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Nordwestmecklenburg Ein Kaskadeur aus alter DDR-Schule
Lokales Nordwestmecklenburg Ein Kaskadeur aus alter DDR-Schule
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18:10 11.08.2018
Mario Eichendorf, hier beim Benefizkonzert im Piraten Open Air mit einer Stuntshow. Quelle: Foto: Michael Prochnow
Grevesmühlen

Mit der Hitze in dieser Spielsaison geht Mario Eichendorf gelassen um. Nicht nur, weil während des Gesprächs mit ihm gerade ein kleines Gewitter über Grevesmühlen zieht und den Regen mal kurz herabprasseln lässt oder weil er in diesem Jahr, zumindest am Kopf, etwas weniger schwitzt, weil die langen Haare ab sind, gestutzt auf einige Millimeter.

Waffenmeister und Stuntman Mario Eichendorf gehört zur Stammcrew der Piraten.

Noch bis 8. September

Karten: Das Piraten Open Air in

Grevesmühlen hat noch bis zum

8. September geöffnet. Die Vorstellungen beginnen dienstags bis sonnabends um 19.30 Uhr, sonntags bereits um 16 Uhr. Karten und alle weiteren Infos gibt es im Internet unter

www.piratenopenair.de

„Den Dauerregen im vergangenen Jahr mit den ständig von Wasser und Modder verdreckten Kostümen fand ich schlimmer. Die Kostümfrau tat mir richtig leid. Das jeden Tag wieder hinzubekommen, war eine Höchstleistung.“

Eichendorf, der seit zehn Jahren zur Piratencrew gehört, zählt selbst allerdings durchaus auch zu den Höchstleistern im Piratenteam. Er ist immer der Erste, der das Piratengelände betritt, und der Letzte, der es verlässt. Er bekleidet drei verschiedene Ämter. Als Waffenkoordinator ist er für die Kanonen, Degen, Säbel, Pistolen und Musketen, die zum Einsatz kommen, zuständig. Dazu gehört auch das Säubern und Warten, Überprüfen aller Waffen nach jedem Stück. Außerdem ist der 56-jährige Wismarer, der nie woanders leben wollen würde, der Stunt-Koordinator der Piraten-Show. Das bedeutet, dass er alle Stunts konzipiert, die im Stück vorkommen. Und natürlich spielt er selbst eine Rolle – in diesem Jahr den Don Caleta Candal.

Kaskadeur hießen Stuntmen in der DDR

Eichendorf gehört zur „alten“ Garde der DDR-Kaskadeure – so hießen Stunt-Leute in der DDR. Damals gab es keine Ausbildung dafür. Kaskadeur war auch kein anerkannter Beruf, es gab keine Festanstellungen für Künstler, die die waghalsigen Stunts an Theatern und in Defa-Filmen ausführten. Dementsprechend, erklärt Eichendorf, hat er seine Kunst mit staatlicher Lizenz als Nebenberuf ausgeführt – und hauptberuflich anfangs in dem Beruf, den er lernte, Tischler, gearbeitet, später dann auch am Wismarer Theater oder als stellvertretender Kulturhausleiter in Dorf Mecklenburg. Wie kam man in der DDR dazu, Kaskadeur werden zu wollen – wie fing alles an? Eichendorf erzählt, dass er schon als Kind Kampfsport liebte, zuerst Judo. Dann brachte er sich Karate selbst bei. Anhand der Blaupause eines Buches aus der CSSR, an das er gelangt war. Er war nicht allein mit dem Wunsch, Kaskadeur zu werden, hatte Freunde um sich, mit denen er das Stürzen, Fallen, Springen, Raufen, Fechten, Kämpfen übte. „Das kann kaum jemand nachvollziehen, wie gefährlich so ein Treppensturz ist. Was so leicht aussieht, ist in Wahrheit eine hochkomplexe Sache. Der Schmerz war unser bester Lehrmeister“, sagt er. Engagiert wurden er und seine Freunde zunächst in der Heimat. Als es losging mit den professionellen Stunts war Eichendorf 20 Jahre alt. „Überall im damaligen Bezirk Rostock waren wir unterwegs“, sagt er. „Später haben wir dann überall in der DDR unsere Kampf-Shows angeboten. Wir hatten fast das ganze Jahr über an jedem Wochenende Auftritte.“ Alles, was sie dazu brauchten, beispielsweise Kostüme und Waffen, haben sich Eichendorf und seine Freunde irgendwie besorgt. Zum Teil durch Beziehungen zu Kostümschneidern, die aus mühsam organisierten Stoffen Kostüme zauberten. Alte Pistolen konnte Eichendorf selbst herstellen, ausrangierte Degen, Säbel hier und da erstehen. „Die Hochschule Wismar hatte damals eine Sektion Fechten. Da haben wir alte Klingen, die die nicht mehr brauchten, erworben. Das war richtig teuer“, sagt er lachend. Es lief ausgesprochen gut für ihn in der DDR. Er hatte seine Berufung gefunden und beharrlich nach einem Weg gesucht, ihr zu folgen. Die Wende veränderte dann bekanntlich vieles, brachte besonders den Kulturbereich komplett zum Einsturz, auch die Welt der DDR-Kaskadeure. Doch Eichendorf wäre nicht Eichendorf, wenn ihn das lange entmutigt hätte. Er überlegte sich, was er tun könnte, um Einkommen zu erwirtschaften, mit dem, was er kann, und besann sich auf seine Wurzeln, arbeitete zuerst als Kampfsportlehrer, betrieb ein Sportgeschäft nebenbei, machte Sicherheitstrainings für Versicherungen, Polizei und die Verkehrswacht.

Eigene Stuntfirma mit gutem Ruf

2009 fing er bei den Piraten als Stuntman mit einer kleinen Rolle an – und das Kaskadeur-Dasein kehrte – nur unter anderem Namen – in Eichendorfs Leben zurück. Inzwischen hat er, der Einzige aus der DDR-Kaskadeur-Szene, der noch aktiv ist, mit neuen Kollegen eine eigene Firma gegründet: „Stunt & Fun Concept Germany“. Viele Fernsehsender buchen die Wismarer Stuntleute für Produktionen. Stunts und Showprogramme für das Bundesverkehrsministerium, den Senat von Berlin, Auftritte auf Messen – es läuft also wieder.

„Witzigerweise“, sagt Mario Eichendorf, „jetzt selten in der Heimat, dafür im restlichen Deutschland.“ Warum das so ist? „Keine Ahnung.“ Aber das macht ihm nicht allzu viele Sorgen. „Das funktioniert alles über unseren guten Ruf und Mund-zu-Mund-Propaganda. Wir verteilen keine Flyer oder laufen rum, um irgendwo engagiert zu werden.“

Wichtig ist für ihn bei seiner Firma genau dasselbe, was für ihn bei den Piraten wichtig ist: „Professionelle Arbeit und ein guter Zusammenhalt untereinander.“ Und wenn es später mal körperlich nicht mehr ganz so klappen sollte mit den waghalsigen Stunts, dann kümmert er sich vielleicht noch mehr um junge Stuntleuten. Denn seit diesem Jahr arbeitet Mario Eichendorf auch als Referent und Ausbilder in einer Schauspiel- und Stuntschule in Meuselwitz in Thüringen.

Annett Meinke

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