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Nordwestmecklenburg Diskussion um Grenzerfahrungen
Lokales Nordwestmecklenburg Diskussion um Grenzerfahrungen
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12:54 10.02.2016
Im Schlagsdorfer Museum sind die Grenzanlagen zu sehen, mehr als 25 Jahre liegt dieser Teil der Geschichte zurück. Quelle: Archiv
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Schlagsdorf

Ist es moralisch verwerflich zu sagen, dass man als Soldat der DDR-Grenztruppen auf sogenannte Grenzverletzer, also auch DDR-Flüchtlinge, geschossen hätte? Wolfgang Kniep gibt das in seinem Buch „Der Eid“, aus dem er im Grenzhus in Schlagsdorf vorgelesen hat, unumwunden zu. Von 1972 bis 1973 diente er an der Grenze bei Lassahn. Mehr als 40 Jahre später hat er seine Erfahrungen aufgeschrieben und dabei nach Gründen dafür gesucht, weshalb er geschossen hätte. Kniep spricht von psychischem Druck, von seiner Frau und seiner Tochter, die er schnell wiedersehen wollte, was aber nur gegangen sei, wenn er sich als guter Soldat auszeichnete. Und auch Angst und Wut führt Kniep als Gründe für seine Aussage an. Angst vor DDR-Flüchtlingen, deren möglichen Waffen und der Gefahr, selbst verletzt oder getötet zu werden.

Sandra Pingel-Schliemann ist Wissenschaftlerin und Buchautorin. Sie hat mehrere Bücher über die Grenze geschrieben. Eines heißt: „Ihr könnt doch nicht auf mich schießen!“ — Die Grenze zwischen Lübecker Bucht und Elbe 1945-1989.

Darin beschreibt sie die Grenzanlagen, die Grenztruppen, die Überwachung und berichtet über geglückte und misslungene Fluchten. Nach Wolfgang Knieps Buchlesung vor wenigen Tagen sagte sie während einer anschließenden Diskussion, dass sie mit der Aussage des Autors, er hätte auf DDR-Flüchtlinge geschossen, Probleme habe. Für sie steht fest: „Es gab Möglichkeiten sich zu verweigern. Ich finde es schwierig zu sagen, wir hatten keine Wahl. Doch, es gab eine.“ Sie selbst beschreibt in ihrem Buch eine Reihe von Beispielen, in denen Grenzsoldaten nicht auf Flüchtlinge, sondern bewusst danebengeschossen haben. Nach dem Fahneneid, den jeder DDR-Soldat ablegen musste, habe die Pflicht bestanden zu schießen, sagt Pingel-Schliemann. „Aber ich glaube, es war vor allem das moralische Gewissen, das Soldaten hatten, eben nicht auf flüchtende Familien zu schießen.“

Deshalb bittet sie, sagte die Wissenschaftlerin zu Wolfgang Kniep, auch noch einmal kritisch zu reflektieren, was machbar gewesen wäre und was nicht.

Pingel-Schliemann erinnerte vor den rund 50 Zuhörern daran, dass es Ende der 1970er Jahre die Möglichkeit gegeben habe, den Wehrdienst zu verweigern und zu den Bausoldaten zu gehen. Menschen, die sich dafür entschieden hätten, haben sicher aus moralischem Gewissen gehandelt, aber auch ein persönliches Risiko in Kauf genommen. Wolfgang Kniep betonte, dass es ihm fernliege, sich zu rechtfertigen. Er machte Pingel-Schliemann aber darauf aufmerksam, dass er Anfang der 1970er Jahre eingezogen worden war. Die Möglichkeit den Dienst zu verweigern gab es erst am Ende der Dekade.

Steffen Oldörp

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