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Nordwestmecklenburg Warum nicht jeder Haushalt Glasfaser bekommt
Lokales Nordwestmecklenburg Warum nicht jeder Haushalt Glasfaser bekommt
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16:13 24.10.2018
Einzelne Glasfaserkabel, rund 41 000 Haushalte in Nordwestmecklenburg sollen einen Anschluss erhalten. Quelle: pa
Grevesmühlen

Als Mecklenburg-Vorpommerns Energieminister Christian Pegel (SPD) am 20. August im Kreistagssaal der Malzfabrik in Grevesmühlen verkündete, dass „jeder Haushalt in Nordwestmecklenburg einen kostenlosen Glasfaseranschluss bis ins Haus“ bekommen würde, war die Welt noch in Ordnung. 190 Millionen Euro stellen Bund und Land für den Breitbandausbau im Nordwestkreis zur Verfügung, die Wemacom, ein Tochterunternehmen der Wemag hatte den Zuschlag für die Umsetzung des Breitbandausbaus erhalten. Bis 2020 sollen rund 2000 Kilometer Glasfaserkabel verbaut werden. Inzwischen macht sich Ernüchterung breit. Denn die Aussage des Energieministers enthält zwei gravierende Fehler: Erstens erhält längst nicht jeder Haushalt in Nordwestmecklenburg einen Glasfaseranschluss, zweitens sind die Anschlüsse keineswegs kostenlos.

Rund 60 000 Anschlüsse gibt es in Nordwestmecklenburg – Wismar ist darin nicht enthalten, die Kreisstadt gehört nicht zum Fördergebiet – aber nur knapp 41 000 Haushalte werden gefördert. Das heißt, wer zu diesen 41 000 Haushalten zählt und rechtzeitig einen Zweijahresvertrag mit der Wemacom abschließt, kommt tatsächlich in den Genuss der vollen Förderung und zahlt lediglich die Gebühren. Ansonsten sind Summen zwischen 599 Euro (Glasfaseranschluss ohne Vertragsbindung, wenn der Auftrag in der Planungsphase erteilt wird) und 2499 Euro (Auftragserteilung nach Ablauf der Ausbauphase) fällig. Derzeit sind Vertreter der Wemag und der Wemacom in den Gemeinden unterwegs, um den Ausbau zu erklären. In Klütz, Boltenhagen und Roggenstorf haben diese Veranstaltungen bereits stattgefunden, Grevesmühlen ist im Februar an der Reihe.

Und Fragen gibt es reichlich. Zum Beispiel nach der Einteilung der Fördergebiete. Das neue Wohngebiet „An der Trift“ am Bahnhof in Grevesmühlen ist erst wenige Jahre alt, nagelneue Eigenheime und Reihenhäuser stehen dort. Die Internetversorgung ist durchgehend mäßig, wie die Bewohner mitteilen und liegt in der Regel bei rund 8 Mbit/s. Doch nur ein Teil der Häuser wird einen Glasfaseranschluss durch die Wemacom erhalten. Ähnlich verhält es sich in anderen Gemeinden, in Roggenstorf wird beispielsweise das Dorfzentrum ausgespart beim Ausbau, der Stall am Ortsrand wiederum bekommt einen Anschluss, die Grafik der geförderten Anschlüsse für Boltenhagen gleicht einem Flickenteppich. Wie kann das sein?

Gründe dafür gibt es mehrere. Einer hängt mit den Informationen des Breitbandatlanten (www.breitbandatlas.de) zusammen, der bundesweit die Internetversorgung anzeigt. Zudem gab es 2015 eine Abfrage bei den Privatanbietern, in welchen Regionen Nordwestmecklenburgs sie demnächst tätig werden würden. Nach OZ-Informationen hat sich auf diese Anfrage lediglich die Telekom gemeldet. Eine Anfrage bei der Telekom, wann denn die ausgesparten Gebiete einen Breitbandanschluss erhalten würde, beantwortete das Unternehmen wie folgt: „Unser Eigenausbau mit FTTC in Nordwestmecklenburg ist bis auf wenige Schaltverteiler abgeschlossen. Eine Einschaltung von Super-Vectoring ist seit September 2018 deutschlandweit gestartet. Dafür muss der Kunde eine höhere Geschwindigkeit an seinem Anschluss beauftragen.“ Die Übertragungsraten, die der Nachbar mit einem Glasfaseranschluss möglich machen kann, erreicht die Technik per Super-Vectoring jedoch nicht.

Stellt sich die Frage, ob jene Anschlüsse, die nicht gefördert werden, in naher Zukunft ebenfalls einen staatlich finanzierten Anschub erhalten könnten, sprich, ob es eine neue Förderung geben könnte. Eine Anfrage bei Frank Junge, SPD-Bundestagsmitglied aus Wismar, ergab, dass im Koalitionsvertrag der Sozialdemokraten das Thema Breitband zwar aufgenommen worden sei, von einem konkreten Projekt beziehungsweise einer Fortführung sei jedoch nicht die Rede.

Frank Junge Quelle: Nicole Buchmann

Laut Frank Junge liege das Grundproblem in einer veralteten Richtlinie der Europäischen Union, die als Grundlage für das Förderprogramm herangezogen wurde. „Die auf europäischer Ebene definierte Aufgreifschwelle, die besagt, dass Haushalte mit einer Versorgung von mindestens 30 MBit/s im Download nicht förderfähig sind, ist Grundlage für alle nationalen und länderspezifischen Förderprogramme, sodass derzeit kein weiteres Förderprogramm existiert, um die versorgten Haushalte außerhalb der Fördergebiete zu erschließen.“ Das zu ändern sei Ziel der SPD auf Bundesbene. Doch das kann dauern.

Auch wenn die Wemacom das Glasfasernetz ausbaut, die Kabel müssen per Gesetz auch anderen Anbietern zugänglich sein. Bedeutet in der Praxis: Unternehmen wie Vodafone oder die Telekom können sich auf die Technik aufschalten und ihren Kunden modernes Breitband anbieten. Zumindest theoretisch, praktisch allerdings hat ist bei der Wemacom noch kein entsprechender Vertrag unterzeichnet worden. Von der Telekom heißt es dazu lediglich, dass „weiterführende Gespräche geplant“ seien.

Michael Prochnow

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