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„Geh sterben!“

Grevesmühlen „Geh sterben!“

Ein halbes Jahr lang wird Caro (15) von Mitschülern in sozialen Netzwerken fertig gemacht.

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Beim Cybermobbing verfolgen die Attacken die Opfer bis nach Hause.

Quelle: Fotos: Riedl(4), Dolata, OZ

Grevesmühlen. „Ich habe mich allein und hilflos gefühlt.“ Caro (ihr richtiger Name ist der Redaktion bekannt) war ein halbes Jahr lang vor allem im Internet den Angriffen von Mitschülern ausgesetzt. Es begann mit Frotzeleien, die weitgehend normal sind unter 15-jährigen Schülern. Doch Caros Geschichte, die Angriffe, die Drohungen, gipfelten darin, dass sie die Schule verließ und sich in psychologische Behandlung begeben musste.

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„Ich finde soziale Netzwerke gut. Ich brauche sie täglich und komme ohne gar nicht mehr aus.“ Jasmin Isse (15), Schlutup

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Auslöser ist ein kapitaler Vertrauensverlust. Caros ehemals beste Freundin zieht in der neu zusammengesetzten achten Klasse über sie her. „Es gab auch in der Schule schon dumme Sprüche.“

Auch ihr damaliger fester Freund wendet sich gegen sie, schlägt sich auf die Seite der Schüler, die sie peinigen.

„Ich war eigentlich immer ziemlich ruhig, hab versucht, mich aus Problemen rauszuhalten“, sagt Caro. Ihre Passivität wird zum Boomerang. In der Schule wird sie ausgegrenzt, beleidigt, auch körperlich angegriffen. Im Internet wird der Konflikt nach Schulschluss weiter ausgetragen. Caro hat zwei Accounts, einen auf Facebook, einen in einem eigentlich anonymen Frage-Antwort-Forum. Das Problem: Die Anonymität scheint offenbar nur eine Illusion zu sein. Caro wird dort trotzdem direkt angegriffen. Die Täter selbst verstecken sich hinter der Anonymität.

Aufgrund von Gerüchten eskaliert die Situation. Caro würde für einen Jungen schwärmen, heißt es. Sie solle sich von ihm fernhalten, schreiben die mutmaßlichen Täter. Meistens lassen sich die Mobber untereinander in Chats, auf den eigenen Pinnwänden, per Nachricht über Caro aus. Manchmal bekommt Caro selbst Nachrichten. Die haben es in sich. ‘Geh sterben!‘ steht da, ‘Es wäre besser, wenn du nicht mehr lebst‘ schreiben andere.

„Ich hab‘s in mich hineingefressen“, sagt Caro. Von Mobbing ist erst kurz vor den Winterferien, also fast ein halbes Jahr nach Beginn des Konfliktes, die Rede. Caro zieht sich zurück, verlässt kaum noch ihr Zimmer, weint viel. Trotzdem loggt sie sich regelmäßig im Internet ein. „Ich wollte wissen, was genau über mich geschrieben wird.“

Sie traut sich nicht, mit ihren Eltern darüber zu sprechen. „Wir merkten, dass etwas nicht stimmt, aber wir kamen nicht an sie ran“, sagt Caros Mutter mit Tränen in den Augen. Caros Situation belastet auch das Familienleben. „Ich hatte Angst, dass es noch schlimmer wird, dass die sagen, dass ich jetzt ja auch noch petze. Ich hatte Angst, Schwäche zu zeigen“, sagt Caro. In Wirklichkeit fügt sie sich ihrer Opferrolle.

Nur langsam öffnet sie sich, sucht bei ihrem Klassenlehrer, gleichzeitig Vertrauenslehrer, Hilfe. Vergeblich. „Die Lehrer wollten das nicht mitbekommen“, sagt Caro. Ihrer einzigen Freundin erzählt sie einiges, aber nicht alles.

Als es fast zu spät ist, wagt Caro den Schritt, doch mit ihren Eltern zu sprechen. „Sie waren erleichtert, dass es raus war“, sagt Caro. Sie geht fortan nicht mehr zur Schule. Das Schulamt wird informiert, ein Schulwechsel in die Wege geleitet. Caro wird psychologisch behandelt. Auch ihre Peiniger erreicht die Nachricht, dass Caro ihr Schweigen gebrochen hat. Noch einmal ergießen sich die Beleidigungen im Internet. Warum sie denn solche Lügen verbreite, lautet der Grundtenor. Caro antwortet zum ersten Mal, schreibt, dass sie die Schule verlassen wird. Und löscht sämtliche Internet-Accounts.

Caro ist jetzt in der neunten Klasse ihrer neuen Schule. Sie hat Freunde gefunden, eine neue beste Freundin, kommt klar. Ihre Behandlung wird sie demnächst abschließen. Bis die Narben verheilen, dürfte es länger dauern. Caro: „Mein Selbstvertrauen ist kaputt gemacht worden.“ Wenn sie zufällig einen der Täter auf der Straße sieht, bekommt sie Panik, macht einen großen Bogen. Doch es geht vorwärts. Seit ein paar Monaten hat Caro einen festen Freund.

Was ist Cybermobbing?
Unter Cybermobbing versteht man die Beleidigung, Bedrohung, Bloßstellung oder Belästigung von Personen mithilfe neuer Kommunikationsmedien, zum Beispiel über Handy, E-Mail, Websites, Foren, Chats und Communities. Mobbing, das früher häufig in der Schule oder auf dem Schulweg stattfand, hat sich verlagert. Über das Internet verfolgt es die Betroffenen bis in ihr Zuhause. Das Internet macht diese neue Form der Beleidigungen und Diffamierungen außerdem einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Hinzu kommt das Problem: Was einmal im Internet steht, lässt sich nicht mehr so leicht entfernen.


23 Prozent der 12- bis 19-Jährigen gaben laut einer Studie aus dem Jahr 2012 an, dass in ihrem Bekanntenkreis schon einmal im Internet fertig gemacht wurde.

15 Prozent waren selbst schon einmal Opfer von boshaften Veröffentlichungen über ihre Person. Besonders betroffen sind hier Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren und Jugendliche mit Hauptschulhintergrund.

Quelle: Bundesfamilienministerium

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Oft hilft nur noch der Anwalt
Alles begann damit, dass der beste Kumpel von Susann ein Mädchen kennenlernte. Susann freute sich für ihn, war er doch lange Zeit solo. „Ich merkte schnell, dass ich ihr ein Dorn im Auge bin. Ich habe darüber hinweggesehen, denn ich wollte meinen besten Kumpel nicht verlieren“, erzählt Susann, die damals noch über das soziale Netzwerk „studieVZ“ angemeldet war.

Der Nutzer kann bei diesem sehen, welche Person sein Profil besucht. Bei Susann war es oftmals die Freundin ihres besten Kumpels — anscheinend, um sie auszuspionieren. Denn: „Er und ich schrieben uns regelmäßig Kurzmitteilungen auf die Pinnwand“, erzählt Susann. Zur Erläuterung: Auf dieser Pnnwand können Nachrichten hinterlassen werden, die für alle Freunde des Nutzers einsehbar sind. „Es war harmlos, wir alberten herum“, erzählt Susann. Fortan postete die Freundin ihres Kumpels auf ihrer eigenen Pinnwand Beleidigungen. „Sie hat mich als Schlampe bezeichnet, und dass ich sowieso mit jedem ins Bett steigen würde“, erzählt Susann von einer noch harmlosen Begebenheiten im Vergleich zu den anderen. Sie nahm sich schließlich einen Anwalt. „Meine Eltern haben mir dazu geraten.“

Dieser erließ eine einstweilige Verfügung: „Sollte sie noch einmal solche Sachen über mich verbreiten, muss sie 1500 Euro Schmerzensgeld an mich zahlen“, sagt Susann. Was änderte das? „Mein Kumpel hat mit ihr Schluss gemacht und sie ist seitdem überfreundlich zu mir!“Jana Franke

Hier finden Betroffene Hilfe:

Kostenlose telefonische Beratung für Kinder, Jugendliche und Eltern:

www.nummergegenkummer.de

Online-Beratung für Kinder, Jugendliche und Eltern von der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung: www.bke-beratung.de

Informationen und Beratung für Jugendliche durch ausgebildete andere Jugendliche: www.juuuport.de

Beratungsstellen in Mecklenburg-Vorpommern: www.opferhilfe-mv.de

VIER FRAGEN AN...
1Wie kann man Cyber-Mobbing vorbeugen? Es handelt sich hier um ein Thema, dem man nicht entgehen kann und somit lautet die Frage: Wie gehe ich damit um? Prävention ist alles. Zum einen sollte das Thema stärker Gegenstand in Schulen werden, zum anderen ist klar, dass Eltern es schwer haben. Das technische Wissen sollten sie sich von ihren Kindern beibringen lassen. Außerdem sollten sie den Kindern klarmachen, dass sie jederzeit zu ihnen kommen können, wenn es Probleme gibt. Und auch wenn es gerade keine gibt, ist es ratsam, auch mal zusammen mit dem Kind zu twittern oder zu chatten. Eltern müssen wissen, was das Kind im Netz treibt. Feste Nutzungszeiten und Kinderschutzprogramme sind wichtig. Wichtig ist auch, dass Eltern ihren Kindern sagen, dass sie nicht alles mitmachen müssen. Kinder müssen sich trauen, auch mal ‚nein‘ zu sagen, wenn sie gefilmt oder fotografiert werden. Das A und O ist, dass Eltern sich um ihre Kinder kümmern, Vertrauen zu ihnen aufbauen. Kinder sind dann viel eher bereit, über Probleme zu reden.

2Woran können Eltern erkennen, dass ihr Kind vielleicht betroffen ist? Wenn das Kind das Internet weniger als sonst nutzt, den Computer sofort ausmacht, wenn die Eltern ins Zimmer kommen und sich in der Schule verschlechtert, so kann angezeigt werden, dass ein Problem mit Cyber-Mobbing vorliegt.

3Welche Auswirkungen auf die Opfer sind möglich? Es wird Angst ausgelöst, die Kinder werden misstrauisch und das Urvertrauen leidet. Einige ziehen sich daraufhin zurück, andere werden aggressiv, wieder andere krank. Die Bandbreite ist groß. In jedem Fall findet eine Beeinträchtigung des sozialen Verhaltens statt und auch die Gesundheit leidet.

4 Was kann man tun, wenn es zu einem Problem gekommen ist? Eltern sollten Vertrauen aufbauen zu ihrem Kind. Das Kind muss wissen, dass man über alles reden kann und auch, dass es nicht gleich Verbote gibt. Aufgezeigt sollte werden, dass man aus Fehlern lernen kann. Wichtig ist, dass Eltern immer Ansprechpartner ihres Kindes bleiben, sie nie zur Sprachlosigkeit bringen. Wenn die Eltern ein Kind haben, das Täter ist, so ist es wichtig, ihnen klarzumachen, dass Cyber-Mobbing kein Kavaliersdelikt ist. Es handelt sich hier um eine strafbare Handlung, die Folgen für die Zukunft mit sich bringen kann.

Interview: Dana Dolata

Robert Niemeyer

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