und gefesselt nach Schloss Schönberg geführt. Hier wurde er „ in schweres, hartes, verderbliches Gefängnis gesetzt und lange darin gehalten, so dass man lange nicht anders gewusst habe, als dass er darin umgebracht oder verdorben sei “

Der Herzog, vom Adel angerufen, forderte vom Bischof die Herausgabe des Inhaftierten an das weltliche Gericht, was der Bischof mit dem Hinweis verweigerte, dass die Geistlichkeit ihm unterstünde und ohne seine Genehmigung weltliche Instanzen keine Geistlichen anstellen könnten.

Alle Verhandlungen schlugen fehl. Daraufhin ergriffen die Adligen die Gegenoffensive und griffen die alte Geistlichkeit mit bewaffneter Hand an. Als eigentlichen Gegner sahen sie den Bischof von Ratzeburg an, als geistlichen Oberherrn, an zweiter Stelle den Stadtrat von Lübeck als Landesherrschaft der vielen Stiftungen, an die sie tief verschuldet waren. Von einer Abtragung der Schulden war von nun an natürlich keine Rede mehr.

Die Fortsetzung dieser historischen Aufarbeitung der Reformation in Nordwestmecklenburg lesen Sie in der kommenden Woche.

Manfred Rohde

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