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22:15 20.09.2013
Christoph Guhr war Flüchtling aus den deutschen Ostgebieten, DDR-Flüchtling, Fluchthelfer, Gefangener der Stasi. Jetzt lebt und arbeitet er beiderseits der ehemaligen Grenze in Lübeck und Palingen. Quelle: Foto: Jürgen Lenz

Immer wieder kamen die Stasi-Verhörer — auch nachts. „Es war eine harte Zeit“, sagt Christoph Guhr über die Monate im Gefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit. 1960 hatte der junge Mann die DDR verlassen. Er kehrte zurück, um Ausreisewilligen die Flucht zu ermöglichen. „Wir haben, als ich dabei war, etwa 60 Leute rüber geholt“, berichtet Christoph Guhr. Er gehörte einer kleinen Gruppe von Studenten der Meisterschule für Grafik, Druck und Werbung in West-Berlin an. Sie arbeiteten bei ihrer Fluchthilfe mit gefälschten Pässen.

„Ich hatte selbst einen gefälschten Pass, weil ich ja nicht mehr in die DDR zurück durfte“, sagt Christoph Guhr. Er war bereit, ein hohes Risiko einzugehen. Nach vielen Erfolgen wurde aus dem Wagemut Leichtsinn. Im Februar 1962 saß Christoph Guhr in Warnemünde in einem Transitzug in Richtung Dänemark, obwohl er viel gefahrloser direkt in die BRD hätte zurückkehren können. Er sah, wie Fahrgäste kontrolliert und abgeführt wurden. „Ich dachte, jetzt bist du dran — und so kam es auch“, erzählt Christoph Guhr im Hofcafé in Palingen. Es ist Schauplatz der Veranstaltungsreihe „Heimat und Flucht“. Christoph Guhr sitzt auf einem roten Sofa — ein schlanker Mann, schwarz gekleidet, lange graue Haare, Nickelbrille. Er spricht mit sanfter, ruhiger Stimme. 45 Zuhörer sitzen ihm gegenüber, lauschen gespannt. „Das Thema Heimat und Flucht ist Bestandteil jeder Biografie — meiner insbesondere“, sagt Christoph Guhr.

Er wird 1939 in Schlesien geboren, wächst in einem kleinen Walddorf auf. Sein Vater: Pfarrer, bekennender Christ — auch in der Nazizeit. Seine Mutter: liebevoll und bescheiden, mit einem großen Herzen für Menschen. Sie hat drei Kinder. Im Kriegsjahr 1945 flieht die Familie aus Schlesien. Über Nacht hat sie fast alles verloren. „Dieses Bild kommt mir jetzt wieder im Zusammenhang mit den syrischen Flüchtlingen“, sagt Christoph Guhr im Hofcafé in Palingen. 1945 wird seine Familie in einem Dorf in der Prignitz aufgenommen. Stationen der nächsten Jahre sind die Altmark und Magdeburg. Zum Studium wird das Pfarrerkind, weder bei den Jungen Pionieren, noch in der FDJ, nicht zugelassen. Er nimmt an, sich in den Augen des Systems bewähren zu können, arbeitet auf dem Bau, macht eine Maurerlehre. „Trotzdem war es nichts mit der Bewährung.“ Kein Studienplatz. Für Christoph Guhr wird spürbar: „Es gibt eine Verlogenheit des Systems.“ 1960 setzt er sich nach West-Berlin ab, beginnt ein Studium, wird Teil einer Gruppe, die Freunde und Bekannte in der DDR hat. „Das war unser Motiv für die Fluchthilfe“, sagt Christoph Guhr. Zuerst schleust die Gruppe sieben Menschen über einen Abwasserkanal von Ost- nach West-Berlin. Die Aktion bleibt nicht unbemerkt. Die Behörden der DDR lassen die grenznahe Kanalisation vergittern. Danach entschließt sich die Gruppe dazu, Pässe zu fälschen und Bürger der DDR mit Utensilien auszustatten, die für Bürger der BRD typisch sind — damit die Ausreisewilligen als vermeintliche Bundesbürger rüberkommen. Christoph Guhr pendelt als Kurier von hüben nach drüben — bis seine Tarnung in Warnemünde auffliegt. Ein Gericht in Dresden verurteilt ihn zu sechs Jahren Haft. Er sitzt in Torgau ein. „Wir wussten nicht, wer Spitzel war, aber es war klar, dass es viele gibt“, erzählt Christoph Guhr. Nach zweieinhalb Jahren Haft wird er freigekauft. Der Preis: Industriegüter im Wert von 40 000 Mark. Christoph Guhr sagt: „Ich war wegen Menschenhandels in Haft, aber die DDR war der eigentliche Menschenhändler.“ Seine Stasi-Akte: 800 Seiten dick, „ein Zeugnis der Angst eines Staates vor seinen Bürgern.“ Auch in seinem neuen Wohnort München wird er observiert. 1969 heiratet er. 1975 zieht das Ehepaar nach Lübeck. Christoph Guhr arbeitet 25 Jahre für die Stadt. Heute betreibt er mit seiner Frau Konstanze ein Planungs- und Architekturbüro diesseits und jenseits der ehemaligen innerdeutschen Grenze. „Lübeck und Palingen sind meine fünfte Heimat“, sagt Christoph Guhr. Ein Fazit, das er aus seinem bisherigen Leben gezogen hat: „Man muss sich unglaublich hüten, vorlaut zu sein, wenn es um die Biografie anderer Leute geht — und vor allem um ihre Bewertung.“

Jürgen Lenz

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