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Geheimes Holzdepot in der Ostsee

Gadebusch Geheimes Holzdepot in der Ostsee

Teile von seltenen Wracks und Hafenanlagen – auch von Funden vor der Küste Mecklenburgs – werden vor Rügen gelagert, weil die Konservierung an Land zu teuer ist.

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Gadebusch. Wismar/Boltenhagen/Rostock/Kühlungsborn Goldbarren kommen in Tresore, wertvolle Wrackteile auf den Grund der Ostsee: An einem geheimen Ort nordöstlich vor der Insel Rügen werden regelmäßig Schätze versenkt – auch die, die an den Küsten Mecklenburgs gefunden werden. Dabei handelt es sich nicht um Perlenketten oder Silberschmuck, sondern um gefährdete Hölzer von alten Schiffen. Eingehüllt in Geotextilien werden sie vor Deutschlands größter Insel im sauerstoffarmen Wasser vergraben. Und das Lager wird sich weiter füllen – mit Wrackteilen, die in den vergangenen Jahren im Wismarer Hafen entdeckt wurden und vermutlich aus dem 13. Jahrhundert stammen (die LN berichtete). Auch Teile der ebenfalls 2017 im Fahrwasser vor Rostock gesicherten hafenbaulichen Anlage werden vor Rügen versenkt. Hier liegen sie, um sie vor dem Verfall zu schützen. Denn für eine Lagerung an Land müssten sie aufwändig präpariert werden – und dafür ist kein Geld vorhanden.

LN-Bild

Teile von seltenen Wracks und Hafenanlagen – auch von Funden vor der Küste Mecklenburgs – werden vor Rügen gelagert, weil die Konservierung an Land zu teuer ist.

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Geheimhaltung, um neugierige Taucher fernzuhalten

„Das Depot vor Rügen ist ein sicherer Aufbewahrungsort“, betont Landesarchäologe Detlef Jantzen. Nur wenige würden die genauen Koordinaten des Lagers kennen. Denn: „Die Unterwasserarchäologie fasziniert viele Menschen. Wir wollen nicht, dass sich dort Tauchtourismus entwickelt.“ Außerdem überlebe in diesem Teil der Ostsee die Schiffsbohrmuschel nicht. Die hat einen unbändigen Hunger auf Holz und könnte historisch wertvolle Entdeckungen aus der Vergangenheit ziemlich schnell vernichten. Seltene Funde, die nicht vor Rügen eingelagert werden können – wie zum Beispiel ein Wrack vor Kühlungsborn – werden deshalb auch mit Geotex-Matten und Sandsäcken abgedeckt. „Dadurch sterben auch alle Muscheln ab, die schon drin sind“, erklärt der ehrenamtliche Unterwasserarchäologe Martin Siegel.

Wenige Funde in der westlichen Ostsee

1500 Fundstellen von versunkenen Schiffen, Flugzeugen, Hafen- und Küstenschutzanlagen sind bislang an der Küste Mecklenburg-Vorpommerns bekannt. Hinzu kommen versunkene Ufersiedlungen der Steinzeit und zahlreiche weitere Fundplätze an den Ufern von Flüssen und Seen. „Im westlichen Teil der Ostsee gibt es nur wenige Fundstellen, weil es dort früher kaum Häfenstädte gegeben hat und keine flächendeckende Erfassung stattfindet“, erklärt Siegel. Doch Seeverkehr habe sich auch vom Priwall bis nach Boltenhagen abgespielt. Deshalb ist auch dort einiges mehr im Wasser zu vermuten.

Bislang sind gerade einmal fünf Fundstellen von Schiffen und steinzeitlichen Siedlungsspuren bekannt. Außerdem liegen in der Boltenhagenbucht drei mit Munition beladene Schuten (Schiffe ohne eigenen Antrieb). Da sie keine Gefahr für die Schifffahrt sind, wird die Ladung bislang nicht an Land geholt. Die Datenbank, auf der Fundstellen markiert sind, ist ebenfalls nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

Bodendenkmalpfleger sichern Wracks und Anlagen

Um Wismar und die Insel Poel herum erhöht sich die Fundplatzdichte – weil es dort schon seit Jahrtausenden größere Siedlungen gibt, reger Handel getrieben wurde und es in den letzten Jahrzehnten entsprechende Bau- und Erfassungsprojekte gab. 98 dokumentierte Unterwasserentdeckungen sind in dieser Region bekannt, darunter steinzeitliche Siedlungsplätze vor der Insel Poel und Neuburg. Es würden sicherlich etliche mehr sein, wenn es mehr ehrenamtliche Unterwasserarchäologen geben würde. Zurzeit gibt es in Mecklenburg-Vorpommern 35. Offiziell heißen sie Bodendenkmalpfleger unter Wasser. Ihre Hauptaufgabe ist die Dokumentation und Sicherung gefährdeter Fundplätze. Denn wertvolle wissenschaftliche Erkenntnisse gehen durch Plünderer und Natur verloren. So können zum Beispiel starke Strömungen Wracks unterspülen und Hohlräume schaffen, durch die sie dann auseinanderbrechen. Um das zu verhindern, füllen die Unterwasserarchäologen solche Hohlräume wieder auf.

„Zeit, um die Ostsee weiter zu erforschen, bleibt kaum, außerdem gibt es für die hauptamtliche Erfassung und Dokumentation neuer und bekannter Fundstellen kaum Geld“, bedauert Martin Siegel. Er erhofft sich vom neuen Dezernenten für Unterwasserarchäologie im Landesamt für Kultur und Denkmalpflege die Förderung unterwasserarchäologischer Projekte und der mittlerweile jahrzehntelang gewachsenen Strukturen im Land.

Siegel selbst kennt sich bestens vor Kühlungsborn und Rostock aus. 2017 hat er vor dem Ostseebad Kühlungsborn mit anderen Denkmalpflegern des Vereins „Gesellschaft für Schiffsarchäologie“ (GfS) einen alten Kreidesegler gesichert. „Hölzer hatten sich gelöst. Wir haben sie mit Edelstahlverbindungen wieder am Wrack befestigt, um die Struktur zu stabilisieren“, berichtet Siegel. Derzeitigen Erkenntnissen nach könnte der mit Kreide beladene dänische Segler 1926 bei nächtlichen Schießübungen deutscher Torpedoboote gesunken sein. Fest steht das noch nicht. Durch weitere Untersuchungen – der Hölzer oder der damaligen geologische Begebenheiten – erhoffen sich die Archäologen weitere Erkenntnisse.

Ein spannendes Projekt in Rostock ist der Komplex alter Küstenschutz- oder Hafenanlagen vor Hohe Düne. Einige Hölzer, die für ein 150 mal 70 Meter großes Unterwasserbauwerk verwendet wurden, stammen aus dem 16. Jahrhundert, die eines 2013 gefundenen Bollwerks bereits aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Das haben Experten anhand von Proben festgestellt. Die werden bei vielen Funden entnommen. „Bei hölzernen Schiffen und Bollwerken machen wir das kräftezehrend mit einer Säge“, sagt Martin Siegel. Ein Bohrer wäre schonender für die Denkmale, aber auch teurer in der Entwicklung.

Die Hafenanlagen werden in diesem Jahr weiter untersucht, um sie noch besser geschichtlich einzuordnen. Dabei wird eine umfassende Betrachtung unter archäologischen, geologischen und historischen Gesichtspunkten nötig.

Mit modernen Bildaufnahmen werden 3D-Modelle errechnet

Die Fundstücke unter Wasser an Land zu präsentieren, gestaltet sich bislang schwierig. Nur wenige Menschen können selbst zu den Wracks hinuntertauchen, zudem ist die Sicht in der Ostsee schlecht, große Wracks für Ausstellungen zu präparieren teuer. So bleiben viele Zeugnisse der Geschichte im Verborgenen. Das soll sich ändern. Dafür setzen die Bodendenkmalpfleger immer stärker auf die digitale Konservierung. Das tun sie mit der „Structure from Motion“-Technik. Das heißt, sie fotografieren aus verschiedenen Winkeln viele Einzelbilder von den archäologischen Objekten. Deren Abmessungen und Ansichten werden dann mithilfe von Computer-Software dreidimensional errechnet und dargestellt. „Die Objekte können dann auch in 3D ausgedruckt werden. So sieht man, wie die Wracks und Anlagen einmal ausgesehen haben“, erklärt Martin Siegel. Er hofft, dass einige Modelle im neuen Landesmuseum gezeigt werden, das in Rostock geplant ist. „Ein Schwerpunkt der Ausstellung soll schließlich das Thema Ostsee sein.“ Die sei durch den Handel und Wandel seit der Hansezeit das wrackreichste Meer der Welt und halte bestimmt noch die eine oder andere Überraschung bereit.

Die Legende vom Neddersee

Im Dezember 2000 machte die damalige Gadebuscher Bürgermeisterin Ingrid Schafranski öffentlich, was Panzer-Fans schon lange diskutierten. Im Neddersee bei Gadebusch liegt ein Fahrzeug aus dem Zweiten Weltkrieg. Und zwar nicht irgendeins: Es soll sich dabei um einen Panzer „Tiger I“ handeln. Von diesem Typ existieren nur noch wenige Fahrzeuge weltweit.

Das Problem: Das Fahrzeug im Neddersee steckt tief im Schlamm, Ortungsgeräte hatten dort lediglich eine große Metallmasse entdeckt. Um herauszubekommen, ob es sich wirklich um einen Tiger I handelt, müsste der Tümpel trocken- und das Fahrzeug freigelegt werden. In den folgenden Jahren entwickelte sich ein heftiger Streit zwischen Naturschützern, die das Biotop unberührt lassen wollen, und Militaria-Fans, die den Panzer bergen wollen. Passiert ist bis heute nichts.

Der Neddersee liegt immer noch unberührt da, der Panzer noch ein Stück tiefer im Schlick. Geblieben ist die Legende, und Zeugenaussagen über eine Panzerbesatzung, die in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs ihr Fahrzeug dort versenkt hat.

Ein anderes Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg hat es immerhin bis zum Schaalsee geschafft. Das damals größte Flugzeug der Welt mit 94 Tonnen Gesamtgewicht und einer Spannweite von 60 Metern, die BV 222, flog im Frühjahr 1994 von Hamburg bis zum Schaalsee, wo britische Jagdflugzeuge das Flugschiff, wie es damals genannt wurde, zerstörten. Die Überreste wurden im Laufe der Jahre entfernt.

M. Prochnow

Schiffsbohrmuschel mit grenzenlosem Hunger auf Holz

Die Schiffsbohrmuschel (Teredo navalis), auch Pfahl- oder Bohrwurm genannt, leben im Holz. In der Ostsee können sie ungefähr so groß wie ein Bleistift werden. Die Tiere sehen wie Würmer aus, bohren sich in Holz, raspeln es ab und ernähren sich davon. Stimmen Wassertemperatur und Salzgehalt mit ihren Lebensansprüchen überein, können sie sich sehr stark verbreiten und ihr Hunger auf Holz ist dann fast grenzenlos: Selbst in der Ostsee hält ein 30 Zentimeter dicker Buhnenpfahl aus Kiefernholz dem Befall nicht lange stand und ist nach zwei bis drei Jahren vollständig zerstört.

Ihr Ursprung wird in den tropischen Regionen vermutet. Von dort aus könnte sich die Art durch die frühe Seefahrt in alle Welt ausgebreitet haben. In der südlichen Ostsee gibt es gegenwärtig nur eine einzige Art.

Kerstin Schröder

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