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Nordwestmecklenburg Frau stirbt nach Familiendrama mit psychisch krankem Sohn
Lokales Nordwestmecklenburg Frau stirbt nach Familiendrama mit psychisch krankem Sohn
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00:16 24.04.2016
Die Johanniter Unfallhilfe birgt Anna X. am Ostersonntag. Sie war gestürzt, lag zwei Wochen in ihrem Kot und Urin und verstarb später im Krankenhaus. Ihr psychisch kranker Sohn hat ihr nicht geholfen. Quelle: privat

Die Geschichte im Stadtteil Redentin beginnt genau genommen etwa vor einem Jahr, als der psychisch kranke Sohn Hans X., der Tabletten nehmen muss, zu seiner Mutter Anna X. zieht. Offenbar greift der Mann aber auch zu Alkohol und tyrannisiert laut Anwohnern in betrunkenem Zustand die Nachbarschaft. „Er stieß Morddrohungen aus und rief ekelhafte Ausdrücke. Und er begann, mir aufzulauern, wenn ich von der Arbeit kam“, berichtet Nachbarin Annette K. (die Namen sind der Redaktion bekannt).

 

Das Gesetz hat völlig zu Recht hohe Hür- den für eine Einweisung aufgestellt.“ Petra Rappen, Pressesprecherin des Kreises

Die Nachbarn hätten gern gesehen, dass Hans X. in stationäre psychiatrische Behandlung gekommen wäre. Sie wandten sich auch an den Öffentlichen Gesundheitsdienst des Landkreises, so die offizielle Bezeichnung des Gesundheitsamts. Ohne Erfolg. Die Kreisverwaltung bestätigte dieser Zeitung zwar die psychische Erkrankung von Hans X., ansonsten heißt es aber, dass eine „sofortige Unterbringung einer psychisch kranken Person nach dem Psychisch-Kranken-Gesetz nur bei akuter Eigen- oder Fremdgefährdung erfolgen kann, wenn die Gefahr nicht anders abwendbar ist“.

Sollte der Gesundheitsdienst zu dem Schluss kommen, dass dies der Fall und eine Unterbringung notwendig sei, folgen diese Schritte: Beim zuständigen Amtsgericht muss ein entsprechender Antrag gestellt und es muss ein ärztliches Zeugnis vorgelegt werden, aus dem sich die psychische Erkrankung ergibt. Eine richterliche Entscheidung zur Unterbringung — gegen den Willen des Betroffenen — ergeht innerhalb von 24 Stunden und nach Anhörung des Betroffenen. Das Gericht kann eine Unterbringung bis zu sechs Wochen anordnen. „Nach unserer Erfahrung sind die gerichtlich verfügten Unterbringungsfristen aber deutlich kürzer“, erklärt Petra Rappen, Sprecherin des Kreises. Maßnahmen nach dem Psychisch-Kranken-Gesetz seien „freiheitsentziehende Maßnahmen. Sie haben deshalb völlig zu Recht hohe Hürden zu nehmen“.

In Redentin blieb also erst einmal alles, wie es war. Doch die Lage spitzt sich dieses Jahr dramatisch zu. Der Nachbarin im Reihenhaus nebenan und ihrer Familie fiel auf, dass sie Anna X. seit etwa zwei Wochen nicht gesehen hatten. Stattdessen sahen sie den Sohn Müll rausbringen und mit dem Bus zum Einkaufen fahren. „Das war absolut ungewöhnlich.“ Da sie durch die Wand Anna und Hans aber immer wieder streiten hörten, forschten die Nachbarn nicht weiter nach.

Bis Ostersonntag. „Da habe ich Anna X. ganz fürchterlich um Hilfe rufen hören.“ Annette K. wurde aktiv und fuhr zur Polizei. Als Hans X. die Tür geöffnet hatte, bot sich den Beamten nach eigenen Angaben ein Bild des Grauens: Anna X. lag auf dem Fußboden im Flur, in ihren Exkrementen — seit zwei Wochen, wie sie den Helfern sagte. Sie kam zwar sofort ins Krankenhaus, verstarb dort aber nur wenige Tage später.

Hans X. durfte im Haus in Redentin bleiben, zur Verwunderung der Nachbarn. Für sie stand fest, dass der Mann Hilfe brauchte, die er nun nicht mehr hatte — wie schlecht die Betreuung durch seine Mutter auch gewesen sein mochte. Auf Anfrage und nach Schilderung des neuen Sachverhalts teilte die Kreisverwaltung mit: „Nach der Entlassung eines untergebrachten psychisch Kranken kann nach Prüfung und mit Beschluss des zuständigen Amtsgerichts eine juristische Betreuung eingerichtet werden.“ Und weiter hieß es: „Betreuer kann auch ein Familienangehöriger sein. Verstirbt der Betreuer, muss eine neue Person durch das Amtsgericht festgelegt werden.“

Jetzt hat die Geschichte eine weitere dramatische Wendung genommen. Eine Verwandte von Hans X., die nicht in der Region lebt, wollte vor einigen Tagen Kontakt zu ihm aufnehmen, erreichte ihn aber nicht. Daraufhin bat sie Annette K. um Hilfe. „Als er auf das Klingeln und Klopfen nicht reagierte, haben mein Mann und ich die Polizei gerufen“, berichtete sie. Gegen Mitternacht hätten Beamte und Feuerwehr schließlich die Haustür aufgebrochen. Sie hätten den Bewohner halbtot auf dem Bett liegend gefunden, in einem ähnlich verwahrlosten Zustand wie seine Mutter. Er sei sofort ins Krankenhaus gebracht worden.

Annette K. erhebt schwere Vorwürfe gegen den Öffentlichen Gesundheitsdienst des Kreises: „Dort wusste man doch um die Situation. Ich hätte spätestens nach dem Tod der Mutter eine Reaktion erwartet.“

Wie der Gesundheitsdienst mitteilen ließ, habe er den Betroffenen nach den Ereignissen von Ende März und Anfang April aufgesucht und „im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten gehandelt“.

Von Sylvia Kartheuser

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