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Nordwestmecklenburg Erinnerungen verbaut und aufgehoben
Lokales Nordwestmecklenburg Erinnerungen verbaut und aufgehoben
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20:10 28.06.2018
Wotenitz

Als hätte er es geahnt, dass das ehemalige Vertriebenenlager bei Questin noch einmal so viel Aufmerksamkeit bekommt, wie es ihm im vergangenen Jahr zuteil wurde (siehe nebenstehender Beitrag): Hans Böttcher hat in seiner kleinen Werkstatt noch ein Brett der Hütten aufbewahrt, die – 20 Meter lang, acht Meter breit und 2,50 Meter hoch – von 1945 bis 1947 im Questiner Wald Schutz für bis zu 35 Menschen boten. „Ich weiß auch nicht, warum ich gerade das aufgehoben habe“, erklärt der 78-Jährige. Aber es ist da und er möchte es dem Grevesmühlener Stadtmuseum oder dem Archiv zur Verfügung stellen. Sechs Jahre alt war Hans Böttcher damals, als immer mehr aus ihrem Heimatland vertriebene Menschen in den Erdhöhlen im Questiner Wald untergebracht wurden. Am Ende waren es insgesamt etwa 1500 Männer, Frauen und Kinder. Mit seiner Oma und seiner Mutter lebte er auf einem Gehöft in Wotenitz, das seit 1778 im Familienbesitz ist und auf dem heute seine beiden Töchter heimisch sind. „Ich kann mich erinnern, dass Kinder bei uns an der Tür geklopft und nach Brot gebettelt haben“, erzählt er. Seine Mutter hatte Brot gebacken und die Laibe im Keller gelagert.

Hans Böttcher aus Wotenitz besitzt ein Brett, das im Vertriebenenlager zu einer Hütte gehört haben soll.

Die Serie

Jede Woche wird ein anderes Dorf aus dem Landkreis Nordwestmecklenburg vorgestellt. Dabei werden Geschichten von Menschen erzählt, die dort leben, über Veränderungen berichtet, die sich vollzogen haben, über die Sorgen der Einwohner, was sich entwickelt hat oder noch entwickeln soll. Züsow ist als nächstes dran.

Einen davon durfte Hans Böttcher den Kindern übergeben, die ihn dankbar entgegennahmen. Bei anderen Familien fragten sie nach Stroh. „Ich fand es interessant. Mir war natürlich überhaupt nicht bewusst, welch Elend dahintersteckte“, sagt er heute.

Schlechte Erfahrungen habe er mit diesen Menschen nie gemacht. Der eine oder andere in der Umgebung schon. „Zwei Männer fragten nach einem Pferd, das sie nach ihrer Reise in Richtung Schleswig-Holstein wieder zurückbringen wollten. Der Bauer verneinte. Am nächsten Morgen war das Pferd weg. Gestohlen. Er hat es nie wieder gesehen“, erinnert sich Hans Böttcher aus Erzählungen.

Die Baracken, so erzählt er, habe er nie gesehen. Nie war er dort vor Ort. Als das Vertriebenenlager langsam leer gezogen war, nutzten viele Einwohner ringsherum die Gelegenheit, das Material der Hütten für sich zu vereinnahmen. „Unser Knecht holte unter anderem Wellblechplatten. Die bauten wir auf unseren Schuppen, der zuvor ein Strohdach hatte. Holzbretter brachten wir an der Rückwand an“, erinnert er sich. Und eben ein solches Brett hob er Jahre später auf, als der Schuppen abgerissen und als Mauerwerk wieder aufgebaut worden war.

Die Jahre vergingen, das Brett geriet in Vergessenheit. „Dann habe ich in der Presse von dem Interesse am Vertriebenenlager gelesen“, sagt er. Dabei fiel ihm das Brett wieder ein. Mittlerweile hatte er es aber so gut weggelegt, dass er es nicht mehr fand. „Und dann eines Tages, ich habe eigentlich etwas anderes gesucht, fiel es mir in die Hände“, berichtet er und seine Frau Ruth Böttcher ergänzt lächelnd: „Er ist eben ein Sammler und hebt alles auf.“ In diesem Fall ist es sogar ein wahrer Schatz. Teer und Nägel zeugen noch davon, wie die Hütten damals notdürftig zusammengezimmert wurden.

„Das Brett bearbeite ich noch gegen Holzwurmbefall, und dann gebe ich es gern der Stadt.“Jana Franke

Idylle pur – und eine gute Gemeinschaft

Bei ihm liefen die Fäden zusammen: Mängel und Wünsche der Einwohner Questins trug Manfred Gebur in den 1990er Jahren an die Stadtverwaltung und die Stadtvertreter Grevesmühlens heran. Als Ortsteilvertreter hatte er ein offenes Ohr für Sorgen und Nöte – ob es der schlechte Zustand der Straße zwischen Wotenitz und seinem Wohnort, Streit um Straßenausbaubeiträge oder Schandflecke im Ort waren. Mittlerweile gibt es Ortsteilvertreter nicht mehr. „Ich finde es schade, dass es damals abgeschafft worden ist“, bedauert Manfred Gebur.

Einige Mängel, so sagt der 67-Jährige, gibt es auch heute noch. „Im Ort ist ein Baum unter einer Freileitung gepflanzt worden. Ich hatte das damals schon angesprochen. Eigentlich hätte er umgesetzt werden müssen, aber es ist nichts passiert“, führt er aus. Thema ist auch das lahme Internet im Ort. „Mich stört es nicht, ich bin Rentner und habe Zeit“, sagt er lachend. Aber für Einwohner, die beispielsweise auch beruflich darauf angewiesen sind, sei das schon nervig. Ein weiterer Punkt: „Durch die Sanierung der Straße im Ort, funktioniert die Entwässerung nicht richtig.“ Der Weg nach Börzow sei ausgespült „und viele Baumwurzeln liegen frei“.

Nichtsdestotrotz liebt Manfred Gebur den kleinen Ort. Die Naturverbundenheit habe ihn und seine Frau 1990 nach Questin gebracht. Vorher wohnten sie in Neu Degtow. „Wir lieben die Ruhe und die Spaziergänge im Wald“, sagt er. Außerdem würde die Dorfgemeinschaft in Questin noch funktionieren. „Man hilft sich eben!“ jf

Die andere Seite Questins

Es gibt nur noch wenige Zeitzeugen, aber die, die das Elend damals im Wald vor Questin hautnah miterlebten, lassen die Gedanken nicht mehr los. Von 1945 bis 1948 waren dort in einem Vertriebenenlager Tausende Kinder, Frauen und Männer aus Ostpreußen, Pommern und vor allem aus dem Sudetenland in notdürftigen Unterkünften eingepfercht – 20 Meter lang, acht Meter breit und 2,50 Meter hoch; konzipiert für 35 Männer, Frauen und Kinder, die auf Stroh schliefen.

Viele starben an Typhus und anderen Krankheiten, viel mehr noch aber haben zum Glück überlebt. Zur Erinnerung stellte die Stadt Grevesmühlen ein Schild auf, auf dem die Geschichte zu lesen ist, einen Gedenkstein gibt es auf dem Grevesmühlener Friedhof. Jana Franke

Urgesteine berichten von unbeschwerter Kindheit

Drei Jahre war Lori Sommer alt, als sie Questin ihre neue Heimat nennen konnte. Zuvor war sie in einem Säuglingsheim in Wismar untergebracht. Die Mutter vertraute das Mädchen den Großeltern der Kleinen an. „Ich kann mich noch erinnern, als mich mein Opa mit der Pferdekutsche aus Grevesmühlen abholte“, erzählt sie. 61 Jahre ist das her – und somit ist die heute 64-Jährige diejenige im Ort, die am längsten dort lebt.

Mit ihren drei Jahren konnte Lori Sommer damals kaum sprechen. „Meine Oma hat mit mir viele Spaziergänge im Ort unternommen und mir Wörter beigebracht“, erinnert sie sich. Sonne. Baum. Wald. „Mein Opa war ein kluger Mann. Er kannte jeden Baum und erkannte jeden Vogel am Flug“, sagt sie.

Als Kind lernte sie später den fünf Jahre jüngeren Hans-Edwin Wielgoß kennen. Auch er lebt noch in Questin. Beide verbindet – viel Blödsinn. „Ja, davon haben wir einigen gemacht“, sagt Lori Sommer lachend. „Wir hatten eine unbeschwerte Kindheit“, resümiert sie und erzählt von Nachmittagen am Bach, vom Dorfbrunnen im Ort, von dem sie Wasser für die Kühe ihres Opa geholt hat, von den morgendlichen Touren zur Schule nach Börzow und später nach Grevesmühlen. „Die Straße nach Grevesmühlen war nicht asphaltiert. Nach Regenwetter stand das Wasser teilweise knöchelhoch in Löchern.

Mann, war das manchmal eine Modder“, berichtet Hans-Edwin Wielgoß.

Beide haben nie ans Weggehen gedacht – Lori Sommer lebt noch im Haus der Großeltern, Hans-Edwin Wielgoß im Elternhaus einige Meter weiter. Die Ruhe im Ort sei toll, schwärmen sie. Sie fühlen sich wohl, auch wenn man nicht alle Nachbarn kennen würde. „Die zwei Häuser weiter kenne ich zum Beispiel nicht“, gibt Lori Sommer, die ein großes Grundstück von 5900 Quadratmetern mit vielen Tieren ihr Eigen nennt, zu. „Wir haben hier alles. Eine ausgebaute Straße, der Anrufbus kommt ab und zu“, zählt Wielgoß auf – und dann hat er ja noch seine eigenen, alten Fahrzeuge, von denen einige auf seinem Hof stehen: Traktoren und Mähdrescher, an denen er herumschraubt. Das sei sein Hobby, sagt der ehemalige Landwirt, der Rente bezieht. Er ist wie Lori Sommer erwerbsunfähig.

Die Seniorin hat einige Tätigkeiten hinter sich: Sie war in der Molkerei tätig, in der Metallbearbeitung, war Taxifahrerin – und leitete auch den Konsum in Questin. „Das Schwarzbrot kostete 51 Pfennig, Milch 68 Pfennig, Mehl 1,40 Mark und Butter 2,40 Mark“, zählt sie auf und ergänzt noch die Brötchen für acht Pfennig. Im Gebäude inmitten des Dorfes, das den Konsum beherbergte, war außerdem ein Arztzimmer. „Ich kann mich an Herrn Dr. Stock und Frau Dr. Hempel erinnern“, sagt sie.

Daten und Fakten

Questin

gehört seit dem 1. Juli 1960 zu den Ortsteilen der Stadt Grevesmühlen. Der Ort geht auf eine slawische Siedlung zurück. Die urkundliche Ersterwähnung ist 1230 mit zehn Hufen im Ratzeburger Zehntenregister festgehalten. 1371 soll der Herzog dem Kloster Reinfeld Besitz und Rechte für Questin und die benachbarten Siedlungen Börzow, Bordenow (Burdenow) und Wotenitz bestätigt haben.

Nach der Reformation

gehörte Questin zum Besitz der mecklenburgischen Herzöge und Großherzöge und damit zum Amt Grevesmühlen. Mitte des 19. Jahrhunderts bestand Questin aus einem Pachthof, drei Büdnereien und Katen.

Daran änderte sich bis 1945 nichts. Bis 1930 gab es eine Schule.

Während der Bodenreform 1945/46 erfolgte die Aufsiedlung des Pachthofes Questin, Neubauernhäuser antstanden. Dazu gehörte auch eine Siedlung aus sieben Neubauernstellen zwischen Questin und Jeese, die um 1970 aufgegeben wurde. Heute leben in Questin 50 Einwohner.

Innerhalb des Amtes Grevesmühlen kam Questin früher eine wichtige verkehrsmäßige Bedeutung zu: Die historische Land- und Poststraße zwischen Grevesmühlen und Rehna führte bis 1912 durch Questin und über Jeese nach Rehna.

(Quelle: Eckart Redersborg)

Jana Franke

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