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Nordwestmecklenburg Ein Ingenieur hinter der Fleischtheke
Lokales Nordwestmecklenburg Ein Ingenieur hinter der Fleischtheke
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20:10 10.06.2017
Wismar

Rachid Talal steht vor einem roten Brett und schneidet Rindfleisch für Gulasch. In der Kühltruhe vor ihm liegen Huhn aus den Niederlanden, Rind aus Polen und Lamm aus Schottland. Anfang Mai hat der 41-Jährige seine Fleischerei in der Lübschen Straße in der Altstadt eröffnet. Die Kameraden von der Freiwilligen Feuerwehr Friedenshof haben geholfen, beim Malern und beim Verlegen der Elektrik in dem kleinen Laden, der zu DDR-Zeiten schon ein Metzger-Geschäft war. Zur Eröffnung kamen sie in Uniform. Stolz zeigt Rachid das Foto auf seinem Smartphone.

Den Fladenbrotlieferanten treffen auf dessen Zwischenstopp von Hamburg entlang der mecklenburgischen und vorpommerschen Küste, Truhe vorkühlen, Fleischwolf zusammensetzen, die Regale auffüllen mit Kaffee, Bulgur, Datteln. In den zwei Stunden, bevor Rachid den Laden öffnet, ist viel zu tun. Zwei Kilo Hack vom Rind will Fatma Kitmitto. „Das dauert einen Moment, aber die Leute nehmen die Wartezeit für etwas Frisches gern in Kauf“, sagt der Marokkaner. Rachid verschwindet nach hinten an den Fleischwolf.

Vor knapp 20 Jahren kam er als junger Mann nach Wismar, lernte Deutsch. Dann ging er nach München und kehrte fürs Studium wieder zurück in die Hansestadt. „Wismar hat Potenzial, wenn man sich etwas aufbauen will“, sagt Rachid. Der Deutsche Akademische Auslandsdienst zeichnet ihn aus für sein soziales Engagement. An die Preisverleihung in St. Georgen im Beisein von Bürgermeister und Hochschulleitung erinnert er sich noch heute gern.

„Eigentlich wollte ich meinen Doktor machen“, erzählt der Maschinenbauingenieur. Doch mit Abschlussnote 1,8 hat er an der Universität keine Chance. „Absolventen von Hochschulen brauchen mindestens eine 1,5.“ Er arbeitet zwei Jahre in Frankreich, pendelt zwischen Wismar und Paris. 2011 erhält Rachid die deutsche Staatsbürgerschaft. In Berlin macht er eine Ausbildung zum Fleischer. Seine Frau Hanane wird schwanger. Wenn Sohn Suhaib auf die Welt kommt, soll es mit der Pendelei vorbei sein. Rachid sucht nach einem Job in Wismar, findet nichts. Dann kommt ihm die Idee mit dem Laden: „Die Menschen aus Syrien sind bis jetzt immer nach Berlin oder Hamburg gefahren, um Fleisch zu kaufen. Das können sie jetzt hier.“ Inzwischen kämen auch Studenten. „Sie wollen grillen und kaufen bei mir.“

Auch in Rachids Leben spielen Lamm, Hühnchen und Rind von Beginn an eine Rolle. „Da hat die ganze Familie beim Opferfest zusammengesessen. Das Fleisch stand inmitten der anderen Speisen, und unsere Mutter hat es verteilt“, erzählt er von seiner Heimatstadt Casablanca. Ab und an schlachtet er heute privat bei einem befreundeten Bauern ein Lamm.

Von dem soll es bei ihm künftig auch frische Eier geben, eines Tages auch Obst und Gemüse. „Dann brauche ich Leute, die mir im Laden helfen“, erzählt Rachid. Jetzt steht seine Frau ab und an an der Kasse. Doch bald ist ihre Elternzeit mit Suhaib vorüber. Danach geht sie zurück an die Hochschule. Die 27-Jährige will ihr Wirtschaftsinformatikstudium beenden. Familie und Selbstständigkeit unter einen Hut zu bekommen, sei nicht leicht, sagt Rachid. „Jetzt aber erst einmal volle Konzentration auf das Geschäft.“ Die Tür geht auf – der nächste Kunde.

Nicole Buchmann

LN

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